Russland – Zuletzt verkündete der russische Staatschef Putin im Rahmen eines öffentlichen Statements vor Zuschauern, Russland stehe mit seiner Kriegswirtschaft deutlich besser da als viele westliche Industrienationen. Als Beleg verwies er auf das wachsende Bruttoinlandsprodukt (BIP) und die Kaufkraftparität. Doch wirtschaftliche Kennzahlen allein erklären weder die tatsächliche Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft noch ihre Zukunftsfähigkeit. Völlig unterschätzt werden dabei vor allem die unsichtbaren Elemente des Kapitalstocks einer Volkswirtschaft wie Humankapital, Lieferketten-Netzwerke und die Logistik – gerade im Krieg. 

(Beitragsbild: Arkadius Neumann / www.pixelio.de)

Eine Analyse von Hans-Joachim Schlobach 

Russlands Wirtschaft sendet seit Beginn des Ukraine-Krieges widersprüchliche Signale. Während offizielle Statistiken zeitweise beachtliche Wachstumsraten ausweisen, warnen zahlreiche Ökonomen vor strukturellen Belastungen. Die Zentralbank kämpft gegen Inflation und Geldentwertung, der Staat erhöht hingegen seine Militärausgaben auf Rekordniveau, und zentrale Bereiche der Energie-, Transport- und Logistikinfrastruktur geraten zunehmend unter Druck. 

Ist Russland also wirtschaftlich robuster, wie das Wladimir Putin die eigene Bevölkerung glauben machen will und viele westliche Beobachter nicht erwartet haben? Oder untergraben Krieg und Sanktionen längst die wirtschaftlichen Grundlagen des Landes? 

Die Antwort liegt zwischen diesen beiden Extremen. Wer die Entwicklung Russlands jedoch verstehen will, darf sich daher weder auf das BIP noch auf einzelne Schlagzeilen verlassen, die von staatlichen Stellen produziert werden. Entscheidend ist vielmehr die Frage, ob die gegenwärtige Wirtschaftsleistung in Russland auch im Krieg neuen Wohlstand schafft oder ob das Land zunehmend von seiner vorhandenen wirtschaftlichen Substanz lebt. 

Noch grundsätzlicher formuliert: Eine Volkswirtschaft lebt nicht allein von ihren Rohstoffen, Fabriken oder Finanzmitteln. Wohlstand entsteht erst dann, wenn diese Vermögenswerte über funktionierende Wertschöpfungs- und Lieferketten miteinander verbunden werden. Genau diese Netzwerke geraten durch Krieg, Sanktionen und geopolitische Verschiebungen zunehmend unter Druck. 

Wachstum – Das BIP zeigt nur einen Teil der Wirklichkeit 

Russland - Das BIP ist nach Außen hin schön anzusehen. Doch liegt die Wahrheit erst hinter dem Bild. (Foto: Annamartha / www.pixelio.de - St. Petersburg)
Russland – Das BIP ist nach Außen hin schön anzusehen. Doch liegt die Wahrheit erst hinter dem Bild. (Foto: Annamartha / www.pixelio.de – St. Petersburg)

Tatsache ist: Das BIP gilt gemeinhin als die bekannteste Kennzahl einer Volkswirtschaft. Steigt das BIP, wird dies häufig als Ausdruck wirtschaftlicher Stärke interpretiert. Was für Friedenszeiten zumeist sogar zutrifft, kann in Kriegswirtschaften jedoch zu Fehlinterpretationen führen. Denn das BIP misst lediglich den Wert aller innerhalb eines Jahres produzierten Waren und Dienstleistungen. Es sagt jedoch wenig darüber aus, ob diese Produktion die gegenwärtige und zukünftige Leistungsfähigkeit eines Landes stärkt. 

Ein einfaches Beispiel verdeutlicht den Unterschied: Errichtet ein Unternehmen eine neue Produktionshalle, erhöht sich zunächst das BIP. Gleichzeitig entsteht ein Vermögenswert, der über Jahre oder Jahrzehnte zusätzliche Erträge erwirtschaften kann. Werden dagegen hauptsächlich Güter produziert, die unmittelbar verbraucht oder zerstört werden, steigt zwar ebenfalls die Wirtschaftsleistung, der Kapitalstock wächst hingegen nicht. Genau darin liegt eine der Besonderheiten jeder Kriegswirtschaft, auch der von Russland. 

Krieg erzeugt Nachfrage und nicht automatisch Wohlstand 

Militärausgaben wirken tatsächlich wie ein staatliches Konjunkturprogramm. Der Staat bestellt Panzer, Munition, Fahrzeuge oder Kommunikationssysteme. Unternehmen erhalten Aufträge, Beschäftigte beziehen Löhne und Zulieferer produzieren zusätzliche Komponenten. In der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung erscheint dies als wachsender Output.  

Doch diese Betrachtung greift zu kurz. Denn während zivile Investitionen Produktionskapazitäten erweitern oder die Produktivität steigern können, dient militärische Produktion in erster Linie dem unmittelbaren Verbrauch. Wird ein Panzer zerstört, endet nämlich gleichzeitig sein wirtschaftlicher Nutzen. 

Noch wichtiger ist jedoch ein anderer Aspekt: Die militärische Nachfrage des Staates erzeugt zwar Produktion, schafft aber nicht automatisch neue wirtschaftliche Netzwerke, zusätzliche Exportmöglichkeiten oder nachhaltige Wertschöpfung. Langfristiger Wohlstand entsteht nämlich nicht allein durch Produktion, sondern durch die Fähigkeit, produzierte Güter dauerhaft in funktionierende Märkte und Lieferketten im In- und Ausland einzubinden. Volkswirtschaftlich betrachtet besteht deshalb ein grundlegender Unterschied zwischen laufender Wertschöpfung und langfristiger Kapitalbildung. 

Kapitalstock entscheidet über Wohlstand 

Russland - Trotz hoher Militärausgaben kommt auf dem Land nur wenig bei den Menschen an. (Foto: Jerzy / www.pixelio.de)
Russland – Trotz hoher Militärausgaben kommt auf dem Land nur wenig bei den Menschen an. (Foto: Jerzy / www.pixelio.de)

Ökonomen unterscheiden deswegen seit Langem zwischen der jährlichen Wirtschaftsleistung und dem Kapitalstock einer Volkswirtschaft. Dazu gehören Industrieanlagen, Verkehrswege, Energieversorgung, Häfen und Logistikzentren ebenso wie Forschungseinrichtungen, digitale Infrastruktur und viele gut ausgebildete Fachkräfte.  

Für eine moderne Volkswirtschaft reicht jedoch der bloße Besitz dieser Vermögenswerte nicht aus. Erst das Zusammenspiel von Infrastruktur, Transportwegen, Absatzmärkten, Finanzierungsstrukturen und internationalen Lieferketten macht sie wirtschaftlich produktiv. Entscheidend dafür ist der Faktor “Mensch”. 

Beispielsweise eine Raffinerie besitzt ihren eigentlichen Wert nicht allein aufgrund ihrer technischen Anlagen. Ihr wirtschaftlicher Nutzen entsteht erst durch den Zugang zu Pipelines, Bahnverbindungen, Tanklagern, Häfen, Versicherungen, Finanzierungspartnern und Kunden. Ähnlich verhält es sich bei nahezu allen strategischen Vermögenswerten einer Volkswirtschaft. Der Kapitalstock umfasst daher nicht nur sichtbare Anlagen, sondern auch die (logistischen) Netzwerke, die deren Nutzung überhaupt ermöglichen. 

Steigt das BIP, während zugleich die Infrastruktur altert oder zerstört wird, Investitionen zurückgehen, logistische Verbindungen geschwächt werden und/oder qualifizierte Arbeitskräfte verloren gehen, entsteht ein negatives Spannungsfeld, das häufig erst Jahre später sichtbar wird. Kurzfristiges Wachstum und langfristige Schwächung schließen sich also keineswegs aus. 

Russland zwischen Statistik und Realität 

Die russische Wirtschaft hat sich seit Kriegsbeginn zweifellos widerstandsfähiger gezeigt als viele Beobachter unmittelbar nach dem Einmarsch in die Ukraine erwartet hatten. Die Wirtschaft zeigte sogar Tendenzen, sich heißzulaufen. Das bestätigt auch die Gouverneurin der russischen Zentralbank (CBR), Elwira Nabiullina im Rahmen einer Pressekonferenz zum Leitzinsentscheid am 26. Juli 2024. Sie sagte damals: „The economy is still in a state of significant overheating“, wie Interfax und Tass berichteten.

Und in der Tat: Umfangreiche staatliche Rüstungsaufträge stabilisierten in Russland sowohl Produktion als auch Beschäftigung und verhinderten einen abrupten wirtschaftlichen Einbruch durch den Krieg und den darauffolgenden Sanktionen. Gleichzeitig mehren sich seither jedoch auch die Hinweise auf strukturelle Belastungen. Die Inflation bleibt nämlich hoch. Die CBR hält darum die Leitzinsen auf einem ungewöhnlich hohen Niveau. Der Zinssatz bewegt sich seit Kriegsbeginn fast ausschließlich im zweistelligen Bereich zwischen 12 Prozent und 20 Prozent. Unternehmen berichten zudem über Fachkräftemangel. Und zivile Investitionen in Schulen, Kindergärten, Straßen, Krankenhäuser usw. geraten seither zunehmend unter Druck.

Hinzu kommt eine wachsende Konzentration wirtschaftlicher Aktivitäten auf militärische Produktion und staatliche Nachfrage. Dadurch entsteht bei genauerer Betrachtung ein Bild, das widersprüchlicher kaum sein kann: kurzfristige Stabilität bei gleichzeitig zunehmenden Risiken für die langfristige Wettbewerbsfähigkeit, weil die ökonomische Diversität schrumpft. 

Für die Bewertung dieser Entwicklung reicht es vor diesem Hintergrund deshalb nicht aus, allein Produktionsmengen oder Wachstumsraten zu betrachten. Ebenso wichtig ist die Frage, ob Russland seine wirtschaftlichen Vermögenswerte künftig noch mit derselben Effizienz in Wertschöpfung umwandeln kann wie vor dem Krieg. Genau das ist jedoch anzuzweifeln. 

Russland als Unternehmen gedacht 

Russland - So lange die Raffinerien in Russland unbeschädigt waren und die Logistiknetzwerke funktionierten, wurde genügend Wertschöpfung erzeugt, um den Krieg zu finanzieren. (Foto: Tim Reckmann / www.pixelio.de)
Russland – So lange die Raffinerien in Russland unbeschädigt waren und die Logistiknetzwerke funktionierten, wurde genügend Wertschöpfung erzeugt, um den Krieg zu finanzieren. (Foto: Tim Reckmann / www.pixelio.de)

Betrachtet man Russland allerdings mit der Logik eines Unternehmers, einer Bank oder Investors, wird die Verzerrung des Bildes erst richtig deutlich. Ein Unternehmen würde von ihnen nicht allein nach seinem Umsatzwachstum beurteilt. Ebenso wichtig wären der Zustand der Produktionsanlagen, die Qualität der Belegschaft, die Innovationsfähigkeit und die langfristige Tragfähigkeit des gesamten Geschäftsmodells. 

Darüber hinaus würde geprüft, ob die vorhandenen Vermögenswerte auch künftig noch Erträge erwirtschaften können. Eine Fabrik, deren Zulieferer fehlen, ist weniger wert als eine vollständig eingebundene Produktionsstätte. Ein Hafen ohne ausreichende Handelsströme verliert seine wirtschaftliche Bedeutung. Und Rohstoffvorkommen verlieren an Ertragskraft, wenn Transportwege, Absatzmärkte, Finanzierungsmöglichkeiten und Verarbeitungsmöglichkeiten wie etwa in Raffinerien eingeschränkt werden.

Genau deshalb rückt bei der volkswirtschaftlichen Betrachtung eine andere Kennzahl in den Mittelpunkt: der Kapitalstock der Volkswirtschaft. Gemeint sind damit nicht nur Fabriken und Maschinen, sondern ebenso Verkehrswege, Energieanlagen, digitale Infrastruktur, Forschungszentren, der Faktor “Mensch” und die Qualifikationen der Menschen. Erst in ihrer Gesamtheit bilden sie das Fundament zukünftiger Wertschöpfung einer Volkswirtschaft. Zu diesem Kapitalstock zählen darum auch jene oft unsichtbaren Verbindungen, die moderne Volkswirtschaften erst funktionsfähig machen: Lieferketten-Netzwerke, Logistikketten, Transportkorridore, Distributionsnetzwerke, Exportverbindungen und internationale Wertschöpfungsketten. Denn eine Fabrik produziert zwar Güter, Wohlstand entsteht allerdings erst dann, wenn diese Güter ihre Märkte erreichen. Die entscheidende Frage lautet in Bezug auf Russland ist daher nicht, ob das BIP wächst oder stagniert.  Entscheidend ist, ob dieses Wachstum die wirtschaftlichen Möglichkeiten der Zukunft erweitert oder auf dem Verbrauch bestehender Substanz beruht. 

An dieser Stelle kommt der russischen Zentralbank (CBR) eine besondere Bedeutung zu. Sie ist die Hüterin des Rubels und seiner Stabilität. Darum verraten ihre Entscheidungen viel mehr und verlässlich über den tatsächlichen Zustand der russischen Wirtschaft als politische Verlautbarungen und/oder verkündete kurzfristige Wachstumszahlen. 

Paradoxon – Wenn Wachstum den Kapitalstock aufzehrt 

Der Kapitalstock eines Landes ist daher auch ein zentrales Element, auf den alle Zentralbanken der Welt fokussieren. Solange dieser Kapitalstock wächst oder zumindest erhalten bleibt, kann eine Volkswirtschaft auch größere Krisen und sogar einen Krieg bewältigen. Werden jedoch notwendige Investitionen dauerhaft verschoben oder Ressourcen überwiegend für den laufenden Verbrauch wie etwa Bomben und Granaten an der Front eingesetzt, entsteht eine Entwicklung, die häufig erst Jahre später sichtbar wird: Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft nimmt insgesamt ab, obwohl aktuelle Wachstumszahlen Stabilität und wirtschaftliche Stärke signalisieren.  

Investitionen als Grundlage künftigen Wohlstands 

Russland - Häfen wie der von Wladiwostok erzeugen erst dann Wertschöpfung, wenn über sie Waren distribuiert werden. (Foto: Jerzy Sawluk / www.pixelio.de)
Russland – Häfen wie der von Wladiwostok erzeugen erst dann Wertschöpfung, wenn über sie Waren distribuiert werden. (Foto: Jerzy Sawluk / www.pixelio.de)

Jede Volkswirtschaft steht darum permanent vor derselben Entscheidung: Sollen verfügbare Mittel konsumiert oder investiert werden? 

Investitionen schaffen die Voraussetzungen für zukünftiges Wachstum. Neue Maschinen erhöhen die Produktivität, moderne Produktionsanlagen verbessern die Wettbewerbsfähigkeit, Forschung ermöglicht Innovationen und Bildungsinvestitionen schaffen qualifizierte Fachkräfte. Dasselbe gilt für Häfen, Bahnnetze, Logistikzentren, Pipelines und digitale Steuerungsstrukturen. Sie alle erzeugen nicht unmittelbar Konsum, erhöhen aber die Fähigkeit einer Volkswirtschaft, Wertschöpfung zu schaffen. Elwira Nabiullina bringt die negativen Effekte für die russische Volkswirtschaft auf den Punkt, welche Kürzungen von Investitionen in welcher Form auch immer haben, im Rahmen ihrer Pressekonferenz am 26. Juli 2024: „A shortage in these resources could lead to a situation where the rate of economic growth would slow down despite all attempts to stimulate demand.“ 

Wenn es bei zivilen Investitionen krankt 

Genau das passiert in Kriegswirtschaften nahezu immer. Auch in Russland verschieben sich die Prioritäten weg von zivilen Investitionen beinahe zwangsläufig in Richtung Krieg. Ein erheblicher Teil der verfügbaren Ressourcen muss heute in Russland für militärische Zwecke ausgegeben werden, will Putin seinen Krieg gewinnen. Wie die Tagesschau im Frühjahr 2026 berichtete, machten die Ausgaben für Verteidigung und innere Sicherheit 32,5 Prozent der offiziellen Staatsausgaben aus. Für 2026 hat die Duma in Moskau beschlossen, diese Ausgaben um weitere 13,5 Billionen Rubel zu erhöhen. Die “nationale Verteidigung” und die “innere Sicherheit” machen heuer daher rund 41 Prozent des gesamten Staatshaushaltes aus.  

Zum Vergleich: In Deutschland sieht der Bundeshaushalt 2026 Gesamtausgaben von rund 520,5 Milliarden Euro vor. Davon entfallen auf die Verteidigung 82,7 Milliarden Euro auf den regulären Verteidigungshaushalt (Einzelplan 14) und 25,5 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen für die Bundeswehr. Rechnet man das auf den gesamten Bundeshaushalt um, ist das eine Quote von 20,8 Prozent. Der Unterschied: die so entstandenen Werte werden nicht verbraucht, denn Deutschland befindet sich nicht im Krieg.

In Russland sind das hingegen Ausgaben, die allein dem unmittelbaren Verbrauch dienen und daher nicht nachhaltig sind. Das Problem dabei: Finanzmittel, industrielle Kapazitäten und qualifizierte Arbeitskräfte stehen dadurch für zivile Investitionen nur noch eingeschränkt zur Verfügung. Ökonomen sprechen hierbei von Opportunitätskosten. Für Russland bedeutet dies konkret, dass jeder Rubel, der in Waffenproduktion, Munition oder militärische Infrastruktur investiert wird, an anderer Stelle für Bildung, Forschung, Digitalisierung, Verkehrswege oder den Ausbau moderner Produktions- und Logistiksysteme fehlt. 

Die Folgen sind im BIP unsichtbar 

Die Folgen solcher Entscheidungen erscheinen selten unmittelbar in den Wirtschaftsdaten. Häufig zeigen sie sich erst viele Jahre später in Form geringerer Produktivität, sinkender Wettbewerbsfähigkeit und einer schwächeren Position in internationalen Wertschöpfungsketten. Genau dieser langfristige Effekt wird darum in der öffentlichen Debatte oft unterschätzt. Gleichzeitig fällt es Populisten wie W. Putin dadurch lange Zeit leicht, von den eigentlichen Problemen der “Kriegswirtschaft Russland” abzulenken. Erst wenn es dann ans Eingemachte der Verbraucher geht und die Folgen der Kriegswirtschaft unübersehbar werden, müssen sie sich schwierigen Fragen stellen. 

Das passiert gerade in Russland. So berichtet die Journalistin in ihrem Blog auf Facebook darüber, dass jetzt das Parlament der russischen Republik Burjatien (südliches Sibirien, östlich des Baikalsees) einen großen Fragenkatalog an den Kreml aufgestellt hat mit der Aufforderung, Staatspräsident Putin möge persönlich ins Parlament in die Hauptstadt Ulan-Ude kommen und diese Fragen beantworten. Dabei geht es lt. A. Danylchuk um hohe Gas- und Benzinpreise, obgleich die Republik auf enormen Gas- und Erdölvorkommen sitzt. Gleichzeitig wird gefragt, warum die Staatskassen Burjatiens heute leer sind. Und es wird eindringlich nach den Männern gefragt, welche von Putin in die “militärische Spezialoperation” geschickt wurden. Es handelt sich dabei immerhin um rund zwei Prozent der männlichen Bevölkerung, vorwiegend junge Männer. Aktuellen Berichten zufolge hält sich W. Putin deswegen in Burjatien auf. 

Der unsichtbare Verschleiß 

Russland - Die russische Volkswirtschaft ist schon vor dem Krieg mit ernsthaften Substanzverlusten konfrontiert. Die Substanzverluste sind schleichend. (Foto: In einer Straßenbahn in Wladiwostok. Jezy Sawluk / www.pixelio.de)
Russland – Die russische Volkswirtschaft ist schon vor dem Krieg mit ernsthaften Substanzverlusten konfrontiert. Die Substanzverluste sind schleichend. (Foto: In einer Straßenbahn in Wladiwostok. Jezy Sawluk / www.pixelio.de)

Ohne die Vorkommnisse beurteilen zu wollen, weisen die Diskussionen in Russland darauf hin, dass die russische Volkswirtschaft mit ernsthaften Substanzverlusten konfrontiert ist. Die Substanzverluste entstehen dabei nicht nur durch direkte Kriegsschäden. Mindestens ebenso bedeutsam, wenn nicht gar bedeutsamer ist der schleichende Verschleiß bestehender Vermögenswerte…und dieser dürfte in Russland schon längere Zeit in vollem Gange sein. 

Darauf wies auch CBR-Chefin E. Nabiullina letzten Herbst bei ihren Ausführungen am 30. Oktober 2025 in der Duma hin. Russland bewege sich ökonomisch in dieselbe Richtung wie in den 1990ern, wies sie eindringlich auf die Situation hin. Sie argumentierte, dass die aktuelle einseitige Überhitzung der Wirtschaft, Angebotsengpässe und Inflationsrisiken Russland wieder in Zustände zurückwerfen könnten, die an die wirtschaftlichen Verwerfungen der 1990er Jahre erinnern. Sie sagte: „We went through it in the 1990s. You remember very well what happened with economic growth, with investments, and whether there was long-term ruble lending back then.“ Zu diesem Zeitpunkt hatte die Sowjetunion ihr militärisches Abenteuer in Afghanistan finanziell noch nicht verkraftet und steckte zudem in einem massiven Rüstungswettlauf mit der NATO, dem die Staatsführung alles unterordnete. Die Währungshüterin des Rubel widersprach damit öffentlich den Plänen von Staatschef Putin, die sich im Umlauf befindliche Geldmenge drastisch zu erhöhen und den Leitzins dramatisch zu senken – sehr zum Missfallen des Staatsoberhauptes. Wie ernst diese Warnung war, zeigt die Tatsache, dass durch diese Entwicklung die Sowjetunion 1991 zusammenbrach. 

Doch Maschinen altern nun mal, Brücken müssen saniert werden, Eisenbahnnetze benötigen Wartung und Kraftwerke moderne Technik. Dasselbe gilt für Hafenanlagen, Pipelines, Umschlagterminals, Tanklager und digitale Logistiksysteme. Normalerweise werden solche zivilen Investitionen kontinuierlich vorgenommen. Steht eine Volkswirtschaft wie Russland jedoch unter dauerhaftem finanziellem und organisatorischem Dauerstress, geraten notwendige Modernisierungen in diesen Bereichen rasch ins Hintertreffen. 

Nach außen bleibt dann die Infrastruktur zwar scheinbar erhalten. Tatsächlich sinken jedoch ihre Qualität und Leistungsfähigkeit. Und dieser Prozess vollzieht sich langsam. Besonders problematisch ist das für die Lieferketten-Netzwerke der gesamten Volkswirtschaft, die heute stark miteinander vernetzt sind. Fällt hier ein Glied dieser Netzwerke zurück, beeinträchtigt dies die Leistungsfähigkeit zahlreicher Bereiche gleichzeitig. Die wirtschaftlichen Folgen zeigen sich oft erst dann, wenn Instandhaltungsdefizite, höhere Betriebskosten, längere Transportzeiten und sinkende Produktivität bereits deutlich sichtbar geworden sind. 

Humankapital – Der wertvollste Vermögenswert 

Wie oben angedeutet sind jedoch die Menschen noch wichtiger als Maschinen, Fabriken oder Infrastruktur. Sie sind die eigentlichen Leistungsträger für das Funktionieren einer Volkswirtschaft. Wissen, Erfahrung und Qualifikation bilden das Humankapital einer Volkswirtschaft. Anders als technische Anlagen lässt sich Humankapital nicht kurzfristig ersetzen. Ingenieure, Wissenschaftler, Facharbeiter, Logistikexperten oder IT-Spezialisten benötigen Jahre, oft Jahrzehnte, um ihre Qualifikation zu erwerben. Geht dieses Wissen verloren, entsteht ein Schaden, der weit über den Verlust einzelner Arbeitsplätze hinausreicht. 

Wenn Arbeitskräfte durch Krieg verloren gehen

Russland – Je höher die Verluste beim Humankapital sind, umso mehr schrumpft die Wettbewerbsfähigkeit des Landes (Foto: Carola E. / www.pixelio.de)

 Seit Beginn des Krieges steht Russland im Bereich des Humankapitals vor mehreren Entwicklungen, die genau diesen Vermögenswert belasten: die Mobilisierung für die Armee, Fachkräftemangel durch einseitige Investitionen in die Rüstung, der demografischer Wandel und vor allem die Auswanderung qualifizierter Arbeitskräfte. 

So schreibt das Berliner Zentrum für Osteuropa und internationale Studien, ZOiS im Bericht „The Political Diversity of the New Migration from Russia Since February 2022“ (Autoren: Félix Krawatzek, Gwendolyn Sasse) vom April 2024: „While estimates vary, Russia’s full-scale invasion of Ukraine in February 2022 prompted approximately 800.000 to 900.000 Russian citizens to leave their country … it is estimated that 650.000 remain abroad.“ Diese Zahlen bestätigte das unabhängige russische Wirtschaftsmedium The Bell in einer eigenen Untersuchung vom Juli 2024. Dafür wurden Migrationsdaten aus rund 70 Ländern ausgewertet. 

Besonders stark vertreten sind lt. Studien hierbei vor allem IT-Fachkräfte, Ingenieure, Wissenschaftler, Unternehmer, Journalisten und Kreative. Über die exakte Größenordnung dieses Braindrains gibt es unterschiedliche Einschätzungen. Am grundlegenden wirtschaftlichen Zusammenhang ändert dies jedoch wenig: Verliert eine Volkswirtschaft dauerhaft hochqualifizierte Arbeitskräfte, sinken dessen Innovationskraft, Produktivität und Anpassungsfähigkeit. 

Hinzu kommen die menschlichen Verluste des Krieges selbst. Während Russland zuletzt im März 2023 offiziell lediglich rund 10.889 gefallene Soldaten einräumte, gehen westliche Geheimdienste und unabhängige Analysten inzwischen von wesentlich höheren Verlusten aus. NATO-Schätzungen beziffern die russischen Gesamtverluste Anfang 2026 auf rund 1,3 Millionen Gefallene und Verwundete, darunter etwa 350.000 Tote. Mittlerweile gehen die Analysen sogar so weit, dass über 60 Prozent der 1,3 Millionen Soldaten gefallen sind. Die ukrainische Seite nennt noch deutlich höhere Zahlen. 
 
Wie hoch die Gesamtverluste für Russland tatsächlich sind, ist bei der volkswirtschaftlichen Betrachtung für die Kriegswirtschaft jedoch nicht entscheidend. Entscheidend ist vielmehr, dass jeder Rekrut und jeder Soldat durch Tod, Verwundung und Traumatisierung dauerhaft aus dem Arbeitsmarkt ausscheidet und damit ein Verlust an Arbeitskraft, Qualifikation und künftigem Einkommen ist. Volkswirtschaftlich betrachtet handelt es sich hierbei also um einen Verlust von Kapital, der nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. In der Republik Burjatien wird er jedenfalls sehr hoch eingeschätzt. 

Technologischer Rückstand entsteht schleichend 

An dieser Stelle wenden wir unseren Blick auf die technologischen Entwicklungen innerhalb der russischen Föderation. Moderne Volkswirtschaften konkurrieren heute weniger über niedrige Löhne als über Innovation und Produktivität. Automatisierung, Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und neue Materialien entscheiden zunehmend über die Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft. Das Problem ist dabei, dass Investitionsrückstände in diesen Bereichen sich selten sofort bemerkbar machen. Die Defizite im internationalen Wettbewerb entstehen schleichend und schrittweise.  

Besonders betroffen davon sind Kriegswirtschaften. Während andere Volkswirtschaften, die in Frieden leben, neue Technologien entwickeln und einführen, konzentrieren sich Kriegswirtschaften häufig lediglich auf die Aufrechterhaltung bestehender Strukturen. Das passiert auch in Russland. 

Zudem hängen moderne Technologien immer stärker von internationalen Innovations- und Zuliefernetzwerken ab. Forschung, Entwicklung, Produktion und Logistik sind heute vielfach über Ländergrenzen hinweg organisiert. Wird der Zugang zu solchen Netzwerken eingeschränkt, entstehen nicht nur technologische Nachteile, sondern häufig auch Nachteile bei der Integration in globale Wertschöpfungsketten. Dadurch vergrößert sich der Abstand zu konkurrierenden Volkswirtschaften mit jedem Jahr. Gerade deshalb gehört technologische Stagnation zu den größten langfristigen Risiken jeder Kriegsökonomie. 

Logistik – Kapitalstock im Hintergrund 

Russland - Das Land kämpft schon längere Zeit mit Substanzverlusten wie etwa in den öffentlichen Verkehssystemen. Straßenbahn in Wladiwostok. (Foto: Jerzy Sawluk / www.pixelio.de)
Russland – Das Land kämpft schon längere Zeit mit Substanzverlusten wie etwa in den öffentlichen Verkehssystemen. Straßenbahn in Wladiwostok. (Foto: Jerzy Sawluk / www.pixelio.de)

Auf den ersten Blick wirkt es daher paradox, dass eine Volkswirtschaft wachsen und gleichzeitig an Substanz verlieren kann. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass beides in Kriegsökonomien wie Russland de facto parallel verläuft. 

Zur Erinnerung: Das BIP misst lediglich die wirtschaftliche Aktivität eines Jahres. Der Kapitalstock beschreibt hingegen die Voraussetzungen für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der kommenden Jahrzehnte. Steigende Rüstungsaufträge können daher zwar das Wirtschaftswachstum erhöhen. Sie verdrängen jedoch zivile Investitionen. Dadurch wird die Infrastruktur weniger modernisiert und damit Lieferketten-Netzwerke geschwächt. Gleichzeitig werden internationale Verbindungen eingeschränkt und Humankapital geht verloren. Somit sinkt langfristig das Wachstumspotenzial für Wohlstand. 

Genau deshalb betrachten viele Ökonomen hohe Wachstumsraten in Kriegswirtschaften mit großer Vorsicht. Die entscheidende Frage lautet nicht, wie viel heute produziert wird. Entscheidend ist, ob die Volkswirtschaft dadurch ihre Fähigkeit erweitert, auch morgen noch Wohlstand zu schaffen. Und genau an dieser Stelle rückt ein weiterer Faktor in den Mittelpunkt, der in vielen volkswirtschaftlichen Analysen noch immer unterschätzt wird: die Logistik. Denn erst funktionierende Transportwege, Lieferketten und internationale Wertschöpfungsnetzwerke entscheiden darüber, ob aus Ressourcen, Industrieanlagen und Infrastruktur tatsächlich nachhaltiger Wohlstand entsteht. Damit wird die Logistik selbst zu einem Bestandteil des wirtschaftlichen Kapitalstocks. Genau dort setzt die weitere Analyse an. 

Die Logistik des Wohlstands 

Tatsache ist, dass Russland über einige der größten Rohstoffreserven der Welt verfügt. Erdöl, Erdgas, Kohle, seltene Erden, Metalle und landwirtschaftliche Erzeugnisse bilden seit Jahrzehnten die Grundlage bedeutender Exporterlöse für das Land. Auf den ersten Blick scheint dieser Ressourcenreichtum eine nahezu natürliche Garantie für die wirtschaftliche Stärke des Landes zu sein. Doch genau hier beginnt ein weitverbreitetes Missverständnis, denn Rohstoffe schaffen noch keinen Wohlstand. 

Rohstoffe sind zunächst nämlich lediglich potenzielle Vermögenswerte. Ein Barrel Öl im Boden erzeugt weder Steuereinnahmen noch Wohlstand. Eine Gaslagerstätte finanziert keine Renten. Auch ein Erzvorkommen schafft für sich allein weder Arbeitsplätze noch wirtschaftliches Wachstum. Der wirtschaftliche Nutzen entsteht erst dann, wenn diese Ressourcen gefördert, transportiert, verarbeitet, finanziert, versichert und schließlich verkauft werden können. Erst durch diesen Prozess wird aus einer Ressource tatsächliche Wertschöpfung. Das bedeutet: Der eigentliche Wert eines Rohstoffs liegt nicht allein in seiner Existenz, sondern in der Fähigkeit einer Volkswirtschaft, ihn in marktfähige Produkte und stabile Einnahmen zu verwandeln. 

Lieferketten als unsichtbarer Kapitalstock 

Wenn Ökonomen vom Kapitalstock einer Volkswirtschaft sprechen, denken viele zunächst nur an Fabriken, Maschinen, Straßen, Kraftwerke oder Produktionsanlagen. Zumeist unbeachtet existiert jedoch ein weiterer Kapitalstock: die Logistik im weitesten Sinn. 

Pipelines, Eisenbahnnetze, Umschlagterminals, Lagerhäuser, Häfen, Tanklager, Reedereien, Versicherungssysteme, Finanzierungsstrukturen, Zulieferer und Absatzmärkte bilden gemeinsam ein Netzwerk, das moderne Volkswirtschaften überhaupt erst funktionsfähig macht. Diese Strukturen erscheinen kaum in klassischen Wirtschaftsstatistiken. Ihr Verlust taucht auch selten in einem Quartalsbericht auf. Dennoch bestimmen sie maßgeblich, wie produktiv eine Volkswirtschaft tatsächlich ist. 

Eine Raffinerie besitzt beispielsweise nur dann ihren vollen wirtschaftlichen Wert, wenn Rohstoffe angeliefert und verarbeitete Produkte weitertransportiert werden können. Ein Hafen lebt nicht von seinen Kränen, sondern von den Warenströmen, die über ihn geleitet werden. Eine Eisenbahnlinie erzeugt erst dann wirtschaftlichen Nutzen, wenn sie Produzenten, Zulieferer und Kunden miteinander verbindet. Lieferketten-Netzwerke sind deshalb nicht nur einfach Logistikstrukturen. Sie sind echte Vermögenswerte. 
 
Gerade in Russland sind diese Vermögenswerte unter Stress und verlieren rasch an volkswirtschaftlichem Wert. Der Hauptgrund dafür sind die gigantischen Entfernungen, welche innerhalb des Landes zurückgelegt werden müssen. Werden hier Verbindungen für die Warenströme, also Lieferketten-Netze unterbrochen, stockt sofort das gesamte Wirtschaftssystem. Erschwerend kommt hinzu, dass für sie wegen der Sanktionen nur sehr schwer für sie Ersatz geschaffen werden kann.  
 
Fällt beispielsweise in Westeuropa mit seinen dichten Verkehrsnetzen eine Route aus, können die so unterbrochenen Warenströme und Lieferketten rasch auf andere Verkehrswege umgeleitet werden. Meist fällt eine Unterbrechung sogar gar nicht auf. Die Lieferketten sind also sehr resilient. In Russland ist das jedoch ganz anders. Fällt eine Route in dem vergleichsweise dünnen Verkehrswegenetz aus, können Tage, Wochen oder gar Monate vergehen, bis eine unterbrochene Lieferkette wieder geschlossen werden kann. Zumeist ist das die Dauer für die Reparatur dieser einen Route. Und müssen Spediteure und Reedereien wegen Spritmangels an den Tankstellen genauso Schlange stehen wie die russischen Verbraucher:innen, potenzieren sich die Herausforderungen.  

Kriege zerstören Lieferketten 

Russland - Was als Straße deklariert ist, ist nicht selten ein Schlamm-Highway. (Foto: Martin Kummer / www.pixelio.de)
Russland – Was als Straße deklariert ist, ist nicht selten ein Schlamm-Highway. (Foto: Martin Kummer / www.pixelio.de)

Kriege vernichten somit nicht nur Gebäude, Maschinen oder Infrastruktur. Sie zerstören vor allem genau jene Netzwerke, die wirtschaftliche Aktivität überhaupt ermöglichen: Logistiknetzwerke und Lieferketten-Netzwerke.  

Das zeigt sich aktuell in der russischen Föderation. Seit dem Beginn des Drohnenkrieges, den die Ukraine zur Abwehr des völkerrechtswidrigen Angriffskrieges Russlands führt, gehen systematisch genau diese Ketten und Netzwerke gezielt zu Bruch. Seither sind auch die Transportwege bis mehrere Tausend Kilometer hinein ins russische Hinterland unsicher, von der Straße bis hin zur Bahn. Aber auch Häfen, Terminals, Schifffahrtsrouten stehen regelmäßig unter Beschuss. Und deren Reparaturen werden durch die Konzentration auf die Rüstungswirtschaft erheblich erschwert, weil es faktisch an Allem fehlt bzw. nur in begrenztem Maße vorhanden ist. 

Gleichzeitig werden derzeit die riesigen Distributionszentren von Wildberries eingeäschert. Bis zum Redaktionsschluss waren es 20. Diese Distributionszentren sind jedoch das kommerzielle Rückgrat nicht nur für russische Online-Händler und den Handel überhaupt. Stimmen die Angaben der Geheimdienste der NATO, laufen über sie auch nahezu alle Lieferketten des Mittelstandes, der Rüstungsindustrie und der russischen Armee. Sie haben daher für die russische Kriegswirtschaft einen hohen finanziellen und strategischen Wert. 

Die Kosten entlang der Supply Chains explodieren    

Ob so oder so: Tatsache ist, dass durch die Zerstörungen der Distributionszentren die Lieferketten-Netzwerke in großem Stil und für längere Zeit behindern, wenn nicht gar ganz unterbrochen sind, sowohl im B2B-Bereich als auch im B2C-Bereich. Benzinkrise, Transportkrise, Distributionskrise sind die Folgen, die sich durch die Zerstörung der Rohstofferzeugung, Raffinerien und der Wildberries-Lagerhäuser zeigen. Die Transportkrise umfasst dabei sämtliche Bereiche, beginnend bei den Fernverkehren, über die Werksverkehre bis hin zur sogenannten “Last-Mile”.  

Die Kosten für die betroffenen Unternehmen steigen dadurch erheblich, weil Sprit nur begrenzt verfügbar ist, Lieferungen sich verzögern oder ganz ausfallen, Umwege gemacht werden müssen usw. Gleichzeitig steigen Versicherungsprämien für Reedereien, Speditionen usw. empfindlich, welche sowohl für die Zivilwirtschaft als auch den militärisch-industriellen Komplex unterwegs sind. Eine andere Folge ist, dass die Finanzierungen von Transporten immer schwieriger werden. Zudem fallen Lieferanten aus und Kunden orientieren sich neu. Und last but not least verändern sich dadurch die Absatzmärkte für Russland im In- und Ausland oder fallen sogar gleich ganz weg. Jede einzelne dieser Veränderungen mag für sich genommen beherrschbar erscheinen. In ihrer Summe verändern sie jedoch das gesamte Wertschöpfungssystem der russischen Kriegswirtschaft oder vernichten sie komplett, je weiter die Zerstörungen in diesem Krieg stattfinden.  

Ein beschädigtes Tanklager eines Erdölproduzenten wie Gazprom oder Rosneft bedeutet daher nicht nur den Verlust eines Gebäudes. Es reduziert gleichzeitig Lagerkapazitäten, erschwert die Versorgung nachgelagerter Anlagen wie Raffinerien und schwächt so die Resilienz der gesamten Lieferkette bis zum Endverbraucher. Eine beschädigte Raffinerie bedeutet nicht nur Reparaturkosten. Sie reduziert gleichzeitig Exportpotenziale, belastet Zulieferer und verringert zukünftige Einnahmeströme. Selbiges gilt für die Wildberries-Distributionszentren. 

Aus logistischer Sicht stellt sich daher nicht nur die die Frage, was zerstört wurde. Es stellt sich vielmehr die Frage, welche Wertschöpfungsketten dadurch unterbrochen wurden und wie nachhaltig das in die Zukunft reicht. In Hinblick auf die russische Föderation ist das heute kaum abschätzbar und wird sich wahrscheinlich erst nach Beendigung des Krieges ermitteln lassen. Wenn man jedoch die durch den Krieg verursachten, flächendeckenden Zerstörungen des russischen Kapitalstocks in seiner Gesamtheit und die Folgen nimmt, dann hat W. Putin die russische Föderation mit seinem Krieg auf den Weg geschickt, ein Dritte-Welt-Land zu werden. 

Störung der Logistik, die Wohlstand vernichtet 

Oft wird in diesem Zusammenhang übrigens argumentiert, dass Russland dennoch weiterhin große Mengen an Öl, Gas und anderen Rohstoffen verkaufe. Das entspricht den Tatsachen. Daraus lässt sich jedoch keinesfalls die Schlussfolgerung ziehen, dass die ökonomischen Probleme durch die Angriffe nur temporär seien, und auch nicht, dass die westlichen Sanktionen ihre Wirkung in den Lieferketten weitgehend verfehlen. Ökonomisch greift diese Betrachtung viel zu kurz, denn für den wirtschaftlichen Erfolg ist nicht allein entscheidend, ob Waren verkauft werden. Entscheidend ist vielmehr, welchen Ertrag sie erzielen. Und Ertrag können sie nur erzielen, wenn sie kostengünstig produziert werden können und beim Adressaten ankommen. 

Diese Argumentation vernachlässigt außerdem die Tatsache, dass die Überwindung der Logistikprobleme in einer Kettenreaktion auch die Kosten auf unterschiedlichsten Ebenen steigen lassen. Es steigen also nicht nur die Kosten für längere Transportwege und –zeiten, wachsende Administrationsaufwände, längere Lieferzeiten und die Kosten für höhere Risiken usw. Die Kosten und Risiken steigen auch, wenn zusätzliche Zwischenhändler benötigt werden. Um es auf den Punkt zu bringen: Die Kosten steigen bis in jeden Winkel der russischen (Kriegs-)Wirtschaft – und damit die Inflation. Das alles führt zwangsläufig zu sinkenden Margen bei Produzenten und Händlern ebenso wie in der Logistik. Und wenn finanzielle Preisnachlässe die Einnahmen zusätzlich sinken lassen, schlittern die Aufträge in die Verlustzone. Die Ware erreicht dann zwar sogar ihren Bestimmungsort. Der wirtschaftliche Nutzen der Lieferung fällt jedoch geringer aus, ist ein Nullsummenspiel oder ist überhaupt ein Verlustgeschäft. Auf diese Weise können Ganze Lieferketten-Netzwerke insgesamt zum Verlustgeschäft werden.  
 
Analysten wie die der Moscow Times warnen daher schon seit 2025 vor einer wachsenden Insolvenzwelle, obwohl die offiziellen Insolvenzzahlen niedrig sind. Als Gründe werden die sehr hohe Leitzinsen (derzeit 14,5 Prozent) und damit hohe Finanzierungskosten, sinkende Gewinne vieler Unternehmen, eine hohe Verschuldung und Probleme in Branchen wie etwa Logistik, Kohle, Bau und Einzelhandel. 

Mit anderen Worten: Obgleich der Umsatz in den Unternehmen bestehen bleibt, erodiert die Rentabilität der Produktion und im Handel, 2026 weit mehr als 2025. Genau hier liegt eine der größten Herausforderungen für rohstoffbasierte Volkswirtschaften wie Russland, die sich im Kriegszustand befinden. 

Neue Partner, neue Abhängigkeiten 

Russland - Der chinesische Staatschef Xi Jinping will keine Pipelines für Russland in Richtung China bauen. (Foto: Wilkhelmine Wulf / www.pixelio.de)
Russland – Der chinesische Staatschef Xi Jinping will keine Pipelines für Russland in Richtung China bauen. (Foto: Wilkhelmine Wulf / www.pixelio.de)

Russland hat sich als Reaktion auf die Sanktionen und den Verlust von Absatzmärkten für seine Produkte wirtschaftlich neu ausgerichtet, beispielsweise nach China und Indien. Diese Neuausrichtung nach Asien hat zweifellos dazu beigetragen, die unmittelbaren Folgen westlicher Sanktionen und des Drohnen-Krieges abzufedern. China und Indien haben sich dabei zu den wichtigsten Abnehmern russischer Rohstoffe und auf fossilen Brennstoffen basierte Produkte entwickelt. Parallel dazu entstanden in den letzten Jahren sogar neue Finanzierungs-, Handels- und Transportstrukturen. 

Doch jede Umleitung von Warenströmen verändert auch die wirtschaftlichen Risiken, und – in Hinblick auf Russland – die Abhängigkeiten von den neuen Abnehmern. Denn auf volkswirtschaftlicher Ebene gilt genauso wie auf betriebswirtschaftlicher: Wer über viele Kunden verfügt, besitzt Verhandlungsmacht. Wer nur wenige große Abnehmer hat, verliert sie. Und wer bei Technologie, Finanzierung und Logistik auf einzelne Partner angewiesen ist, tauscht alte Abhängigkeiten einfach nur gegen neue aus, bei gleichzeitig steigenden Risiken. 

Der Markt ist hart 

Russland verfügt in Asien tatsächlich über keine nennenswerte Marktmacht. Das zeigt die Tatsache, dass das Land, das seine Produkte vor dem Krieg im Westen zu Marktpreisen und teilweise darüber verkaufen konnte, heute gewaltige Abschläge beim Verkauf seiner Produkte in Asien hinnehmen muss. So verkauft der Erdölproduzent sein Erdöl an China und Indien mit Abschlägen, die bis heute durchschnittlich bei zwei bis zwölf Dollar niedriger pro Barel der Erdölsorte Brent liegen. Bei Gas sind die Abschläge sogar noch dramatischer. Putin muss russisches Gas an China um bis zu 40 Prozent günstiger verkaufen, als das derzeit noch bei Verkäufen an Europa (bis Ende 2026) zu erzielen ist. Kein verantwortungsvoller Vorstand würde daher freiwillig wesentliche Teile seines Geschäfts auf wenige Kunden konzentrieren. Russland ist jedoch seit Kriegsbeginn faktisch gezwungen wegen der Sanktionen, sich einseitig auszurichten. China und Indien nutzen das aus. 

China verlangt etwa nicht nur erheblich niedrige Preise, sondern trachtet danach, die Abhängigkeit Russlands von der Volksrepublik in einen Dauerzustand zu verwandeln. Das dürfte mit ein Grund dafür sein, dass Xi Jinping die Finanzierung und Durchführung des Baus von Pipelines östlich des Urals zu den dort vorhandenen riesigen Erdgas- und Erdöl-Vorkommen nach China ablehnte.   

Die eigentliche Wirkung von Sanktionen 

Doch wenden wir uns in diesem Zusammenhang noch dem wichtigen Thema der Sanktionen zu, welche Russland seit dem 24. Februar 2022 in wachsender Intensität begleiten. Sanktionen werden häufig an Exportzahlen, Wechselkursen oder Wachstumsraten gemessen. Ihre tiefere Wirkung entfalten sie jedoch oft an anderer Stelle. Sie verändern nämlich vor allem die Bedingungen, unter denen die wirtschaftlichen Netzwerke des davon betroffenen Landes funktionieren – im Inland wie im Ausland gleichermaßen. 

Im Fall Russland bedeutet das, dass technologische Kooperationen nicht nur schwieriger geworden sind, sondern sogar beendet wurden. Gleichzeitig gingen seit Kriegsbeginn internationale Investitionen nicht nur zurück, sondern Investoren haben sich Großteils gänzlich aus Russland zurückgezogen. Aus Deutschland sind das beispielsweise die Konzerne wie Siemens oder Mercedes Benz und andere, welche vor dem Krieg große Produktionsstätten in Russland unterhielten. Das “Kapital” wird im Kriegsfall also noch vorsichtiger, Finanzierungen verteuern sich. 

Für Russland besonders prekär ist aber die Tatsache, dass sich die Ersatzteilbeschaffung im Bereich der Erdöl- und Erdgasproduktion, aber auch für die Rohstoffverarbeitung dramatisch erschwert hat. Sie ist bei wichtigen Komponenten mittlerweile nahezu unmöglich, so dass zerstörte Raffinerien gar nicht mehr in Gang gesetzt werden können. Russland ist in diesen Bereichen fast vollständig von westlichen Technologien abhängig. Hier zeigt sich ganz besonders deutlich der negative Effekt von einer einseitigen Ausrichtung der Volkswirtschaft auf nur wenige Produkte, Technologielieferanten und den nachfolgenden Lieferketten.    

Die Sanktionen führen daher zwar nicht zwangsläufig zu einer akuten Wirtschaftskrise in Russland, sie führen aber zu einer schleichenden Verringerung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit Russlands. Und genau deshalb sind die langfristigen Folgen geopolitischer Konflikte häufig größer als ihre kurzfristigen Auswirkungen eines Krieges auf einzelne Wirtschaftskennzahlen. 

Die Schwierigkeiten beginnen nach dem Krieg 

Russland - Ob diese Volkswirtschaft nach dem Krieg den Turnaround zu mehr Wohlstand der Bevölkerung schafft, hängt von vielen Umständen ab. (Foto: Monika / www.pixelio.de)
Russland – Ob diese Volkswirtschaft nach dem Krieg den Turnaround zu mehr Wohlstand der Bevölkerung schafft, hängt von vielen Umständen ab. (Foto: Monika / www.pixelio.de)

Doch wenden wir uns abschließend der Zeit nach dem Krieg zu. Historisch betrachtet lassen sich Gebäude meist schneller wieder errichten als wirtschaftliche Netzwerke. Eine Brücke kann neu gebaut werden. Ein Hafen kann erweitert werden. Eine Produktionsanlage kann neu und modernisiert wieder aufgebaut. 

Deutlich schwieriger ist es jedoch, verlorene Kunden zurückzugewinnen, Vertrauen wiederherzustellen oder internationale Investoren erneut anzuziehen. Auch der Aufbau von resilienten Lieferketten-Netzwerken braucht Jahre. Nachhaltige Geschäftsbeziehungen entstehen ebenfalls nur über viele Jahre hinweg, denn sie setzen Vertrauen voraus. Das alles benötigt qualifizierter Mitarbeiter:innen, welche diese Netzwerke voranbringen und unterhalten. 

Das sind die Hauptgründe, weshalb sich zerstörte Wertschöpfungsnetzwerke nicht einfach per Regierungsbeschluss und politisches Tamtam wiederherstellen lassen. Eine Ablöse Putins und seiner Regierungsmannschaft im Kreml wird daher den massiven Substanzverlust des russischen Kapitalstocks, der durch viereinhalb Jahre Krieg bzw. seit der völkerrechtswidrigen Besetzung der Krim in 2014 nicht mit einem Schlag beseitigen können. Allerdings: Dadurch bekäme Russland jedoch immerhin die Chance dazu.  

Für Russland wird daher die größte Herausforderung nach dem Krieg nicht der Wiederaufbau von Fabriken, Straßen oder Energieanlagen sein. Die eigentliche Herausforderung wird darin liegen, jene wirtschaftlichen Verbindungen wieder aufzubauen, die aus Rohstoffen, Infrastruktur und industriellen Kapazitäten überhaupt erst nachhaltigen Wohlstand entstehen lassen. Aus heutiger Sicht ist das ein Prozess über Generationen. 
 
Die Voraussetzung dafür wird jedoch sein, dass ein radikaler politischer Wandel, sprich “Demokratisierungsprozess” in Russland in Gang kommt. Und dieser muss genügend Kraft entfalten können, um die Fliehkräfte zu bändigen, welche sich derzeit in den russischen Teilrepubliken entwickeln. Es ist daher die Frage berechtigt, ob die russische Föderation nach Beendigung des Krieges in ihrer Form überhaupt bestehen bleibt. Das wird jedoch erst die Zeit zeigen.   

Russland zwischen Ressourcen und Wertschöpfung 

Mehr als vier Jahre nach Beginn des Krieges zeigt sich somit ein komplexes Bild, das sich permanent wandelt. Russland verfügt zwar weiterhin über enorme Rohstoffvorkommen, industrielle Kapazitäten und erhebliche staatliche Handlungsmöglichkeiten. Ein wirtschaftlicher Kollaps ist deshalb bislang ausgeblieben. Gleichzeitig deutet jedoch vieles darauf hin, dass die eigentliche Herausforderung nicht in der Sicherung der aktuellen Produktion liegt. Entscheidend wird sein, ob es Russland gelingt, auch künftig jene Netzwerke aufzubauen, zu erhalten oder wiederherzustellen, die aus Ressourcen wirtschaftlichen Wohlstand entstehen lassen. Denn Ölquellen, Gasfelder, Häfen, Raffinerien und Fabriken besitzen keinen wirtschaftlichen Wert für sich allein. Ihr Nutzen entsteht erst durch die Verbindung mit Transportwegen, Lieferketten, Absatzmärkten, Finanzierungsstrukturen, Technologie und Vertrauen. Genau dort wirken Krieg und Sanktionen jedoch langfristig am stärksten. 

Die wichtigste wirtschaftliche Frage für Russland lautet deshalb nicht, wie viele Rohstoffe das Land besitzt. Sie lautet vielmehr, ob Russland auch künftig in der Lage sein wird, diese Ressourcen effizient, profitabel und möglichst unabhängig in internationale Wertschöpfung einzubinden. Denn Wohlstand entsteht nicht durch Besitz allein. Wohlstand entsteht dort, wo Ressourcen, Menschen, Kapital und Logistik zu funktionierenden Netzwerken verbunden werden. Und genau diese Netzwerke stehen heute stärker denn je unter Druck. Die abschließende Frage ist deswegen, ob Russland im globalen Wettbewerb nach dem Krieg seine Wettbewerbsfähigkeit wiedererlangen kann. Derzeit sieht es nicht danach aus. 

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