Der Iran-Krieg, der hohe Energiekosten zur Folge hat und Lieferketten stört, dämpft weiterhin die Konjunktur der stärksten Volkswirtschaft der EU, Deutschland. Wie das Deutsche Institut der Wirtschaftsforschung (DIW) mitteilt, bleibt das Wachstum der deutschen Wirtschaft auf 97,9 Zählern und damit knapp unter dem neutralen Wert von 100. Das ist etwas besser als im März und deutlich besser als im Vergleichsmonat 2025.
(Foto: Klaus-Uwe Gerhardt / www.pixelio.de)
Das Konjunkturbarometer des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) ist im April leicht auf 97,9 Punkte gestiegen. Nach dem Vier-Jahres-Hoch im Februar, gefolgt von einem deutlichen Rückgang im März, verharrt der Barometerwert damit weiter unterhalb der neutralen 100-Punkte-Marke, die ein durchschnittliches Wachstum der deutschen Wirtschaft anzeigt. Der seit dem Herbst zu beobachtete Aufwärtstrend ist vorerst zum Erliegen gekommen. Das Barometer liegt aber weiterhin über den Werten des vergangenen Jahres.
DIW – Unsicherheit bleibt bestehen
Die wirtschaftliche Lage in Deutschland wird mittelfristig weiter merklich vom Krieg im Nahen Osten beeinflusst. Denn die Eskalation hat die Unsicherheit an den internationalen Energiemärkten spürbar erhöht. Der damit verbundene Anstieg der Öl- und Gaspreise schlägt sich seit Kriegsbeginn weiter in einem erhöhten Inflationsdruck nieder. Steigende Kosten für Unternehmen, eine geschwächte globale Nachfrage und zunehmende Risiken für internationale Lieferketten prägen aktuell die Stimmung. Auch die reale Kaufkraft der privaten Haushalte wird merklich belastet. All dies dämpft nicht nur die ohnehin schwächelnden deutschen und damit auch die österreichischen Exporte. Auch die Dynamik der Binnenwirtschaft, die zuletzt noch stabilisierend wirkte, bremst sich ein. Zwar tragen staatliche Maßnahmen in den Bereichen Verteidigung, Infrastruktur und Klimatransformation zur Stabilisierung bei und entfalten schrittweise Wirkung. Diese Effekte werden derzeit jedoch durch die externen Belastungen teilweise überlagert. „Die geopolitische Eskalation trifft die deutsche Wirtschaft in einer Phase, in der sich gerade eine dynamische Erholung abgezeichnet hat“, sagt DIW – Konjunkturchefin Geraldine Dany-Knedlik hierzu. „Steigende Energiepreise und die hohe Unsicherheit dürften den weiteren Aufschwung bremsen.“
Industrie schwächelt weiter
In der Industrie bleibt das Gesamtbild weiterhin schwach und von hoher Unsicherheit geprägt. Schon vor Kriegsausbruch entwickelte sich die Industrieproduktion in Deutschland nur verhalten. Zwar stützen staatliche Nachfrageimpulse, insbesondere aus dem Verteidigungsbereich, einzelne Produktionssegmente. Sie reichen jedoch bislang nicht aus, um die breite Industrieschwäche auszugleichen. Die zu Jahresbeginn sichtbare vorsichtige Zuversicht, gestützt unter anderem durch eine stabilere Auslandsnachfrage, hat sich zuletzt wieder eingetrübt: Die ifo-Geschäftserwartungen gaben im März und April deutlich nach. „Die ohnehin gedämpfte Investitionsbereitschaft der Unternehmen wird durch die aktuelle Spannungslage zusätzlich geschwächt“, sagt Laura Pagenhardt, DIW-Konjunkturexpertin. „Die hohe Unsicherheit über geopolitische Entwicklungen, Energiepreise und die globale Konjunktur erschwert die Planung deutlich und bremst die beginnende Aufhellung der Industrie.“
DIW – Konsumklima schwächt Dienstleistungssektor
Auch im Dienstleistungssektor trübt sich die Stimmung etwas ein. Die nachlassende Kaufkraft der Haushalte dämpft das Konsumklima. Das führt wiederum zu einer spürbaren Eintrübung der Erwartungen der Dienstleistungsunternehmen. Der deutsche Arbeitsmarkt zeigt sich zwar insgesamt robust; in Umfragen äußern Unternehmen jedoch eine geringere Einstellungsbereitschaft angesichts der anhaltenden konjunkturellen Schwäche. Die Beschäftigungslage bleibt im historischen Vergleich dennoch hoch. „Der Krieg im Nahen Osten dämpft den im Winter aufkeimenden Aufschwung spürbar und trifft auf eine Wirtschaft, die durch eine jahrelange Schwächephase und einen aufgestauten Reformbedarf angeschlagen ist“, resümiert Konjunkturexperte Guido Baldi. „Umso wichtiger ist es, dass trotz der momentanen Krise die Reformbemühungen im Inland und zur Stärkung des europäischen Binnenmarktes nicht nachlassen.“
DIW in Kürze
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) ist eines der führenden wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitute in Deutschland. Es wurde 1925 gegründet und hat seinen Sitz in Berlin. Das DIW betreibt unabhängige, praxisnahe Forschung zu zentralen wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Themen, darunter Konjunktur, Arbeitsmarkt, Finanzmärkte, Energie und Klima, öffentliche Finanzen sowie soziale Ungleichheit. Ziel ist es, fundierte wissenschaftliche Analysen für Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit bereitzustellen. Besonders bekannt ist das Institut für seine Konjunkturprognosen und das Sozio-ökonomische Panel (SOEP), eine der weltweit bedeutendsten Langzeitbefragungen von Haushalten. Das DIW wird überwiegend öffentlich finanziert und ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft.
