„Wo bleibt der Mensch?“

Wolfgang Kubesch, GF BVL | Foto: RS Verlag

„Der Mensch steht über allem, denn es dreht sich ja letztlich nur um ihn.“

Wolfgang Kubesch
im Gespräch mit
CR Hans-Joachim Schlobach
über den kritischen Umgang
mit der Digitalisierung,
die Wichtigkeit zwischenmenschlicher Kommunikation,
die Nachhaltigkeit und den
32. Logistik-Dialog
am 14.+15. April 2016 im Eventhotel Pyramide
in Vösendorf bei Wien.


B+L: Herr Kubesch, die Digitalisierung in unterschiedlichsten Ausprägungen ist auch auf dem 32. Logistik-Dialog das zentrale Thema. Wie steht die BVL Österreich eigentlich dazu?

Kubesch: Natürlich ist, im Zuge der Megatrends wie Industrie 4.0, Internet der Dinge etc., das auch ein zentrales Thema für uns bei der BVL. Ich denke, das Motto des heurigen Logistik Dialogs zeigt dies auch ganz deutlich: „Disruptive Entwicklungen Kreative Antworten“. Dabei wird es primär um das Thema Digitalisierung gehen, jedoch stets auch im Kontext mit der Nachhaltigkeit.

B+L: Wie meinen Sie das?

Kubesch: Nachhaltige Konzepte schließen zwingend soziale, ökologische und ökonomische Aspekte mit ein, auch und gerade dann, wenn es um Themenstellungen wie „Digitalisierung“, „Industrie 4.0“, „Internet der Dinge“ usw. geht. Wenn Sie die verschiedenen Keynotes und Fachsequenzen des Kongresses betrachten, Herr Schlobach, drehen sie sich daher stets auch um das Thema „Nachhaltigkeit“. Das zieht sich wie ein roter Faden durch das Programm, bis hin zur Vergabe unseres „Nachhaltigkeitspreis Logistik“, der heuer zum fünften Mal verliehen wird.

Das Bedürfnis an Kommunikation zwischen Menschen wächst mit dem Digitalisierungsgrad von Gesellschaft und Wirtschaft.

Wolfgang Kubesch, GF BVL | Foto: RS Verlag


B+L:
Wo sehen denn Sie, als Geschäftsführer der BVL und Organisator des Logistik Dialogs, einen wesentlichen Knackpunkt der Digitalisierung im Hinblick auf die Nachhaltigkeit?

Kubesch: Beim Menschen selber. Industrie 4.0 hat ja im Prinzip nichts anderes zum Ziel, als die Vernetzung von Akteuren in Supply Chain-Netzwerken zur Optimierung von Ressourcen generell und – last but not least – einer besseren Wettbewerbsfähigkeit ganzer Ökonomien. Dabei sind wir fasziniert von den Möglichkeiten, die uns die Informationstechnologien und andere technologische Entwicklungen verschaffen. In diesem Zusammenhang wird jedoch gerne auf den Menschen und die Gesellschaft vergessen, obgleich es ja letztlich nur um sie gehen sollte.

B+L: Können sie das etwas konkretisieren?

Kubesch: Rund ein Drittel des Themenkomplexes Industrie 4.0 befasst sich mit der „Kommunikation“, also der Kommunikation zwischen Maschinen, Menschen und Maschinen sowie Menschen und Menschen. Die Digitalisierung, über die wir gerade sprechen, könnte man daher auch einfach nur als den Versuch betrachten, die ungebremste Kommunikation zwischen allen Akteuren zu ermöglichen. Hierfür bedarf es unter Umständen sogar disruptiver Entwicklungen und Konzepte, aber jedenfalls kreativer Antworten. Ein wesentlicher Teil der Kommunikation kann heute automatisiert ablaufen, sofern Standards bestehen. Die Maschinen ermitteln untereinander die unterschiedlichsten Bedarfe und die Systeme werden immer lernfähiger. Die Frage stellt sich daher zwangsläufig irgendwann: Wo wird der Mensch in dieser Welt seinen Platz finden?

B+L: Und, wo bleibt er, der Mensch?

Kubesch: Er steht über allem, denn es dreht sich ja letztlich nur um ihn. Wir haben bei der BVL Österreich die Erfahrung gemacht, dass das Kommunikationsbedürfnis zwischen Menschen wieder erheblich zunimmt – trotz oder wegen der Digitalisierung. Und in weiterer Folge werden sich auch Berufswelten durch den Einsatz neuer Technologien noch rasant verändern.

B+L: Wie äußert sich denn das beispielsweise im Umfeld der BVL?

Kubesch: Teilweise an Kleinigkeiten. Sehen Sie: Wir informieren unsere Mitglieder regelmäßig über das, was wir bei der BVL Österreich für den Logistiksektor tun. Rund 75 Prozent der Kommunikation läuft dabei digital ab: Newsletter, E-Mails etc. Doch zwei Mal im Jahr erhalten alle Mitglieder der BVL ganz klassische Briefpost. Das haben wir vor ein paar Jahren ganz bewusst wieder eingeführt. Der Effekt ist ein hoher Zuspruch, da diese Informationen einen ganz anderen, einen höheren Stellenwert bekommen. Ein persönlicher Brief wird nicht einfach in die Rundablage befördert. Ein Mail ist hingegen schnell einfach gelöscht. Ein Brief vermittelt „Wichtigkeit“ und ist am Ende des Tages auch eine kulturelle Errungenschaft, auf die wir von der BVL nicht verzichten wollen. Das wirkt ebenso bei den Nachwuchslogistikern, die mit Smartphone und Laptop aufgewachsen sind und teilweise kaum mehr Druckerzeugnisse konsumieren.

B+L: „Print“ ist also nicht „out“?

Kubesch: Nein, der Stellenwert von Print-Produkten wächst sogar, obgleich die Masse der Kommunikation heute natürlich digital abläuft. Das bezieht auch Magazine wie etwa BUSINESS+LOGISTIC und andere explizit mit ein. „Print“ vermittelt klar Wertigkeit.

B+L: Und was bedeutet das am Beispiel des Logistik Dialogs der BVL?

Kubesch: Das ist aus meiner persönlichen Sicht überhaupt der deutlichste Ausdruck dafür, wie groß der Zuspruch an direkter Kommunikation von Mensch zu Mensch ist. Ich würde sogar behaupten, dass das Bedürfnis am persönlichen Erfahrungsaustausch und von Interaktionen mit der Digitalisierung von Gesellschaft und Wirtschaft wächst. Wenn wir den Logistiksektor im deutschsprachigen Raum betrachten, so kann ich faktisch monatlich mehr oder weniger große Kongresse und Messen besuchen, dabei sind die kleineren Veranstaltungen gar nicht berücksichtigt. Das ist für mich ein deutliches Indiz dafür. Und daher ist es für uns ein Ansporn, unserem Netzwerk zum einen diese Kommunikationsmöglichkeit zu bieten und zum anderen das Thema Nachhaltigkeit voranzubringen.

B+L: Vielen Dank für das Gespräch!

www.bvl.at