ROLAND SEEBACHER – „Der Fachkräftemarkt ist faktisch Leergefegt“

R. Seebacher, Geschäftsführer BITO Lagertechnik Austria. (Foto: Helena Schlobach / RS Media World)
R. Seebacher: „Wir bieten die Vorteile eines Mittelstandsbetriebes. Bei uns bleibt der Mensch schlichtweg Mensch, mit all seinen positiven Seiten und Schwächen.“ (Foto: Helena Schlobach / RS Media World)

BITO Lagertechnik geht es gut, denn die Auftragsbücher sind voll. Dennoch ist Roland Seebacher, CEO des Unternehmens in Asten (OÖ), unzufrieden. Er findet nämlich kaum Fachkräfte für die Expansion seines Unternehmens, weil der Fachkräftemarkt in Österreich leergefegt ist. Was er als Mittelständler gegen den Fachkräftemangel tut und was er von der Politik fordert, darüber sprach er mit CR HaJo Schlobach.

B+L: Wie geht es BITO in Österreich?

Seebacher: Uns geht es sehr gut. Das Unternehmen mit seinen Lösungen hat eine sehr hohe Marktakzeptanz seit der Eröffnung des Standorts vor knapp zehn Jahren. Die ersten Jahre waren natürlich herausfordernd, weil das Unternehmen von Grund auf neu aufgebaut werden musste. Heute sind wir jedoch dort, wo wir sein wollen und mit unseren Lösungen bei allen namhaften Unternehmen in Industrie  und  Handel vertreten. Wir liegen sogar leicht über unserem langfristigen Planziel. Aus unserer Sicht war der Markteintritt zur richtigen Zeit, denn wir konnten das sehr gute Wachstum der Logistikbranche gut für uns nützen.

Uns geht es sehr gut. Das Unternehmen mit seinen Lösungen hat eine sehr hohe Marktakzeptanz seit der Eröffnung des Standorts vor knapp zehn Jahren.

Roland Seebacher, Geschäftsführer BITO Lagertechnik Austria

B+L: Erklären Sie unseren LeserInnen den Unterschied zwischen den Marktanforderung von früher und heute. Was hat sich seither verändert?

Seebacher: Der Markt damals war aus unserer Sicht eher vom Produktverkauf geprägt. Heute verlangen die Anwender mehr oder weniger komplexe Gesamtlösungen. Unsere Lösungen sind daher immer komplett eingebettet in einem Gesamtsystem. Zudem müssen wir heute mit anderen Systemkomponenten bzw. Teilsystemen, die nicht von uns selbst sind, kompatibel sein. Mit anderen Worten: die Systeme müssen sich miteinander vernetzen können. Im Vergleich zu unserem Beginn vor zehn Jahren in Österreich, bieten wir selbst nun komplexe Gesamtlösungen an.

B+L: Warum hat sich der Markt so geändert?

Seebacher: Weil sich die Kundenanforderungen geändert haben. Waren unsere Kunden noch vor zehn Jahren sehr stark auf die Produktion und die Optimierung der Prozesse in der Produktion fokussiert, haben die Entscheider in den Unternehmen begonnen, ihre gesamte Wertschöpfungskette zu betrachten. Die Logistik stieg durch diese Vernetzung zum integralen Bestandteil der Produktion auf. Der Bedarf an anderen Systemen, welche diese Integration unterstützen, stieg und damit auch unser Lösungs-Portfolio. So konnten wir von diesem Boom, der bis heute und morgen weiter anhält, partizipieren.

R. Seebacher (Foto: helena Schlobach / RS Media World)
R. Seebacher: „Wir finden derzeit kaum Mitarbeiter für unsere neu geschaffenen Arbeitsplätze. Gerade in Oberösterreich ist der Fachkräftemarkt faktisch leergefegt. (Foto: Helena Schlobach / RS Media World)

B+L: Am Horizont der Weltwirtschaft und damit der Wirtschaft in Österreich ziehen jedoch derzeit dunkle Wolken auf. Merkt BITO Österreich davon etwa nichts?

Seebacher: Nein, wir bemerken davon derzeit nichts. Die Nachfragetätigkeit nach Intralogistiklösungen von uns ist nach wie vor sehr stark. Allerdings ist es uns schon bewusst, dass der Abschwung auch uns irgendwann erreichen wird. Wir können uns nicht von den Märkten abkoppeln.

B+L: Was ist Ihre persönliche Prognose?

Seebacher: Die Rahmenbedingungen haben sich wegen wirtschaftlicher Konflikte, beispielsweise zwischen den USA und China, aber auch zwischen den USA und der EU, erheblich verändert. Wir werden daher eine mehr oder weniger große Delle im weltweiten Wirtschaftswachstum erleben.

Die Rahmenbedingungen haben sich wegen wirtschaftlicher Konflikte, beispielsweise zwischen den USA und China, aber auch zwischen den USA und der EU, erheblich verändert.

Roland Seebacher, Geschäftsführer BITO Lagertechnik Austria

B+L: Auch bei Ihnen in der Intralogistik-Branche?

Seebacher: Im Bereich der Intralogistik bin ich aus heutiger Sicht eher optimistisch für die mittelbare Zukunft, weil die Unternehmen die Wirtschaftsflaute für sich ausnützen und Investitionen in die Automation ihrer Prozesse  tätigen. Sie benötigen diese Investitionen, um beispielsweise ihre Läger effizienter und dichter zu machen oder schlicht und einfach wettbewerbsfähig zu sein. Die Entscheider in den Unternehmen haben erkannt, dass sie beispielsweise mit einer effizienten Lagerlogistik einen Teil ihres Ertrages erwirtschaften können. Sie wollen daher die Quadratmeter- und Personaleffizienz in ihren Lagern erhöhen. Und die Intralogistik-Branche, in der wir unterwegs sind,  kann daran mit guten Lösungen partizipieren.

B+L: Von welchen Leistungen in Lager und Produktion sprechen wir da, die effizienter werden können?

Seebacher: Wir spreche beispielsweise von Kommissionierleistungen, Transportleistungen, Bereitstellungsleistungen etc.

B+L: Das hört sich gut an. Dann müssen Sie und BITO Lagertechnik ja guten Mutes sein…

Seebacher: Das sind wir auch. Einziger Wermutstropfen an der Sache ist jedoch, dass wir derzeit an unsere Kapazitätsgrenzen gestoßen sind.

B+L: Ein Luxusproblem. Warum stellen Sie dann nicht einfach neue Leute an?

Seebacher: Weil wir derzeit kaum Mitarbeiter für unsere neu geschaffenen Arbeitsplätze  finden. Gerade in Oberösterreich ist der Fachkräftemarkt faktisch leergefegt. Und die potenziellen Mitarbeiter, die für uns infrage kommen, werden uns nicht selten vor der Nase von den Großen weggeschnappt. HTL-Absolventen sind bereits schon vor ihrem Abschluss von den großen Unternehmen verpflichtet, selbiges gilt für MIT-Studenten, die nicht einmal einen Abschluss für einen Job benötigen. Da können wir als Mittelständler nur schwer mithalten.

Gerade in Oberösterreich ist der Fachkräftemarkt faktisch leergefegt. Und die potenziellen Mitarbeiter, die für uns infrage kommen, werden uns nicht selten vor der Nase von den Großen weggeschnappt.

Roland Seebacher, Geschäftsführer BITO Lagertechnik Austria

B+L: Wie rekrutieren Sie?

Seebacher: Wie alle anderen auch: direkt an den Schulen und Unis, auf Job-Messen, auf klassischem Wege usw. Aber natürlich sind wir gegenüber bekannten und klangvollen Namen wie BMW, Voest, MAN usw., die in der Region angesiedelt sind, im Nachteil. Obgleich wir einen sehr guten Namen in der Logistik-Branche haben, sind wir bei jungen Leuten und anderen Bewerbern nicht auf dem Radar. Als Mittelständler verfügen wir zudem nicht über die finanziellen Möglichkeiten eines Großkonzerns für das Recruiting. Wir matchen uns zudem mit den Zusatz-Benefits der  Konzerne, die sie neben der Bezahlung bieten.

B+L: Was ist Ihre Unique Selling Proposition, Ihre USP, die Sie künftigen Mitarbeitern bieten? Was findet ein Mitarbeiter bei BITO Österreich?

R. Seebacher (Foto: helena Schlobach / RS Media World)
R. Seebacher: „Bito geht es gut. Wir liegen sogar leicht über unserem langfristigen Planziel.“ (Foto: Helena Schlobach / RS Media World)

Seebacher: Die Freiheiten, die wir unseren Mitarbeitern bei der Umsetzung ihrer Projekte lassen. Wir bieten ein umfangreiches, abwechslungsreiches und spannendes Aufgabenumfeld. Das unterscheidet sich erheblich von den engen Vorgaben, die in Konzernen üblich sind. Wir gehen zudem davon aus, dass Mitarbeiter ihre Freiheiten bei uns im positiven Sinne nützen. Dabei sprechen wir das Unternehmertum unserer Mitarbeiter an, denn sie können bei der Realisierung ihrer Projekte frei entscheiden, frei einkaufen und verkaufen bis hin zur Preisgestaltung. Natürlich gibt es schon ein paar Richtlinien, an die man sich halten muss. So dürfen gewisse Größenordnungen nicht überschritten werden. Hinzu kommt ein familiäres Umfeld und flache Hierarchien, die sich zwangsläufig aus der Größe des Unternehmens ergeben. Man sieht sich täglich und ist auf Augenhöhe. Eine weitere USP ist unser Prämiensystem. Es führt dazu, dass Mitarbeiter auch am Unternehmenserfolg partizipieren können. Dabei spreche ich von bis zu eineinhalb Monatsgehältern pro Jahr. Gleichzeitig sind die Prämienziele kongruent mit den Unternehmenszielen, also nicht höher. Und natürlich bieten wir unseren Mitarbeitern, wie viele andere Unternehmen auch, mehrmonatige Erfahrungsaufenthalte beispielsweise in BITO-Niederlassungen in den USA oder Middle East.

B+L: Und wie stehen Sie zum Thema Work-Life-Balance?

Seebacher: Das ist für uns sehr wichtig. Wir haben daher beispielsweise eine, bei den Mitarbeitern sehr beliebte Regelung in Hinblick auf Fenstertage. Wir arbeiten alle die Zeit für die Fenstertage herein, sodass alle Mitarbeiter gleichzeitig ihren Urlaub nehmen können. In der Zeit der Fenstertage ist somit der Betrieb zur Gänze geschlossen. Das sind so Kleinigkeiten, welche aber das Arbeiten im Team sehr entspannt.

B+L: Was muss denn ein Anwärter für einen Job bei BITO Lagertechnik in Österreich mitbringen?

Seebacher: Eine gute Frage, denn es gibt eigentlich keine Fachkraft auf dem Markt, der etwa von einer HTL kommt oder einen Beruf gelernt hat, der der sofort eigene Projekte abwickeln könnte. Die Innendienst-, Technik-und Projektverantwortlichen, die wir suchen, gibt es nicht. Sie müssen bei uns eine Schulung durchlaufen. Aber natürlich sollte die Bewerberin oder der Bewerber möglichst eine technische Ausbildung haben.

Die Innendienst-, Technik-und Projektverantwortlichen, die wir suchen, gibt es nicht. Sie müssen bei uns eine Schulung durchlaufen. Aber natürlich sollte die Bewerberin oder der Bewerber möglichst eine technische Ausbildung haben.

Roland Seebacher, Geschäftsführer BITO Lagertechnik Austria

B+L: Worauf legen Sie und BITO Österreich, neben dem technischen Know-how, besonderen Wert?

Seebacher: Auf eine hervorragende Kundenorientierung. Der Kunde ist unser Partner, der bestmögliche Services bekommen soll. Das bedeutet, dass „Serviceorientiertheit“ für uns nicht nur ein Schlagwort ist, sondern unsere Mitarbeiter müssen das auch leben. Gleichzeitig müssen Mitarbeiter bei uns über Logistikwissen verfügen und auch über Statik und Stahlbau Bescheid wissen. Dieses Know-how bekommt jeder Mitarbeiter in intensiven Schulungen oder Weiterbildungen gelernt.

B+L: Wie lange dauert so eine Schulung?

Seebacher: Mindestens eineinhalb Jahre, bis ein neuer Mitarbeiter im Projektmanagement für uns tätig sein kann. Es dauert eben eine gewisse  Zeit, bis sie diese Aufgaben für uns und unsere Kunden erfüllen können.

B+L: Zurück zum Fachkräftemangel: Wenn der Fachkräftemarkt in Österreich leergefegt ist, dann muss man zwangsläufig im Ausland suchen….

Seebacher: Stimmt! Wir setzen dabei bei den BITO-Niederlassungen an, bei denen wir um Fachkräfte werben, welche gerne in Österreich arbeiten wollen. Aber natürlich versuchen wir auch andere Quellen anzuzapfen. Allerdings macht es Österreich uns Unternehmern nicht leicht, Fachkräfte aus dem Ausland in Österreich anzusiedeln.

B+L: Was kritisieren Sie?

Seebacher: Vor allem den enormen Bürokratismus, der damit verbunden ist. Auch erhält man keine Unterstützung des Staates, Fachkräfte aus dem Ausland anzuwerben. Es ist doch so, dass der Wirtschaftsstandort Österreich den Zuzug benötigt, um auch in Zukunft wettbewerbsfähig zu bleiben. Es hat also keinen Sinn, die Eintrittshürden in den österreichischen Arbeitsmarkt für Fachkräfte unnötig hoch zu halten. Da hilft auch die Rot-Weiß-Rot-Karte nichts. Zudem sollte der Mittelstand gegenüber den Großkonzernen mehr Unterstützung finden.

B+L: Welches Zuzugsmodell sollte man in diesem Zusammenhang näher betrachten?

Seebacher: Kanada hat ein Zuzugsmodell, welches einerseits den Zuzug genau regelt und Bewerbern zeigt, ob sie im Land gebraucht werden oder nicht. Die kanadische Bürokratie unterstützt dann den Bewerber, sobald Kanada das OK gab, von der Einreise bis zur Wohnungssuche. Es ist eine Willkommenskultur für  Menschen, die etwas können. Ein solches Modell könnte man auch für Österreich adaptieren.

B+L: Vielen Dank für das tolle Gespräch.

bito.at

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