VERFÜGBARKEIT – Mit Karacho durchs Schlagloch

Staplerflotten sind in Unternehmen mit Mehrschichtbetrieb wahren Hardcore-Dauerbelastungen ausgesetzt – insbesondere im Außeneinsatz. Dennoch muss die ständige Verfügbarkeit der gesamten Flotte garantiert sein. Der burgenländische Dämmstoff-Spezialist Austrotherm hat dieses Problem outgesourct. Ein Bericht von CR Hans-Joachim Schlobach

Wer in Richtung des burgenländischen Purbach fährt, der wird kaum vermuten, dass genau hier der österreichische Marktführer für Dämmstoffe, Austrotherm, seine zentrale Produktion für XPS-Dämmstoffe (XPS=Extrudiertes Polystyrol) hat. Denn mit dieser Region in der Nähe des Neusiedler Sees assoziieren Kenner viel mehr burgenländischen Wein, gutes Essen, Radwanderungen und/oder – wer ungarisch angehaucht ist – den Beginn der Pusta. Wohl kaum haben Landurlauber die typisch rosa XPS-Schaumplatten von Austrotherm im Sinn, die in ganz Österreich und in den angrenzenden Ländern an den Außenwänden von Häusern befestigt werden, wenn sie die Region bereisen.

Der Beginn der Dämmstoffindustrie

Dabei steht ausgerechnet hier, mitten im ländlichen Nirgendwo, die Wiege der österreichischen Dämmstoffindustrie. Denn die zur Schmid Industrie Holding (NÖ) gehörende Austrotherm ist schon seit mehreren Jahrzehnten im Burgenland ansässig, damals allerdings noch unter dem Namen Oswald Nowotny Dämmstoffe.

Ein Stück österreichischer Industriegeschichte. Diese begann im Jahr 1953, als der Wiener Oswald Nowotny im Keller eines Wiener Wohnhauses mit EPS (EPS=Expandiertes Polystyrol), besser bekannt als „Styropor“, herum experimentierte. Damals modulierte er damit jedoch hauptsächlich Büsten für die Hutindustrie, Schaufensterpuppen und ähnliches. Erst knapp ein Jahrzehnt später setzte der findige Unternehmer auf EPS als industriell genutzten Dämmstoff für die Bauindustrie. Damit läutete O. Nowotny den Beginn der österreichischen Dämmstoffindustrie ein – und zwar in Purbach. Die Wahl fiel damals auf das kleine, aber Insidern wohl bekannte Weinörtchen, weil O. Nowotny ein Weinliebhaber und leidenschaftlicher Jäger war. Er hielt sich deshalb, so oft er die Möglichkeit dazu hatte, in der Region rund um den Neusiedler See auf. Und da er die EPS-Dämmstoffproduktion alleine schon wegen der beengten Räumlichkeiten sowie der wachsenden Geruchsbelästigung der Anrainer in Wien nicht mehr aufrecht erhalten konnte, verband er das Angenehme mit dem Nützlichen und bezog Quartier im Burgenland. Von hier aus entwickelte O. Nowotny sein Geschäft weiter und baute es bis Mitte der 1980er-Jahre aus. Zwischenzeitlich kaufte jedoch der Bauindustrielle Friedrich Schmid das Unternehmen von dem kinderlosen und mit ihm befreundeten O. Nowotny ab und gliederte es in sein Industrieimperium ein. Heute produziert Austrotherm in 11 Ländern Europas bis in die Türkei seine EPS- und rosa Dämmstoffplatten.

XPS in Rosa. Friedrich Schmid war es dann auch, der die Investition in die XPS-Produktionsanlagen in Purbach veranlasste. Die Produktion nahm im Frühsommer 1991 ihren Vollbetrieb auf. Zeitgleich wurde die, bis dahin Oswald Nowotny Dämmstoffe heißende, Firma in „Austrotherm“ umbenannt. „Die Entscheidung, die XPS-Produktion gerade in dieser strukturarmen Region zu implementieren, hatte dabei zwei ganz banale Gründe: Zum Einen war man ja schon ortsansässig, zum Anderen steht Austrotherm hier nahezu unbegrenzter Raum für die Lagerung der leichten, aber voluminösen Dämmstoffe zu Verfügung. Außerdem gibt es nur wenige Anrainer, die nur kaum durch Lkw-Ver­kehre beeinträchtigt werden könnten. „Wir haben unsere Ladungsverkehre so weit optimiert, dass die Anrainer uns nur sehr begrenzt wahrnehmen“, erläutert DI (FH) Hermann Wagner, MSc, Betriebsleiter und Prokurist bei Austrotherm in Purbach, gegenüber BLOGISTIC.NET.

Mehrere Hektar geschotterte Fläche nutzt Austrotherm für die Lagerung seiner Dämmstoffe. | Foto: Austrotherm

Fordernde Topografie für Verfügbarkeit der Flotte

Mehrere Hektar geschottertem Untergrund (rund 40 Prozent des Werksgeländes) nutzt Austrotherm hier im weitläufigen Freigelände für die chaotische Lagerung seiner rund 350 unterschiedlichen Dämmplatten-Varianten. Das entspricht so ziemlich genau der Menge eines Monatsumschlags.

Dabei ist die Lagerung nach Schnell- und Langsamdrehern grob strukturiert: Schnelldreher sind möglichst nah am geteerten Bereich gelagert, welcher für die Beladung der Lkw-Sattelauflieger auf dem Betriebsgelände vorgesehen ist.

Auf Umschlag getrimmt. Genau in diesen topografischen Bedingungen liegt eine der Herausforderungen, welche an die Verfügbarkeit der mittlerweile 19 Fahrzeuge umfassende Staplerflotte gestellt werden. Denn die Fahrzeuge fahren im Dreischicht-Betrieb bei Wind und Wetter entweder von der Produktion ins Freigelände oder sie beschicken in der Hauptschicht die ständig eintreffenden Lkw mit ihrer Ladung. Dabei müssen die Stapler täglich weite Strecken im wahrs-ten Sinne über Schotter, Stock, Stein und Schlaglöcher zurücklegen – mit Vollgas. Bei Austrotherm kommt es nämlich auf Umschlagsmenge an, um die Staplerflotte möglichst effizient nutzen zu können. „Wir produzieren anonym, d.h. auf Halde, damit wir österreichweit und im süddeutschen Raum innerhalb von drei Tagen nach Bestellung entweder beim Großhandel oder auf der Großbaustelle sein können. Jeder Ausfall eines oder mehrerer Geräte kostet uns daher bares Geld“, verdeutlicht H. Wagner den Druck, unter dem die Intralogistik in Purbach steht.

Austrotherm ist ein besonderer Kunde mit besonderen Herausforderungen. (…) Wir mussten uns im Sinne von ‚learning by doing‘ an eine optimale Lösung herantasten. Claus Hurst, Key Account Manager Jungheinrich Austria

Hohe Verfügbarkeit gefragt

Klar, dass es den burgenländischen Dämmstoffspezialisten ganz besonders um die höchste Verfügbarkeit der Flotte gehen muss. Noch vor ein paar Jahren hat das Unternehmen weitestgehend selbst für die Instandhaltung der eigenen Flotte gesorgt. Das ging deshalb, weil die umgeschlagenen Mengen mit rosafarbenen Dämmplatten noch überschaubar waren. Doch spätestens mit steigenden Heizkosten und staatlichen Förderungsmaßnahmen für thermische Sanierungsmaßnahmen in ganz Europa, setzte ein wahrer Run auf Dämmstoffe jedweder Art an – auch auf die „rosa Marke“. Für Austrotherm bedeutete dies eine rasante Steigerung der eigenen Produktion in den letzten zehn Jahren, mit erheblichen Folgen für die Intralogistik. Diese muss mit immer größeren Umschlagsmengen in immer kürzeren Zeitintervallen fertig werden.

Rasantes Flottenwachstum. Ein Effekt: Vor etwas mehr als zehn Jahren bestand die Staplerflotte von Autstrotherm aus sechs Geräten im Eigentum des Unternehmens, heute sind es 19 und man plant bereits die weitere technische Aufrüstung der Intralogistik. „Somit war der Erhalt der Staplerflotte in Eigentum und in Eigenregie schon sehr bald betriebswirtschaftlich nicht mehr darstellbar“, erläutert Ewald Filz, technischer Einkäufer bei Austrotherm in Purbach, die Situation. Deshalb habe man sich bereits 2007 für ein Rental-Modell samt Fullservice mit dem Hamburger Spezialisten für Intralogistiklösungen, Jungheinrich, entschlossen. Dies inkludierte somit Servicelevel-Agreements, welche die Verfügbarkeit der Staplerflotte garantieren.

Wir produzieren anonym, d.h. auf Halde, damit wir österreichweit und im süddeutschen Raum innerhalb von drei Tagen nach Bestellung entweder beim Großhandel oder auf der Großbaustelle sein können. Jeder Ausfall eines oder mehrerer Geräte kostet uns daher bares Geld. DI (FH) Hermann Wagner, MSc, Betriebsleiter u. Prokurist Austrotherm

DI (FH) Hermann Wagner, MSc, Betriebsleiter u. Prokurist Austrotherm | Foto: Jan Gott

Lehrgeld für Verfügbarkeit bezahlt

Mit diesem Deal hat Austrotherm seine Probleme des Flottenmanagements, die aus der besonderen topographischen Situation erwachsen, an Jungheinrich ausgelagert. Für die Spezialisten der Niederlassung in Wien bedeutete dies zunächst einmal, Erfahrungen zu sammeln. „Austrotherm ist ein besonderer Kunde mit besonderen Herausforderungen. Insbesondere die Belastungen für das Material sind aufgrund der ständig wechselnden Nutzungssituationen bei Wind und Wetter, denen die Geräte ausgesetzt sind, sowie der Topographie des Werksgeländes in Purbach, außergewöhnlich. Wir mussten uns im Sinne von ‚learning by doing‘ an eine optimale Lösung erst herantasten“, bestätigt Claus Hurst, Key Account Manager bei Jungheinrich im Gespräch.

Immer mit Vollgas. Dabei zahlten die Wiener Intralogistiker auf unterschiedlichsten Ebenen durchaus Lehrgeld. „So waren etwa die Radaufhängungen der Stapler der ersten Flottengeneration von 2007, den harten Stoßbedingungen im Dreischichtbetrieb nicht durchgehend gewachsen“, beschreibt E. Filz die damalige Situation. Insbesondere dem, bei den verwendeten Staplern für gewöhnlich sehr gut gefederten Chassis, machten die Schlaglöcher, die von den Fah­rern mit und ohne Last mit Vollgas durchfahren werden, immer wieder Probleme. Und das, obwohl die damals im Einsatz befindlichen Fahrzeuge extra für harte Außeneinsätze konzipiert waren. Es handelte sich damals um Geräte mit hydrodynamischen Antrieben, besser als Wandlertechnologie bekannt, die in der alten Flotte bei Austrotherm zum Einsatz kamen. Gleichzeitig machten besondere Verunreinigungen, wie beispielsweise durch starke Winde abgelöste und eingefahrene Stretchfolien, den Antrieben zu schaffen.

Geräte weiter entwickeln. Überhaupt sind die böigen Winde rund um den Neusiedler See eine besondere Herausforderung beim Handling der voluminösen, aber leichten Dämmplatten in Purbach. Da die Ladungen große Angriffsflächen für die Winde bieten, mussten Haltevorrichtungen entwickelt werden, welche die Ladung beim Transport auf der Gabel halten. Zudem musste die Effizienz der Geräte weiter entwickelt werden, sodass zwei Paletten auf einmal transportiert werden können.

Ewald Filz, Technischer Einkauf Austrotherm | Foto: Jan Gott

Der Erhalt der Staplerflotte in Eigentum und in Eigenregie war schon sehr bald betriebswirt­schaft­lich nicht mehr darstellbar.  Deshalb haben wir uns 2007 für ein Rental-Modell (…) mit Fullservice entschlos­sen. Ewald Filz, Technischer Einkauf Austrotherm

Gemeinsam Lösungen finden

Die Techniker von Jungheinrich stellten sich diesen Anforderungen und ent­wickelten nach und nach Konzepte für die besondere Situation bei Austrotherm. Den eigentlichen Durchbruch brachte dabei der Einsatz des Jungheinrich TFG 425 S, der in Purbach seit 2009 zum Einsatz kommt und der die seit 2007 im Einsatz befindliche Flotte komplett ersetzte. Dabei handelt es sich um einen hydrostatisch angetriebenen Gegengewichtsstapler in der Tragkraftklasse bis 2.000 Kilogramm. Für die hohe Verfügbarkeit der Stapler sorgen hier vor allem die wartungsfreien Antriebe und Bremsen dieser Baureihe. Denn diese sind – anders als beispielsweise Fahrzeuge mit Wandlertechnologie – mit einem Direktantrieb ohne Verschleißteile wie Kupplung, Differenzial und Getriebe ausgestattet. Überdies profitieren die Bediener von zahlreichen Vorteilen, die sie sonst nur in Autos antreffen. Denn Jung­heinrich hat moderne Motoren aus der deutschen Automobilindustrie in die Hy­dro­staten eingebaut.

Elektronik arbeitet präzise. Die elektronische Steuerung der Motoren ermöglicht es zudem, präzise und leiser als Wandlergeräte der gleichen Klasse zu arbeiten. Auch der Verbrauch ist deutlich niedriger als bei entsprechenden Geräten mit hydrodynamischem Antrieb. Zudem erfüllen die Motoren durch ihre geringen Abgasemissionen die EU-Richtlinien, sodass damit bedenkenlos auch in Hallen gearbeitet werden kann. Somit sind diese Stapler perfekt für besonders harte Arbeitsbedingungen wie etwa auf Baustellen oder – wie bei Austrotherm – auf unebenen Schotterböden mit Schlaglöchern usw. geeignet.

Radkastenschutz. Für den Schutz der Antriebe vor gelösten Stretchfolien, entwickelten die Jungheinrich-Designer in Moosburg hingegen vor ein paar Jahren eigene Gitterschutzvorrichtungen für die Radkästen. Diese verhindern nun, dass lose herumliegende Folien während der Arbeit in die Radaufhängungen gelangen. „Gerade das führte immer wieder zu Ausfällen des einen oder anderen Staplers“, erzählt H. Wagner die Alltagssituation und weiter: „Gerade dann, wenn es bei der Verladung schnell gehen muss, verzögern solche Störungen die Verladeprozesse unnötig.“

Windschutz. Für die Sicherung der Dämmplatten vor Windböen während des Transports mit dem Gabelstapler und den gleichzeitigen Transport von zwei Paletten gleichzeitig, entwickelte Austrotherm gemeinsam mit dem Drittanbieter Ing. Schurz aus Unterpremstätten und Jungheinrich eine Doppelgabel mit seitlicher Doppelklammer. Diese werden bei der Aufnahme der Last manuell betätigt, sodass die Ladung selbst bei starkem Wind nicht verblasen werden kann. Sobald der Fahrer jedoch die Palettenladungen auf die Lkw hievt, werden die Klammern seitlich wieder weggeklappt und geben die Ladung auf diese Weise frei. „Ursprünglich war die Haltevorrichtung oben angebracht. Dies erwies sich jedoch als ungünstig bei der Verladung, weil so nicht die volle Höhe des Lkw-Lade­raums für Waren genutzt werden konnte“, verdeutlicht E. Filz die Situation.

Positive Nebeneffekte. Für den Hersteller Jungheinrich haben solche Störungen jedoch durchaus auch positive Nebeneffekte. Können die daraus entstehenden Entwicklungen doch auch in das eigene Angebotsportfolio aufgenommen werden, wenn sie sich in der Praxis bewähren. Das ist tatsächlich auch bei den Schutzvorrichtungen für Radkästen passiert, die für Austrotherm entwickelt wurden. Diese sind mittlerweile Teil des umfangreichen Ausrüstungssortiments des Staplererzeugers geworden. „Die Schutzgitter für Radkästen der TFG-Baureihe sind ein Beispiel für einfache, aber wirksame Innovationen, die Jungheinrich gemeinsam mit seinen Kunden entwickelt. Diese bringen natürlich auch anderen Anwendern einen Benefit, denn sie sind aus der unmittelbaren Praxis heraus entwickelt“, freut sich C. Hurst über die Erweiterung des Angebotsportfolios.

„Erwarte rasch brauchbare Lösungen“

Die neuen Geräte sowie die gemeinsamen Entwicklungen sichern nicht nur die dauerhaft hohe Verfügbarkeit der Staplerflotte des Dämmstoffspezialisten Austrotherm. Sie machen sie auch wesentlich Leistungsfähiger und sicherer. Insbesondere die Entwicklung der Gabelvorrichtungen wie die Doppelgabel und die Doppelklammern verhindern ein Verwehen der Ladung während des Transports. H. Wagner und E. Filz sind jedenfalls zufrieden, obgleich es eine Weile gedauert hat, bis bei Austrotherm eine optimal eingestellte Staplerflotte zur Verfügung gestellt werden konnte. Doch H. Wagner sagte hierzu: „Wir wissen, dass unser Umfeld auch für sehr renommierte Lieferanten eine besondere Herausforderung darstellt. Daher erwarten wir auch nicht, dass eine Staplerflotte auf Anhieb zu 100 Prozent funktioniert. Ich erwarte aber, dass unsere Lieferanten die Herausforderungen engagiert annehmen und dann rasch brauchbare Lösungen liefern.“ – Dem bodenständigen Manager und seinem Team dürften jedenfalls das Engagement und die Lösungskompetenz von Jungheinrich Austria zusagen. Sie planen bereits eine weitere Optimierung der Intralogistik mit Jungheinrich als Partner und mit Hilfe von Auto-ID Lösungen sowie einem entsprechenden WMS. Dabei sind auch Terminal-Lösungen für die Staplerflotte aus dem Jungheinrich-Umfeld eine vorrangige Option. Auch steht eine weitere Erweiterung der Flotte im Raum.

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