HARD BREXIT – „Egal was passiert, die Waren müssen fließen“

Hard Brexit (Foto: Tim Reckmann / www.pixelio.de)
Die Unternehmen bereiten sich auf einen Hard Brexit vor. (Foto: Tim Reckmann / www.pixelio.de)

Während man in Großbritannien völlig kopflos auf den Hard Brexit zusteuert, zeigen sich Unternehmen auf dem Kontinent weitgehend gelassen. So haben viele längst konkrete Maßnahmen getroffen. Sie wollen die Auswirkungen vor allem eines „Hard Brexit“ möglichst gering halten. Dies ergab eine Umfrage im Rahmen der Messe transport logistic 2019 in München. Fraglich ist jedoch ihre Wirksamkeit.

Einfuhrzölle, Warenkontrollen, großer bürokratischer Aufwand und damit längere Laufzeiten und höhere Kosten – sollte der Güterstrom zwischen Großbritannien und dem Rest Europas ins Stocken geraten oder gar abreißen, wäre der wirtschaftliche Schaden immens. Dabei sind bedeutende Wirtschaftszweige wie Automobil- oder Lebensmittelbranche auf pünktliche und schnelle Lieferungen angewiesen. Trotz des drohenden Hard Brexit -Chaos zeigen sich viele Logistik-Profis in einer aktuellen Umfrage unter 2.680 Messeteilnehmern der transport logistic unaufgeregt: „38 Prozent der Befragten gaben an, dass sie auf alle Eventualitäten eingestellt sind. 50 Prozent sehen sich nicht unmittelbar betroffen und nur 12 Prozent befürchten massive Beeinträchtigungen durch einen harten Brexit“, sagt Stefan Rummel, Geschäftsführer der Messe München.

S. Wiese (Foto: Dachser / RS Media World Archiv)
S. Wiese: „Wir verfolgen die Entwicklungen sehr genau, stimmen uns zentral mit allen betroffenen Unternehmensbereichen ab und stehen im engen Kontakt mit unseren Kunden.“ (Foto: Dachser / RS Media World Archiv)

Chaos vorprogrammiert. Ob man sich auf alle Eventualitäten vorbereiten kann, darf bezweifelt werden. Bis dato existieren zwar Pläne in den Schubladen der Unternehmen, doch können diese Kaum das Defizit ausgleichen, welches dadurch entsteht, dass seitens Großbritanniens noch nicht einmal die richtigen Zoll-Formulare existieren. Es ist noch nicht einmal bekannt, ob es Übergangsfristen gibt und wie lange diese Dauern. Nach dem Rücktritt von Premierministerin Theresa May und der Unklarheit, wer der neue Premierminister ist, ist ein Hard Brexit ohne Übergangsfristen immer wahrscheinlicher – und damit ein rechtliches Chaos.

Hard Brexit ist Horror für Automobilindustrie. Gerade für die Automobil-Industrie ist der drohende Hard Brexit ein Horror-Szenario, denn selbst wenn die Lager auf der Insel bis zum Bersten gefüllt sind, halten diese keine zwei Tage die Automobil-Produktion im Laufen. Ein Stillstand der Bänder und ruinöse Pönalzahlungen für die Zulieferer sind somit vorprogrammiert.    

Verunsicherung bei britischen Unternehmen

Dass die Briten sich wappnen, belegt auch das Transportbarometer von Timocom: Die Lkw-Transporte ins Vereinigte Königreich sind im ersten Quartal 2019 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum stark gestiegen. Die Statistik der Frachtenbörse zu Transportangebot und -nachfrage in Europa weist bei Transporten auf die Insel einen Zuwachs von 112 Prozent aus. Daneben plant rund jedes dritte britische Unternehmen, seine Geschäfte ins Ausland zu verlegen. Das ergab eine Umfrage des britischen Wirtschaftsverbands Institute of Directors (IOD) unter 1.200 Firmenchefs im Januar 2019. Doch dürfte jede Maßnahme mit hohen Risiken verbunden sein. Der Grund: Niemand kennt das Austrittsszenario und wie es verwaltungstechnisch bewältigt wird. Seitens der Hard Brexiteers wie Nigel Farage oder Borris Johnson gibt es keinerlei Plan dafür, was nach dem Hard Brexit passieren soll. Die Verunsicherung der britischen Unternehmen ist daher sehr hoch.

Hard Brexit: „Die Waren müssen fließen.“

M. van Dijk (Foto: Port of Rotterdam / RS Media World Archiv)
M. van Dijk: „All diese Vorbereitungen sind notwendig, um die negativen Folgen des Brexits so weit wie möglich abzumildern. Sie sind jedoch nur dann wirksam, wenn alle in der Logistikkette zusammenarbeiten. Dies ist eine Voraussetzung für reibungslose Handelsströme, wie wir immer wieder betonen.“ (Foto: Port of Rotterdam / RS Media World Archiv)

Vor allem am Nadelöhr zwischen Calais und Dover, wo täglich über 11.000 LKWs verkehren, wird es im Falle eines ungeregelten Austritts zu Staus und Wartezeiten kommen. Auf dieses Szenario bereitet sich auch der Logistikdienstleister Dachser intensiv vor. In einem internen Projektteam setzen sich Experten aus verschiedenen Unternehmensbereichen mit dem Brexit auseinander, mit Fragen zur Verzollung über Mengensteuerung und Verkehrsführung bis hin zu IT-, Personal- und Kommunikationsthemen. „Wir verfolgen die Entwicklungen sehr genau, stimmen uns zentral mit allen betroffenen Unternehmensbereichen ab und stehen im engen Kontakt mit unseren Kunden“, sagt Steffen Wiese, Head of Sales European Logistics, North Central Europe bei Dachser. Das Unternehmen ist seit 1975 mit einer Landesgesellschaft in UK präsent und beschäftigt dort an vier Standorten knapp 450 Mitarbeiter. 2018 erwirtschaftete Dachser UK 105,4 Millionen Euro Brutto-Umsatz und transportierte rund 780.000 Sendungen mit einer Tonnage von rund 600.000 Tonnen. Wiese betont: „Der Brexit ist sicherlich eine nicht alltägliche Herausforderung. Doch wir haben alle uns zur Verfügung stehenden Maßnahmen getroffen, den Warentransport aus und von Großbritannien weiterhin so flüssig wie möglich abzuwickeln. Egal was passiert, die Waren müssen fließen.“

Brexit kostet bereits Millionen

Auch die Niederlande sind als logistische Drehscheibe und aufgrund ihrer eng verflochtenen Lieferketten mit Großbritannien stark betroffen. So gingen rund 8,8 Prozent der niederländischen Exporte laut Eurostat 2017 ins Vereinigte Königreich. Der größte Hafen Europas, der Hafen Rotterdam, bereitet sich intensiv auf den Brexit vor und hat hier bisher etwa 1,5 Millionen Euro investiert. Es wird erwartet, dass durch den Brexit rund 10.500 Schiffe pro Jahr zusätzlich kontrolliert werden müssten. Hierfür wären hunderte zusätzliche Mitarbeiter, unter anderen aus den Bereichen Zoll, Veterinärmedizin und Lebensmittelkontrolle, nötig. Daneben wurde in ein neues digitales Meldesystem investiert. Hier sollen Handelsfirmen, die mit Großbritannien Geschäfte machen, ihre Ladung anmelden. Betroffen sind nach Schätzungen der Hafengesellschaft rund 4.200 Unternehmen. Zudem hat der Hafen mit einer Simulation die Auswirkungen des Brexit auf die Fährterminals analysiert. Daraufhin wurden zusätzliche Parkplätze für LKWs eingerichtet und Flyer an die Fahrer mit den wichtigsten Änderungen verteilt. „All diese Vorbereitungen sind notwendig, um die negativen Folgen des Brexits so weit wie möglich abzumildern. Sie sind jedoch nur dann wirksam, wenn alle in der Logistikkette zusammenarbeiten. Dies ist eine Voraussetzung für reibungslose Handelsströme, wie wir immer wieder betonen“, sagt Mark van Dijk, Manager External Affairs beim Port of Rotterdam. „Viele Logistiker haben sich bestmöglich für den Brexit gewappnet. Doch längst nicht jedes Unternehmen ist ausreichend vorbereitet – gerade kleine und mittelständische Firmen sind hier herausgefordert. Die transport logistic bietet die ideale Plattform, sich zum Brexit zu informieren und untereinander auszutauschen“, sagt Stefan Rummel.

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