BVL – Logistiker im Digitalisierungsrausch

Die Digitalisierung hat die Logistik-Branche in der Hand. Was vielfach als undifferenziertes Schlagwort daher kommt, hat jedoch Auswirkungen auf einen bislang eher unbeachteten Bereich: Die Kommunikation. Durch sie werden disruptive Innovationen erst möglich, wie auch der 32. Logistikdialog der BVL vom 14.-15. April in der Pyramide Vösendorf bei Wien zeigt. Doch es gibt auch kritische Stimmen zur Entwicklung. Ein Bericht von CR Hans-Joachim Schlobach

 

Digitalisierung ist das Eine, Digital Security das Andere. | Foto: Glawo/www.pixelio.de

Wer in diesem Jahr aufmerksam über die LogiMAT 2016 schlenderte, konnte einen dramatischen Wandel in der Intralogistik-Branche feststellen. Dieser ging jedoch weit über das hinaus, was üblicherweise an Marktveränderungen jedes Jahr zu registrieren ist. Und der Grund lag auch nicht darin, weil über 43.000 Messebesucher durch sämtliche acht Messehallen des mit 1.280 Ausstellern bis auf die letzten 20 m² ausgebuchten Messegeländes schoben. Vielmehr konnte die Messe erstmals die Logisitik in all ihren Facetten abdecken. Und der weitaus größte Teil der Themenstellungen widmete sich heuer ganz dem Thema „Industrie 4.0“, „Internet der Dinge“ oder kurz: der Digitalisierung. Dabei klotzten nicht nur IT-Firmen mit ihren Software-Lösungen. Nein, faktisch alle Austeller setzten die Digitalisierung ins Zentrum ihres eigenen Interesses. Und nahezu alle Aussteller und Interessenten widmeten sich der Frage, wie sie sich wohl in der einen oder anderen Form mit sämtlichen Akteuren einer Supply Chain verbinden könnten?

Netzwerker gewinnen

Offenbar hat in der Tat ein Sinneswandel sowohl bei Anbietern als auch Nutzern unterschiedlichster Logistiklösungen stattgefunden. Ging es noch vor wenigen Jahren darum, die perfekte Insellösung für sich und sein Unternehmen zu kreieren, um sich so einen Wettbewerbsvorsprung zu verschaffen, suchen vor allem Anwender nach Antworten auf die Frage, wie sie sich schnell, unkompliziert und flexibel in unterschiedlichste Supply Chains und ihre Netzwerke integrieren können. Der beste Netzwerker macht heute das Rennen um Aufträge, und nicht der beste Einzelkämpfer. Das ist unterm Strich freilich nichts wirklich Neues. In dieser Form neu ist jedoch, dass die Vernetzung durchgängig wird – von Mensch zu Mensch, Mensch zu Maschinen und Maschine zu Maschine.

Mittelstand stürmt Gipfel. Neu ist in diesem Zusammenhang außerdem, dass hierbei die Big Player nicht wirklich den Ton in der Digitalisierung angeben. Viel mehr sind es Mittelständler und kleinere Unternehmen, die im Zeitalter der Digitalisierung durch disruptive Innovationen punkten. Dies wird sich letztlich auch auf dem 32. Logistikdialog der BVL zeigen, der unter dem Motto Läuft: „“Disruptive Entwicklungen, kreative Antworten“. Auch hier wird sich zeigen, dass es disruptive Innovatoren Personen oder Unternehmen sind, die mit ihren Entwicklungen sogenannte „Hidden needs“, also versteckte Kundenbedürfnisse aufstöbern. Sie erkennen Trends und Marktlücken, die ein hohes Potenzial versprechen. Beispiele für solche disruptiven Innovationen werden auch beim 32. Logistik-Dialog der BVL in der Pyramide in Vösendorf diskutiert. Und sie waren auch auf der LogiMAT zu sehen. Exemplarisch dafür steht hierfür etwa das Potsdamer Startup Synifoo für seine Softwarelösung 360° Transportation Monitoring. Dafür heimste das Unternehmen sogar den LogiMAT-Preis „Bestes Produkt“ in der Kategorie „Software, Kommunikation, IT“ ein.

Informationen sinnvoll verknüpft. Die Software Synifoo vernetzt hierbei Transportplaner mit allen verfügbaren Informationen – aus unternehmenseigenen aber auch externen Datenquellen, wie Stauentwicklungen, Unwettervorhersagen, Wartezeiten an Grenzübergängen und vielen weiteren Einflüssen auf den Transportwegen. Aus allen aktuellen Daten werden dann in Echtzeit für jeden einzelnen Transport genau die relevanten Störungen herausgefiltert und allen beteiligten Transportpartnern als Benachrichtigung zur Verfügung gestellt. Auf diese Weise werden dem Anwender mühsame manuelle und – angesichts der Vielzahl zu überwachender Transporte – zwangsläufig unvollständige Recherchen erspart. Der Transportplaner kann sich jetzt auf die eigentliche Dispositionsarbeit konzentrieren und wird gleichzeitig zu jeder Zeit über aktuelle Einflüsse auf jeden einzelnen Transport informiert.

Disruptive Innovationen machen auch auf der LogiMAT neugierig. | Foto: LogiMAT

30 Prozent Kommunikation

Genau an dieser Stelle wird offensichtlich, worum es bei Industrie 4.0 und der Digitalisierung sowie der Vernetzung im eigentlichen Sinne geht: um Kommunikation. Kommunikation ist der Austausch oder die Übertragung von Informationen zwischen Absendern und Empfängern. Jede Information ist also letztendlich nichts anderes als eine zusammenfassende Bezeichnung von Wissen, Erkenntnissen und Erfahrungen. Wenn daher Unternehmen aus Big Data verwertbare Informationen gestalten und diese dann Entscheidern bzw. Mitgliedern einer Supply Chain zur Verfügung stellen, ist das nichts anderes als der Beginn der Kommunikation zwischen Menschen, Menschen und Maschinen und Maschinen untereinander rund um den Erdball. Und das in immer größerer Geschwindigkeit. Die Entwicklungen in der IT machen‘s heute technisch möglich.

Babylon lässt grüßen. Einziger Pferdefuß: Bislang plappern viele der angebotenen Systeme gewissermaßen in ihrer eigenen Sprache. Kommunikationsstandards fehlen vielfach bzw. sind vielfach auf geschlossene Systeme beschränkt. Doch zeichnen sich auch hierfür in den nächsten Jahren die Entwicklungen von Kommunikationsstandards ab – alleine schon des Geldes wegen. Ein für 2020 zu erwartendes Umsatzpotenzial von 1,8 Billionen US-Dollar werden’s möglich machen.

Kommunikationsstandards gesucht. Die Summen können jedoch nur lukriert werden, wenn es Standards gibt. Ein Durchbruch zeichnete sich schon im vergangenen Jahr auf der Hannover Industriemesse ab. Dort präsentierte die Plattform Industrie 4.0, ein Gremium der Branchenverbände Bitkom, VDMA und ZVEI, ihr dreistufiges Referenzarchitekturmodell RAMI 4.0. Dieses regelt den Datenaustausch zwischen geschützten Netzwerken in Unternehmen und dem World Wide Web. Schon im Mai 2015 kündigte China an, sich dem deutschen Vorbild anzuschließen. Wenig später publizierte dann das US-amerikanische Industrial Internet Consortium (IIC) sein Konzept, das den Empfehlungen der Deutschen ziemlich genau folgt.

Nicht alles in Butter

Schöne, neue Wirtschafts- und Logistikwelt? – Mitnichten, auch wenn auf der LogiMAT selbst, die kritischen Stimmen nur sehr verhalten zu hören waren. So ist ein Kritikpunkt, dass, neben den Standard-Fragestellungen, noch keine befriedigende Antwort im Hinblick auf die Resilienz ganzer Wirtschaftssysteme gefunden ist. Diese wird derzeit durch die extreme Vernetzung der einzelnen Akteure entlang einer Wertschöpfungskette erheblich herunter geschraubt, denn noch stehen viele Unternehmen ebenso wie Maschinen- und Anlagenbauer dem Thema IT-Security unwissend bis hilflos gegenüber. Unzureichend geschützte Netzte, Software und embedded Systems können aber für Industrieanlagen zur großen Gefahr werden, weil sie offene Einfallstore für Cyberkriminelle und Hacker sind. Und schafft es ein Angreifer, in eine Anwendung vorzudringen, so kann er nicht nur Produktionsanlagen von außen manipulieren und für Störungen oder Unterbrechungen im Produktionsablauf sorgen, sondern ganze Wertschöpfungsketten lahm legen. Dass dies kein erfundenes Horrorszenario ist, zeigt die Cyberattacke, welche im vergangenen Jahr die IT des deutschen Bundestages nachhaltig lahm legte. Westliche Geheimdienste machen hierfür den russischen Geheimdienst FSB verantwortlich.

Industriespionage. „Aber auch der Verlust sensibler Unternehmensdaten oder wertvollen geistigen Eigentums mittels Reverse Engineering ist denkbar. Wie der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e.V. (VDMA) in einer Studie zur Produktpiraterie ermittelt hat, entstehen Unternehmen in Deutschland durch den illegalen Nachbau von Maschinen und Anlagen Schäden in Höhe von 7,9 Milliarden Euro jährlich. Immerhin 71 Prozent der deutschen Unternehmen sind von illegalen Plagiaten betroffen. Reverse Engineering ist dabei mit über 70 Prozent die häufigste Ursache von Plagiaten“, schreibt hierzu Mirko Brandner, Entwickler und Berater bei Arxan Technologies in seinem Aufsatz „Industrie 4.0 – Ein Paradies für Hacker“ aus dem Jahr 2015. Arxan Technologies gehört zu den größten Unternehmen der Security-Branche in der IT.

32. Logistik-Dialog

Ein weiterer Kritikpunkt ist die Integration der Menschen in industrielle Abläufe in einer Weise, die ihn zum Teil einer Maschinerie werden lässt, die ihn steuert und nicht umgekehrt. Auch bei der BVL Österreich sieht man diesen Aspekt durchaus kritisch. Die Digitalisierung und das Thema Industrie 4.0 kann daher nur im Sinne der Nachhaltigkeit vorangetrieben werden, ist man in Wien überzeugt. Die Nachhaltigkeit von Industrie 4.0 und der Digitalisierung wird im Rahmen des Dialogs in unterschiedlichsten Sequenzen diskutiert. „Der Mensch ist die Basis von allem“, sagt hierzu Wolfgang Kubesch, Geschäftsführer der BVL. Deshalb ist der Dialog zwischen den Menschen, trotz Digitalisierung, nicht ersetzbar, so Kubesch abschließend.

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