ECG – Überlebensfähigkeit von Fahrzeuglogistikern durch OEMs gefährdet

ECG – OEMS sollen nicht nur fordern, sondern in der Supply Chain auch für Planbarkeit sorgen. (Foto: Rainer Sturm / www.pixelio.de)
ECG – OEMS sollen nicht nur fordern, sondern in der Supply Chain auch für Planbarkeit sorgen. (Foto: Rainer Sturm / www.pixelio.de)

Logistikdienstleister sehen sich durch Produktionsstopps der Automobilerzeuger mit Rekordverlusten konfrontiert. Diese gefährden jetzt sogar bereits getätigte Investitionen, aber auch die Unternehmen selbst. Die Association of European Vehicle Logistics, ECG, fordert daher für die Planbarkeit in der Supply Chain nun Mengengarantien von den Automobilherstellern. Ansonsten könnten diese ihre Lieferketten sowie die Transformation in Richtung E-Mobility weit über die Coronapandemie hinaus selbst gefährden. 

Der enorme Rückgang der Produktionsvolumina aufgrund von unvorhersehbaren Materialengpässen macht nicht nur den Automobilerzeugern zu schaffen. Viele Hersteller sind dadurch seit Anfang des Jahres 2021 nicht mehr in der Lage und auch nicht bereit, Prognosen zu ihrem Produktionsvolumen abzugeben. Dabei dürfte nicht absehbar sein, wann sich diese Situation verbessern wird. Dies liegt einerseits an der weltweiten Knappheit an Halbfertigteilen und an der Halbleiterknappheit. Andererseits werden die Rohstoffe auf den Weltmärkten knapper wie etwa Aluminium, Nickel, Kobalt und anderen, für die Automobilproduktion wichtigen wie beispielsweise auch Leder.  

Investitionen dauerhaft gefährdet 

Die Produktionsstopps beeinträchtigen jedoch nicht nur die Automobilerzeuger und ihre Zuliefererindustrie, sondern sie bedroht in weiterer Folge die Transportlogistiker im Allgemeinen und die Branche der Fahrzeuglogistiker (FVL) im Besonderen. Den diese zum Teil sehr spezialisierten Dienstleister haben teilweise mit Ausfällen zu kämpfen, die zwischen 100 und 30 Prozent liegen. Doch nicht nur die Ausfälle alleine machen dieser Branche zu schaffen. Viel problematischer ist, dass die Branche mittelfristig keine Planungsperspektiven hat. Bereits getätigte Investitionen, die etwa auch die Transformation der Automobilbranche in Richtung E-Mobilität berücksichtigen, werden dadurch gefährdet. Dies geht bis in die Existenzgefährdung dieser hauptsächlich mittelständisch geprägten Transportlogistik-Sparte hinein. 

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“Unwägbarkeiten machen sinnvolle Planung unmöglich” 

Der Präsident der Association of European Vehicle Logistics, ECG, Wolfgang Gӧbel, verdeutlicht gegenüber den Medien: “Es geht dabei nicht allein um die niedrigeren Mengen. Die Unwägbarkeiten machen eine sinnvolle Planung unmöglich. Die Effizienz der Transporte ist dadurch erheblich gesunken. Dabei setzen wir alle möglichen Lösungen um, um das Geschäft zu erhalten, einschließlich der gültigen Kurzarbeiterregelung und reduzierter Betriebstage. Und all dies geschieht zu einer Zeit, in der die meisten unserer Kosten rapide steigen und die Inflation in die Höhe schnellt.” 

Fahrer kehren nicht mehr zurück 

Doch nicht nur allein dies macht der Transportbranche erheblich zu schaffen. Insbesondere die auf die Automobilindustrie spezialisierten Transportlogistiker müssen aufgrund der aktuellen Situation bereits bestehende Infrastrukturen und Anlagen stilllegen. “Dies führt zu einem dauerhaften Kapazitätsabbau”, warnt die in Brüssel ansässige ECG. So gehen im Straßenverkehrssektor beschäftigte Fahrer an andere Branchen verloren und werden wahrscheinlich nicht wieder in die Fahrzeuglogistik zurückkehren. Das verschärft den bestehenden Fahrermangel in ganz Europa weiter und erschwert die Wiederherstellung der Kapazitäten zusätzlich, ist von Logistik- und Beschäftigungsexperten zu vernehmen. “Viele Unternehmen verzeichnen erhebliche Verluste und werden nicht mehr in der Lage sein, in höhere Kapazitäten zu investieren, sobald das Volumen wieder steigt”, skizziert man im ECG die weiteren Folgen. Zudem seien Preisbindungen wie bisher bei einem so raschen Anstieg der Betriebskosten wirtschaftlich künftig nicht mehr tragbar.  

OEMs keine guten Geschäftspartner 

Die permanente Demonstration der eigenen Marktmacht durch die Automobilhersteller gegenüber den Nachfolgern in den Wertschöpfungsketten und -netzen, könnte sich für sie mittelfristig somit als Bumerang erweisen. Gehen dabei einerseits nicht nur dringend benötigte Lieferanten flöten, die auch wichtige Träger der Transformation der Branche in Richtung E-Mobility sind, auch die Dienstleister, welche die Bindeglieder zwischen den Beteiligten in den Supply Chains und Wertschöpfungsnetzen sind, gehen dadurch verloren.  

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Outbound-Logistiker werden stiefmütterlich behandelt 

Mike Sturgeon, Geschäftsführender Direktor der ECG, kritisiert daher die Hersteller scharf: „Es ist eine Tatsache, dass der Outbound-Logistiksektor völlig anders behandelt wird als die Dienstleister in der Inbound-Logistik. Die Automobilhersteller haben sich für die Fertigfahrzeuglogistik jahrelang mit überhöhten Ausschreibungsvolumina und fehlenden Volumengarantien optimiert. Dabei wurde und wird von den Logistikdienstleistern erwartet, dass sie alle Marktschwankungen auffangen und trotzdem das vereinbarte Serviceniveau erreichen.“ Er kenne keine andere Branche, die in einer derart einseitigen Beziehung stehe und er bekräftigt seine Kritik: “Die Hersteller arbeiten im Geist echter Partnerschaft mit Inbound-Zulieferern, während sie gleichzeitig Outbound-Dienstleister ungleich behandeln.“ 

Automobilhersteller gefährden ihre Lieferketten selbst 

Diese Geschäftspraxis der OEMs dürfte in dieser Form künftig nicht mehr möglich sein. Denn einige der Dienstleister dürften sich einerseits bereits in lukrativere Bereiche der Industrie umorientieren oder ganz vom Markt verschwinden. Der ECG weist in einer Presseaussendung von Anfang Dezember darauf hin, dass auf kurze Sicht die Überlebensfähigkeit von Fertigfahrzeuglogistikern stark gefährdet sei. Mittelfristig seien die Unternehmen auch nicht in der Lage, auf eine eventuelle Erholung der Volumina zu reagieren. Investitionen in die Herausforderungen der Automobilbranche, wie die Dekarbonisierung ihrer Fahrzeuge, könnten sich damit verzögern. Mit anderen Worten: Die OEMs gefährden mit der laufenden Geschäftspraxis der schieren Marktmacht ihre Lieferketten dauerhaft selbst.

ECG in Kürze

ECG, der Verband der Europäischen Fahrzeuglogistik, ist seit 1997 das Sprachrohr der Fahrzeuglogistikbranche in Europa. Die ECG vertritt die Interessen von fast 140 Mitgliedsunternehmen und Partnern, von kleinen und mittleren Familienbetrieben bis hin zu multinationalen Konzernen, und ist der wichtigste Interessenvertreter der europäischen Fahrzeuglogistikbranche. Die ECG vertritt alle Verkehrsträger auf EU-Ebene – Straße, Schiene, Seeverkehr und Binnenschifffahrt. Die ECG-Mitglieder erbringen Transport-, Vertriebs-, Lager-, Aufbereitungs- und Nachbearbeitungsdienstleistungen für Hersteller, Importeure, Autovermieter und Fahrzeugleasingunternehmen in der gesamten EU sowie in Norwegen, der Schweiz, dem Vereinigten Königreich, der Türkei, Russland, der Ukraine und darüber hinaus. Sie besitzen oder betreiben mehr als 380 Autotransportschiffe, 14.900 speziell angefertigte Eisenbahnwaggons, 28 Binnenschiffe und mehr als 27.800 Straßentransporter. 

ecgassociation.eu

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