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„Wir sehen keine Investitionsklemme“

DI Rainer Buchmann, CEO von SSI Schäfer Graz im Gespräch mit CR Hans-Joachim Schlobach über Österreichs Mittelstand, Investitionen, Omnichannel-Strategien, die Volatilität der Märkte, Standardisierungen der Systeme und den Bedarf an neuen Finanzierungsmodellen.

DI Rainer Buchmann - SSI Schäfer Graz
R. Buchmann: „Durch die Parallelisierung dezentraler Systeme findet eine Serialisierung statt, was im Endeffekt nichts anderes als eine Art Standardisierung darstellt.“

B+L: Herr Buchmann, die Investitionen in große Intralogistiklösungen zur Verwirklichung beispielsweise von Omnichannel-Strategien im E-Commerce gelten als Spielwiese der sogenannten Großen. Österreich ist ein von der mittelständischen Industrie geprägter Markt. Wie schätzen Sie diesen in seinem Investitionsverhalten ein?

Buchmann: Es ist definitiv richtig, Österreich ist ein mittelständisch geprägter Markt. Gleichzeitig ist Österreich ein Markt, der im Herzen Europas liegt und viele Außengrenzen hat. Darum sind die Verbringungsmärkte vieler unserer Kunden gar nicht in Österreich, sondern im Ausland. Durch das Internet und dessen Möglichkeiten für österreichische Unternehmen nehmen wir daher eine starke Veränderung in den Distributionsstrukturen unserer Kunden wahr.

B+L: Wird durch E-Commerce und die veränderten Distributionsstrukturen mehr Wachstum generiert?

Buchmann: Der Konsum hat sich eigentlich nicht so sehr gesteigert, denn die Menschen essen deswegen ja nicht mehr, kaufen auch nicht mehr Kleidung oder andere Artikel. Der Unterschied ist, dass wir uns die Waren nicht mehr aus den Filialen holen, sondern zusenden lassen. Mit anderen Worten: Die physisch zu distribuierende Ware ist durch das Internet nicht mehr geworden. Es haben sich nur die Wege verändert und die Distribution ist durch Omnichannel-Strategien viel kleingliedriger geworden.

B+L: Das heißt…?

Buchmann: Während sich früher eine Palette auf den Weg in die Filiale gemacht hat, wird diese heute in 35 Einzelkartons direkt zum jeweiligen Kunden gebracht. Diesem Trend müssen wir als Hersteller folgen. Sie erwähnten zu Beginn, dass Omnichannel-Strategien eine Angelegenheit der Großen sei. Es stimmt, diese sind die Treiber davon, aber gerade der Mittelstand setzt heute auf sehr innovative, flexible Lösungen. Denn es gilt, die Wettbewerbsfähigkeit im Markt zu wahren.

B+L: Und der Mittelstand investiert? WKO-Chef Leitl spricht doch von einer Investitionsklemme in der Industrie…

Buchmann: Wir sehen diese allgemeine Investitionsklemme nicht, denn unsere Auftragsbücher sind langfristig gefüllt. Insbesondere der mittelständische Handel, aber auch die Industrie setzen auf Modernisierung, weil hier ein großer Nachholbedarf besteht. Bei ihnen geht es dabei jedoch weniger um die Ausweitung von Kapazitäten sondern vor allem darum, Prozesskosten einzusparen. Die Prozesse müssen schneller und sicherer gemacht werden. Und da sind gerade die österreichischen Mittelständler ziemlich pfiffig.

B+L: Bleiben wir im industriellen Bereich. Hier bewegen die Unternehmen neben Omnichannel so Schlagworte wie Industrie 4.0, Machine-to-Machine-Communication etc…

Buchmann: Österreichs Mittelstand bewegt sich hier sogar sehr intensiv. So wurde früher auf die Zentralisierung der Systeme gesetzt. Es wurden zentrale Distributionszentren gebaut und damit auch die Intelligenz zentralisiert. Um schneller und effizienter zu sein, werden heute hingegen dezentrale Systeme bevorzugt. Diese führen zu geringeren Transportkosten und zu geringeren Kosten für Entscheidungen, weil die Maschinerie weniger komplex sein muss. Gleichzeitig ist dezentrale Intelligenz weniger anfällig für Störungen.

B+L: Können Sie das konkretisieren?

Buchmann: Wenn in einem Schwarm ein intelligentes Element ausfällt, fällt nicht gleich der ganze Schwarm aus, sondern die anderen Schwarmelemente können dessen Aufgaben übernehmen, bis das eine wieder einsatzfähig ist. Dezentrale Systeme bieten mit wenig Aufwand ausreichende Redundanzen. Und gerade der Mittelstand ist hier sehr innovations- und investitionsfreudig.

DI Rainer Buchmann - SSI Schäfer Graz
R. Buchmann: „Der mittelständische Handel, aber auch die Industrie setzen auf Modernisierung, weil hier ein großer Nachholbedarf besteht.“

B+L: SSI Schäfer gilt als Hersteller sehr komplexer, umfangreicher Systeme. Geringere Komplexität und Dezentralisierung bedeuten jedoch auch kleinere Systeme. Oder nicht?

Buchmann: Physisch gesehen werden die einzelnen Anlagen freilich kleiner. Es findet aber eine Parallelisierung unterschiedlicher, kleinerer Systeme im Netzwerk der Kunden statt. Dadurch lassen sich die Systeme in viel kürzerer Zeit implementieren und in Betrieb nehmen. Damit werden sie aber auch ausfallsicherer, was zur Folge hat, dass nicht für aufwendige Redundanzen gesorgt werden muss.

B+L: Was bedeutet das für Sie als Hersteller?

Buchmann: Durch die Parallelisierung dezentraler Systeme findet im Endeffekt eine Art Standardisierung der Einzelsysteme statt. Und dadurch lassen sich auch für uns die Kosten erheblich senken. Ein weiterer Vorteil für den Kunden und damit auch für uns ist die leichte Skalierbarkeit, welche eine solche Standardisierung mit sich bringt. Wir können kleine und überschaubare Lösungen anbieten, die sich dann modular wie ein Steckkastensystem weiter ausbauen, aber auch wieder bei Bedarf abbauen lassen. So können die Systeme rasch auf sich ändernde Bedürfnisse angepasst werden. Mit einer zentralisierten Einheit geht das zwar auch, aber nur unter enormem Aufwand und damit verbundenen Kosten.

B+L: Eine hohe Standardisierung und modulare Bauweise von Systemen kennen wir aus der Gabelstapler-Branche. Dadurch werden die Geräte nicht nur kostengünstiger, sondern sie ermöglichen auch Finanzierungsmodelle wie Leasing oder Miete. So etwas ließe sich doch auch in der Logistikautomation implementieren, wenn die Standardisierung und Modularisierung weiter fortschreitet. Oder nicht?

Buchmann: Richtig! Gerade die mittelständische Industrie fragt verstärkt nach, für unsere Branche völlig neuen, Geschäftsmodellen wie Leasing oder Miete. Ein wesentlicher Grund dafür ist die sogenannte Volatilität der Märkte, welche eine vernünftige Planung über lange Zeiträume faktisch unmöglich macht. Die Unternehmen haben also nicht mehr die Sicherheit, dass ihre Wachstumskurve in drei Jahren so aussieht, wie sie heute geplant ist. Das Interesse an Investitionen in Wachstum und mehr Kapazitäten sinkt daher, nicht aber der Bedarf an Automation. Standardisierte, modulare und leicht skalierbare Systeme bieten jedoch eine hohe Anpassungsfähigkeit, auch hinsichtlich der Kosten. Und das kommt Miet- oder Leasingmodellen entgegen.

B+L: Und wie ist das für Sie als Hersteller?

Buchmann: Für uns als Hersteller werden durch die Standardisierung und Modularität der Systeme solche Geschäftsmodelle natürlich auch attraktiv, denn wir können die Module ganz nach Bedarf in das jeweilige System ein- oder wieder ausbauen. Die ausgebauten Module lassen sich dank der Standardisierung wieder anderenorts in den Kreislauf zurückführen. Eine klassische Win-Win-Situation.

B+L: Dadurch würde sich aber auch das gesamte Geschäftsmodell der Logistik-Automationsbranche komplett ändern. Oder nicht?

Buchmann: Nein, nicht das ganze, aber ein Teil davon. Fakt ist, dass der Mittelstand verstärkt solche Modelle wünscht und wir uns als Anbieter natürlich auch in diese Richtung bewegen müssen.

B+L: Wann sind solche Modelle bei SSI Schäfer spruchreif?

Buchmann: Wir fahren derzeit erste Piloten. Es hängt noch von verschiedenen anderen Faktoren ab, ob und wann es solche Systeme in einer Leasing- oder Miet-Variante gibt. Einen finalen Zeitpunkt kann ich heute daher nicht nennen.

B+L: Danke für das spannende Gespräch.

www.ssi-schaefer.com