Page 10 - Business+Logistic Sommer 2021
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BUSINE$+FINANZEN


                                                               Service- und Aftersales wird zentrales Element. Gleichzeitig werden
                                                               sich rund 465 Milliarden US-Dollar an Umsatz weltweit bis 2030 vom
                                                               Verkauf hin zu Dienstleistungen verschieben, so die Prognose. Dies ist
                                                               dem Switch vom Produkt- zum Systemlieferant der Automobilbranche ge-
                                                               schuldet. Das Service- und After-Sales-Business wird dann zu einem zen-
                                                               tralen Geschäft und Basis des wirtschaftlichen Erfolges. Nicht die Hard-
                                                               ware macht dann das Geschäft, sondern die Value Added Services. Die
                                                               Value Added Services werden dann aber auch die Unterscheidungsmerk-
                                                               male der Zukunft zwischen den Herstellern sein. Der LKW degeneriert
                                                               so zum einfachen Gebrauchsgegenstand mit geringen Gewinnmargen für
                                                               die Hersteller, der sich jedoch in ganzheitliche Konzepte integrieren muss
                                                               oder etwas sanfter formuliert: Der LKW wird so zwar zum wichtigen
                                                               aber nicht alleine bestimmenden Merkmal einer Mobilitätslösung. Der
                                                               Fokus der Anwender wie LKW-Hersteller wird also künftig vielmehr auf
                                                               der Integrationsfähigkeit von LKW-Flotten in regionale und international
       Der LKW ist nur noch Teil ganzer Mobilitätskonzepte.    angelegte Supply Chains und deren Effizienz liegen. Mit anderen Worten:
       Für die OEMs eine Chance für neue Kundensegmente.       Derjenige Hersteller macht dann das Geschäft, der dem Anwender die
                                                               beste Systemlösung liefert. Sie muss dabei flexibel genug sein, um damit
                                                               rasch auf sich verändernde Märkte und neue Herausforderungen wie den
      Staaten sind gefordert. Hier sind vor allem die Staaten gefordert, welche   Klimawandel und seine Folgen reagieren zu können.
      weitaus mehr in den Infrastrukturausbau investieren müssen als sie das
      bisher tun. Dabei geht es nicht alleine um den Ausbau der Verkehrsinfra-  Einflussfaktor „Technologischer Fortschritt“. Vor diesem Hintergrund
      strukturen alleine, sondern vor allem in den Ausbau von Kommunikations-  erscheint die Einschätzung, dass der technologische Fortschritt in den
      netzen auf Fiberchannel-Breitband-Basis. Sie alleine ermöglichen erst die   Bereichen der Antriebstechnik und Motorenentwicklung sowie der Pro-
      Umsetzung von Industrie 4.0, die digitale Transformation und damit klima-  dukt- und Serviceentwicklung selbst, der wichtigste Einflussfaktor für die
      gerechte wirtschaftliche Konzepte, zu denen auch die Mobilität gehört.    LKW-Branche in den nächsten zehn Jahren sein wird, mehr als realistisch.
                                                               Davon sind zumindest 69 Prozent der Befragten Top-Manager überzeugt.
      Klimawandel - OEMs wollen mehr
      Geht es allerdings nach den LKW-Herstellern unter dem Dach der   Umstrukturierungseffekt „MAN Steyr“
      European Automobile Manufactures Association (ACEA) wie DAF Trucks,   Für die Produktionsstandorte zeigt dieser Wandel bis 2030 bereits
      Daimler Trucks, Ford Trucks, Iveco, MAN Truck & Bus, Scania und Volvo   Wirkung. So strukturieren die OEMs ihre Produktionsnetzwerke im
      Group, werden ab 2040 keine Nutzfahrzeuge innerhalb der Europäischen   großen Stil um. Einer solchen strategischen Umstrukturierung dürfte
      Union (EU) verkauft, die mit fossilen Brennstoffen angetrieben werden.   aktuell beispielsweise MAN in Steyr zum Opfer fallen. Bis 2023 soll
      In einer gemeinsamen Erklärung mit Wissenschaftler*innen des Pots-  dieser Standort geschlossen und in Polen wieder aufgebaut werden. Dort
      damer Instituts in Berlin (PIK) im Dezember 2020 verpflichten sie sich   sind die Produktionskosten erheblich günstiger als in Österreich. Somit
      zudem bis 2050, für ihre Fahrzeuge „Klimaneutralität“ herzustellen.   ist für MAN das Commodity- und Plattform-Business in Polen, aber nicht
      Diese gemeinsame Erklärung gilt in Fachkreisen als „beispiellos“. Mit   in Österreich wirtschaftlich darstellbar. Die Region rund um Steyr verliert
      der Kooperation sei ein erster Schritt getan für die Zusammenarbeit von   bei einer Werksschließung mit den rund 2.300 MAN-Mitarbeitern ins-
      Industrie und Wissenschaft, „um auf der Grundlage wissenschaftlicher   gesamt rund 8.000 Arbeitsplätze und eine Wertschöpfung von rund einer
      Informationen den Übergang zur Nachhaltigkeit zu beschleunigen“, sagte   Milliarde Euro.
      der Erdsystemwissenschaftler Johan Rockström vom PIK gegenüber den
      Medien.                                                  LKW-Markt - Ohne Digitalisierung geht gar nichts
                                                               Die Transformation der Automobilwirtschaft wäre ohne eine digitale
      Diesel, LPG, Wasserstoff oder Elektro?                   Transformation unmöglich. Gleichzeitig ist die Digitalisierung ein wesent-
      Diese Ziele beeinflussen die Produkt- und Servicestrategien in der   licher Treiber dieser Transformation – auch im Bereich der LKW-Herstel-
      Automobilindustrie. Das zeigen Ergebnisse der IBM Studie. So gehen die   ler. Es kommt daher nicht von Ungefähr, dass 64 Prozent der befragten
      Top-Manager der LKW-Hersteller weltweit davon aus, dass es große Ver-  Manager der IBM-Studie die Digitalisierung als zentrales Element des
      schiebungen in Richtung des sogenannten „Plattform-Geschäfts“ geben   eigenen Geschäftserfolges sehen. Sie gehen davon aus, dass sich ihre
      wird. Das bedeutet, dass die Basis von LKW unterschiedlicher Bauart   Unternehmen digital neu erfinden müssen, um am Markt wettbewerbs-
      künftig gemeinsam entwickelte LKW-Plattformen sind, auf denen dann   fähig zu bleiben. Nur so lassen sich nach Ansicht der Top-Manager neue
      die Fahrzeuge der verschiedenen Marken ausdifferenziert werden. Das   Kundensegmente und somit neue Wachstumsmärkte erschließen. Und
      erlaubt schnellere Produktenwicklungen bzw. kürzere Produktlebenszyk-  in der Tat: 68 Prozent der befragten Führungskräfte in der DACH-Region
      len und hilft so enorme Kosten zu sparen. Bis 2030 sollen so bis zu 1,73   gehen davon aus, dass das Erschließen neuer Kundensegmente ihnen die
      Billionen US-Dollar Umsatz jährlich über das Plattformgeschäft generiert   größten Wachstumschancen bietet. Mit dieser Einschätzung befinden sie
      werden, glaubt man. Das ist mehr als die Hälfte des derzeit weltweit er-  sich im globalen Vergleich an zweiter Stelle hinter Brasilien.
      zeugten Umsatzes oder 51 Prozent. Dabei ist das Plattformgeschäft keine                                            FOTO: MESSE MÜNCHEN
      Neuheit. Vielmehr folgen die Nutzfahrzeugsparten der Automobilherstel-  Megatrend Industrie 4.0. Die Digitalisierung und in diesem Zusammen-
      ler nur der längst bekannten Praxis im Pkw-Bau.          hang der Megatrend Industrie 4.0 sind der Weg zur mehr Effizienz und

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