LIEFERKETTEN-MANAGEMENT – Wege zu mehr Nachhaltigkeit und Unabhängigkeit

Lieferketten und deren Management sind heute nicht nur eine Frage der Wettbewerbsfähigkeit. Sie sindzum wesentlichen Faktor der Nachhaltigkeit ganzer Ökonomien mutiert; nicht zuletzt wegen begrenzter Ressourcen und vor dem Hintergrund des Klimawandels. Ein effizientes Lieferketten-Management legt zudem schonungslos Abhängigkeiten innerhalb der Lieferketten und -netzwerke offen. Das Spektrum reicht dabei von einzelnen Unternehmen in der Supply Chain bis hin zu ganzen Ökonomien. Ein effizientes Lieferkettenmanagement kann daher Entscheidungshilfen bieten, sich unabhängiger zu machen und die eigene Position zu stärken. Das legte beispielsweise das Grazer Logistik-Forum des Verein Netzwerk Logistik (VNL) offen. Und aktuelle Studien wie etwa von e2open zeigen dabei die Trends 2024 in diesem Bereich. (Ein Bericht von HaJo Schlobach

Lieferketten-Management – Nachhaltigkeit, Diversität und Unabhängigkeit von Lieferanten und Ländern sind zu entscheidenden Wettbewerbsfaktoren geworden. (Foto: Dieter Stehle / www.pixelio.de)
Lieferketten-Management – Nachhaltigkeit, Diversität und Unabhängigkeit von Lieferanten und Ländern sind zu entscheidenden Wettbewerbsfaktoren geworden. (Foto: Dieter Stehle / www.pixelio.de)

Lieferketten und deren Management sind zweifellos ein wichtiger Bestandteil der globalen Wirtschaft. Denn sie umfassen alle Schritte, die notwendig sind, um ein Produkt von der Rohstoffgewinnung bis zum Endverbraucher zu liefern. Die Lieferkette integriert somit alle beteiligten Unternehmen, die an der Herstellung, dem Transport und der Vermarktung des Produkts beteiligt sind.  

Der Wandel zum Strategieelement 

War das Lieferketten-Management, in vielen Bereichen besser bekannt als Supply Chain Management, allerdings noch bis vor wenigen Jahren ein mehr oder weniger technischer Terminus, so hat dieser spätestens mit der Coronapandemie rasant an Bedeutung gewonnen. Plötzlich wurde bemerkt, dass Lieferketten und ihr Funktionieren nicht alleine vom jeweiligen Management selbst abhängt, sondern diese äußerst fragil sind. Dabei gilt: Je länger diese Lieferketten sie sind, umso größer ist das Risiko, dass sie irgendwo vom Rohstoff bis zum Point of Sale (POS) reißen können. Zudem bemerkten Unternehmen insbesondere in den Industrienationen, dass die Lieferkettensicherheit nicht alleine beispielsweise von Naturkatastrophen oder Unfällen abhängt, sondern auch von den politischen Rahmenbedingungen beispielsweise des liefernden Landes von wichtigen Teilen oder Regionen, durch welche diese Lieferketten führen. 

Geopolitik macht Lieferketten-Management zur Priorität 

So wurde bis zur Pandemie in den seltensten Fällen in Unternehmen etwa in Österreich oder Deutschland darüber nachgedacht, dass die Volksrepublik China die Lieferung von medizinischen und/oder technischen Produkten vom politischen Wohlwollen der Regierung in Peking abhängig machen könnte. Und bis zum Vernichtungskrieg des faschistischen Putin-Russland gegen die demokratische Ukraine rechnete niemand damit, dass dadurch die Energieversorgung beispielsweise der Europäischen Union (EU) oder die Lieferung diverser Rohstoffe aus Russland wenn nicht gar völlig zum Erliegen, so doch extrem reduziert werden könnten. Da sind der Gaza-Konflikt und seine Auswirkungen mittlerweile nur ein weiterer Aspekt für die Gefährdung von Lieferketten. 

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Lieferketten-Management – Der Weg weist in Richtung Nachhaltigkeit 

Lieferkettenmanagement – War es vorher die Coronapandemie, sind es jetzt die Kriege im Nahen Osten und in der Ukraine, welche die globalen Lieferketten zum Reißen bringen. (Foto: I.Friedrich / www.pixelio.de)
Lieferkettenmanagement – War es vorher die Coronapandemie, sind es jetzt die Kriege im Nahen Osten und in der Ukraine, welche die globalen Lieferketten zum Reißen bringen. (Foto: I.Friedrich / www.pixelio.de)

Die politischen Rahmenbedingungen innerhalb der EU rund um die Lieferketten tun dabei ihr Übriges. So gewinnt seit der Lieferkettenrichtlinie der EU das Thema Nachhaltigkeit in der Lieferkette immer mehr an Bedeutung. Seither setzen sich mehr und mehr Unternehmen mehr oder weniger gezwungenermaßen dafür ein, ihre Lieferketten nachhaltiger zu gestalten und sowohl soziale als auch ökologische Standards der EU weit über die eigenen Unternehmensgrenzen hinweg auch wirklich einzuhalten. Denn die EU-Lieferketten-Richtlinie (CSDDD) verpflichtet Unternehmen dazu, ihre negativen Auswirkungen auf die Menschenrechte und die Umwelt zu mindern. Betroffen ist davon nicht nur die europäische Textilindustrie, welche ja wegen unmenschlicher Arbeitsbedingungen und Kinderarbeit in den Herkunftsländern ihrer Produkte arg in Verruf gekommen sind. Im Gegenteil: Erst die Befassung mit den eigenen, globalen Lieferketten machte deutlich, dass davon auch Industriezweige davon betroffen sind, an die bislang niemand gedacht hat: Von der Computerindustrie bis hin zu den Technologien wie etwa Batterie- und Antriebstechniken wird deutlich, dass hier einiges hinterfragt werden muss auf dem Weg in unsere Haushalte, was die einzelnen Verbraucher eigentlich nicht wollen. Niemand will für sterbende Kinder in ungesicherten Minen der seltenen Erden verantwortlich sein. Und niemand findet es gut, wenn Lebensmittelkonzerne oder Kupferminen Menschen das Trinkwasser abgraben oder Urwälder etwa für Palmöl im großen Stil abgeholzt werden. 

Der Informationsbedarf ist groß 

Da die besondere Dringlichkeit für ein effizientes Lieferketten-Management ein vergleichsweise junges Phänomen ist, das viele Entscheider noch vor der Coronapandemie nur ansatzweise auf dem Radar hatten, hat sich der Informationsbedarf seit Monaten exponentiell erhöht. Vor diesem Hintergrund widmete sich darum das Grazer Logistik-Forum diesem wichtigen Kapitel der Logistik in der Zentrale der Raiffeisen Steiermark in besonderer Weise. Mehr als 300 Interessenten aus der Industrie wohnten diesem Event bei. In einem Interview mit dem Obmann des Verein Netzwerk Logistik für Süd-Österreich und Leiter der FH Johanneum, Martin Tschandl, sprach blogistic.net über die Herausforderungen im Bereich des Lieferketten-Managements insbesondere für die Wirtschaft Österreichs. Dabei ging er explizit auf die Herausforderungen nicht nur für den Wirtschaftsstandort Österreich als Binnenmarkt ein, sondern auch auf die besondere Situation der österreichischen Industrie. Gleichzeitig konkretisierte der erfahrene Logistikspezialist die Trends der Zukunft in diesem Bereich. (hier klicken und Interview ansehen) 

Für M. Tschandl ist es logisch, dass Unternehmen gerade heute um eine stabile und schnelle Lieferkette kämpfen. Dabei zeichnen sich für ihn derzeit mehrere Trends ab, in denen Prioritäten gesetzt werden, welche das bereits Geschriebene bestätigen. Dabei geht es den Unternehmen letztlich vor allem um die Verringerung ihres Risikos, die Verbesserung ihrer Praktiken in Richtung Nachhaltigkeit, einen möglichst schlanken Betrieb sowie eine möglichst schnelle Reaktion auf Kundenbedürfnisse. Hinzu kommt die Verbesserung ihrer termingerechten Erfüllungsraten bei überschaubaren Kosten. M. Tschandl bestätigt damit letztlich auch eine aktuelle Untersuchung der internationalen Supply-Chain-Software Plattform e2open. Dort identifiziert man derzeit insgesamt fünf Trends: Einbeziehung von externen Parteien, die Diversifizierung der Lieferketten durch Nearshoring. Dabei soll auch die Nachhaltigkeit auf “granularer Ebene” erfolgen. Die Spezialisten von e2open identifizieren aber auch im Bereich des Handels hinsichtlich seiner Rolle und Omni-Channel-Lösungen. Und last but not least dürfte das Thema KI für die Entscheidungsfindung in der Lieferkette eine wachsende Rolle spielen.

Lieferketten-Management – Von unternehmensintern zu unternehmensübergreifend 

Lieferketten-Management – An Tagen wie diesen weiß niemand genau, was die Zukunft bringt. Ein effizientes Management kann jedoch Risiken senken. (Foto: Radka Schöne / www.pixelio.de)
Lieferketten-Management – An Tagen wie diesen weiß niemand genau, was die Zukunft bringt. Ein effizientes Management kann jedoch Risiken senken. (Foto: Radka Schöne / www.pixelio.de)

Um Lieferketten effektiv zu verwalten und widerstandsfähig zu gestalten, müssen Unternehmen externe Parteien miteinbeziehen. Entscheiden ist dabei die Vernetzung ihrer Lieferkette und die Erfassung von Daten verschiedener Lieferanten, Logistikpartner und Kunden – nicht nur interner Abteilungen – in einer einzigen, einheitlichen Plattform. In einer vernetzten Lieferkettenplattform haben Unternehmen nämlich einen Zugang zu einer Single Source of Truth und damit Zugang zu Informationen z.B. zu Lieferverzögerungen. Mithilfe dieser Daten lassen sich diese Störungen frühzeitig erkennen und abmildern, bevor sie sich auf die Kunden auswirken. Wenn Unternehmen Trends in ihren Lieferkettendaten erkennen und verstehen können, z. B. Nachfragespitzen, Wetterereignisse, Konjunkturschwankungen, Transportverzögerungen usw., können sie im Voraus planen. Dabei übernehmen KI- und Machine-Learning-Technologien den Großteil der Arbeit und die Beschäftigten müssen die Empfehlungen nur noch überprüfen und genehmigen.

Lieferketten diversifizieren mit Nearshoring

Vermehrte Unterbrechungen der Lieferkette, verschärfte Vorschriften und zunehmende protektionistische Maßnahmen verleiten Unternehmen nun dazu, ihre globalen Lieferketten neu zu gestalten, um die Versorgung sicherzustellen und die Abhängigkeit von einem einzigen Land zu verringern. Konzepte wie das Nearshoring gewinnen dabei weiter an Popularität. Theoretisch erleichtert dieser Ansatz die schnelle Auftragserfüllung und verringert die mit globalen Lieferketten verbundenen Risiken. Jedoch ist auch Vorsicht geboten: Diese Modelle sind aufgrund der Kosten und des Zeitaufwands, die mit der Neupositionierung von Produktionsanlagen und Zulieferer- und Logistiknetzen in der Nähe des eigenen Standorts verbunden sind, kurzfristig nur begrenzt realisierbar. Nearshoring sollte als langfristige Strategie beim Lieferketten-Management betrachtet werden und sollte als eine Facette einer komplexen Lieferkette unter mehreren betrachtet werden.

Lieferketten-Management und die Nachhaltigkeit auf granularer Ebene

Die Einbeziehung von Nachhaltigkeitsaspekten in die langfristige Wachstumsstrategie eines Unternehmens muss zur Norm werden. Sie kann nämlich nicht nur ein Gewinn für die Umwelt sein, sondern auch aus finanzieller Sicht. Dafür ist zunächst eine Investition in vernetzte Lieferkettentechnologie erforderlich, die das gesamte Netzwerk bis auf eine granulare Ebene transparent macht. Denn nur so können Unternehmen Verschwendung, wie z. B. überhöhte Lagerbestände, reduzieren und die mit den Bewegungen in der Lieferkette verbundenen Emissionen, wie z. B. beschleunigte Lieferungen, minimieren. Dabei ist auch die Berichterstattung ein wichtiger Aspekt. Beispielsweise müssen Unternehmen hierzulande den Berichterstattungsstandards der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) der EU erfüllen. Dies bedeutet, dass Unternehmen effektiver über ihre Umweltauswirkungen berichten müssen. Mehr Transparenz, Datenaustausch, Lieferkettentechnologie und die Zusammenarbeit zwischen allen Gliedern der Lieferkette sind dabei entscheidend beim Lieferketten-Management der Gegenwart und Zukunft.

Die neue Rolle für den Einzelhandel und das Omnichannel-Erlebnis

So sehr das Online-Shopping auch boomt, so sehr schätzen die Menschen doch das persönliche Einkaufserlebnis. Die Bereitstellung eines echten Omnichannel-Erlebnisses für den Online- und den stationären Einzelhandel macht das Fulfillment jedoch zu einer Herausforderung, und erfordert eine durchgängige Transparenz der Lieferkette. Um das umzusetzen, werden Einzelhandelsgeschäfte zu Fulfillment-Hubs. Sie sind nicht mehr auf externe Lager angewiesen, sondern werden zunehmend als Fulfillment-Standorte genutzt, die schnelle Bestellungen, Buy-Online-Pick-Up-In-Store (BOPIS) und Click-and-Collect ermöglichen. Auch die Nutzung von Point-of-Sale-Informationen (POS) im Lieferketten-Management ist ein wichtiges Instrument, um das Kaufverhalten der Kunden zu überwachen und ihre Bedürfnisse zu antizipieren. Unternehmen müssen einen Schritt weiter gehen und nicht nur die Bestellungen der großen Einzelhändler prognostizieren, sondern auch die Kunden analysieren, an die die Einzelhändler verkaufen.

Die Einbindung von KI in die Entscheidungsfindung in der Lieferkette

Lieferkettenmanagement – Der weltweite Handel ist seit zwei Jahren durch autoritäre Regime massiv bedroht. (Foto: Maren Beßler / www.pixelio.de)
Lieferkettenmanagement – Der weltweite Handel ist seit zwei Jahren durch autoritäre Regime massiv bedroht. (Foto: Maren Beßler / www.pixelio.de)

Daten und eine eingebettete KI-Strategie sind unumgänglich – und entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens. Eine KI ist jedoch nur so gut, wie die Daten, die zur Verfügung stehen. Dazu gehören Daten aus internen Abläufen sowie entlang der gesamten Wertschöpfungskette mit mehreren Ebenen von Partnern, Lieferanten, Vertriebsnetzen, Transportunternehmen, Zollbehörden und mehr zu einem erfolgreichen Lieferketten-Management. Der Zugang zu diesen Informationen hängt hierbei von einem vernetzten Lieferkettennetzwerk ab, das die Daten für eine optimale Entscheidungsfindung liefert. Je mehr Datenpunkte, desto besser wird jede KI-Lösung funktionieren. Der größte Gewinn für die Lieferketten liegt also dabei in der Einbettung von KI in die tägliche Entscheidungsfindung und in der Sicherstellung, dass die für die Herstellung, den Transport und den Verkauf von Waren verwendeten Tools KI in ihrem Kern enthalten. KI darf somit nicht länger ein Overlay oder ein nachträglicher Gedanke sein, sondern muss bei jeder Entscheidung eine zentrale Rolle spielen.

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Lieferketten-Management – Märkte in Bewegung

Im Bereich des Lieferketten-Management sind die Märkte somit arg in Bewegung geraten. Niemand weiß dabei, wohin dabei die Reise gehen wird. Der Informations- aber auch der Investitionsbedarf ist darum enorm hoch. Denn Fakt ist, dass nur diejenigen Unternehmen, welche ihre Lieferketten im Griff haben und diese zudem systematisch diversifizieren, werden im Wettbewerb nicht nur die Nase vorne haben, sondern können so auch Risiken dramatisch senken. Gleichzeitig können sie so sicherstellen, dass sie fair in den Märkten mit ihren Lieferanten agieren. Gleichzeitig können sie so sicherstellen, dass das Verbraucherbedürfnis nach Produkten mit einer geringen Umweltbelastung befriedigen können. Und darauf kommt es ja letztlich an.

vnl.at | e2open.com

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