ZELLULARE INTRALOGISTIK – Harter Infight im Lager

Wladimir Klitschko (Foto: Marko Greitschus / www.pixelio.de)
Zellulare Logistik: Nett ist anders. Shuttles und RGBs gehen in den technischen Infight, wenn es um die
Markthoheit in der Fördertechnik geht. (Wladimir Klitschko im Weltmeisterschaftskampf) (Foto: Marko Greitschus / www.pixelio.de)

Shuttlesysteme stehen erst am Anfang ihrer Karriere. Doch die Entwicklung hier ist sehr dynamisch. Mittlerweile scharrt schon die dritte Generation der Shuttles in den Startlöchern. „Zellulare Intralogistik“ nennt sich das Zukunftsprojekt des Fraunhofer Institutes für Materialfluss und Logistik in Dortmund. Es ist eine Kampfansage an stationäre Fördertechnik.  (Ein Bericht von Anita Würmser)

Die Zukunft des Lagers ist klein, flexibel, sparsam. Mit seinen 113 Zentimetern Länge macht sich das Multishuttle „move“ im Vergleich zu wuchtigen Regalbediengeräten und kilometerlangen Fördertechnikwindungen aus wie David gegen Goliath. Selbst gestandene Logistiker bedienten sich anlässlich seiner Premiere bei Dematic im Juni in Offenbach eines ungewöhnlichen Vokabulars von „nett“ bis „putzig“.

Ohne Umwege zum Ziel

Nett ist jedoch anders, denn hinter dem nur 35 Zentimeter hohen Shuttle verbirgt sich die größte Kampfansage an die stationäre Fördertechnik seit der Erfindung des Gabelstaplers. Denn die Fahrzeuge bewegen sich frei in der Halle und fahren praktisch überall: unter den Regalen, in den Kommissioniergassen, im Wareneingang oder im Warenausgang. Sie fahren ihre Ziele direkt an und sind nicht mehr einer starren Linienführung unterworfen. Investitionen in Eisen und Stahl? Damit sind sie Vergangenheit. Wegeinsparungen im zweistelligen Prozentbereich sind möglich, prognostiziert ihr Erfinder, Professor Michael ten Hompel, Chef des Fraunhofer IML in Dortmund (hier geht es zum Interview) gegenüber blogistic.net.

Wünsche ans Christkind

Die Liste der Vorteile von Multishuttles liest sich wie der Wunschzettel ans Christkind von Top-Management in Unternehmen und deren Intralogistikern gleichermaßen. Und sie mündet letztlich in einem Wort: „Flexibilität“. Vorbei die Zeiten kostspieliger Um- und Ausbauten. Schöne neue Intralogistik-Welt! Und in der Tat: Mit den neuen Systemen sind spätere Erweiterungen oder Layoutanpassungen ohne viel Aufwand realisierbar, denn die Fahrzeuge passen selbstständig ihre Fahrwege an und stellen sich so auf geänderte Bedingungen ein. „Skalierbarkeit“ heißt das im Fachjargon, den man vielerorts eher aus der IT kennt.

Shuttles steuern Leistung. Die Systemleistung steuert sich dabei jedoch nicht über Festplatten und Chip-Technologien usw. sondern über die Anzahl eingesetzter Shuttles. Solcherart flexibilisiert lassen sich saisonale und Tagesschwankungen oder veränderte Auftrags-, Kunden- oder Artikelstrukturen mit ein paar Fahrzeugen mehr oder weniger abdecken. Es ist dann nur noch die Frage zu klären, woher die Shuttles kommen, ohne nennenswerte Kosten zu verursachen. Aber Experten sind überzeugt: Das passende Shuttle-Mietkonzept wird nicht lange auf sich warten lassen. Auch die Leistung zwischen dem Lager- und dem Transportprozess oder den Regalgassen sind damit beliebig verschiebbar. Unterm Strich sind das genau die Eigenschaften, welche den Forderungen der Wirtschaft nach mehr Flexibilität in der Intralogistik entgegenkommen. Selbst die Tage, in denen es noch billiger war, ein komplettes Materialflusssystem abzureißen, als für eine neue Aufgabe umzubauen, könnten damit bald der Vergangenheit angehören, so die Prognose mancher Experten.

Wie Ameisen im Haufen

Für die Multishuttle-Schwärme, die künftig die Intralogistik erobern sollen, wurde mit der „Zellularen Intralogistik“ gleich ein neuer Name gefunden. Er soll zum Ausdruck bringen, dass die einzelnen Shuttles wie Ameisen in einem Haufen oder Zellen in einem organischen System zusammenwirken. „Das Mulitshuttle „move“ ist weit mehr als eine neue Fahrzeuggeneration. Für viele Anwendungsfälle haben wir damit eine komplett neue Intralogistik“, sagt ten Hompel, gewissermaßen der Vater der Zellularen Intralogistik. „Die klassische Technik für Anlagen mittlerer Leistung steht damit auf dem Prüfstand, denn Systeme mit dem Mulitshuttle „move“ sind flexibler, skalierbarer und nicht zuletzt durch ihre hohe Energieeffizienz, vor allem wirtschaftlicher“, urteilt auch Uwe Geissinger, CEO des Fraunhofer-Gerätepartners Dematic Central Europe anlässlich der Erstpräsentation in Offenbach. Wie schon beim Vorgängermodell, stammt die Basistechnologie des Mulitshuttle „move“ vom Fraunhofer IML, Dematic zeichnete für die Umsetzung der Komponenten verantwortlich. Zum internationalen Expertenteam bei dieser Entwicklung zählt auch Marco Dorigo, der italienische Mathematiker und Erfinder des so genannten „Ameisenalgorithmus“. Mit ihm soll die „Schwarmintelligenz“ auf die Zellulare Intralogistik übertragen werden.

Energie und Management. Das Fahrzeug selbst basiert weitgehend auf den Komponenten des regalgebundenen Multishuttle, das 2004 mit dem VDI-Innovationspreis ausgezeichnet wurde. Neu sind Lokalisierungsverfahren und Kommunikation der Shuttles untereinander sowie das Energiekonzept und -management. Mithilfe einer agentenbasierten Software arbeiten die Fahrzeuge selbsttätig mit dem Lift zusammen und koordinieren sich untereinander. Während sich der Vorgänger Multishuttle I als Puffer- und Konsolidierungslager etwa für die Lebensmittelbranche mit ihren hohen Leistungsanforderungen durchgesetzt hat, ist das Mulitshuttle „move“ für den mittleren Leistungsbereich konzipiert.

Zellulare Intralogistik: Hält das System, was es verspricht?

Ob die zellulare Intralogistik hält, was sie verspricht, soll das System im Echtbetrieb unter Beweis stellen. Den ersten großen Praxistest wird das Gesamtsystem Ende des Jahres beim Fraunhofer IML in Dortmund in einer eigens dafür errichteten Halle für ‚Zellulare Förder- und Transporttechnik‘ absolvieren. Dort fällt Ende des Jahres der Startschuss für den größten Versuch künstlicher Intelligenz, der jemals in der Logistik unternommen wurde. 50 Multishuttles sollen dort gemeinsam schwärmen und den Beweis antreten, dass die Zellulare Intralogistik sowohl klassische Fördertechnik als auch Regalbediengeräte ökonomisch und ökologisch sinnvoll ersetzen kann.

Fraunhofer IML

Anm. der Redaktion von 2019: Seit Entstehung dieses Artikels sind knapp zehn Jahre vergangen. Shuttles und die Schwarmtechnologie, also die Zellulare Intralogistik, sind aus der Intralogistik-Welt nicht mehr wegzudenken. Sämtliche großen Anbieter von Intralogistiksystemen wie SSI Schäfer, Knapp, Dematic etc. haben Shuttles mittlerweile in ihrem Standard-Repertoire. Allerdings haben sich Gabelstapler, RGBs usw. als Intralogistiklösung behauptet. Shuttles haben diese etablierten Technologien nicht abgelöst, jedoch zu rasanten technologischen Weiterentwicklungen insbesondere in Richtung Energieeffizienz und Umschlaggeschwindigkeit in diesem Bereich geführt.

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