UKRAINE – IT- und Software-Branche arbeitet auf Hochtouren

Trotz vieler Herausforderungen, zu denen auch eine fehlende Stromversorgung oder die ständigen Luftschutzsirenen gehören, hat sich der ukrainische IT-Dienstleistungssektor als bemerkenswert widerstandsfähig erwiesen – sehr zur Erleichterung der digitalen Wirtschaft des Westens. Die Bedeutung einer robusten ukrainischen Technologiebranche für die ukrainische und westliche Wirtschaft ist größer als vielfach vermutet. Ein Fachbeitrag für blogistic.net von Sergej Bondarenko*

Eine schier endlose Reihe überfüllter Autos staute sich ab dem 24. Februar 2022 von der polnischen Grenze zurück in die Ukraine. Sie alle flohen vor den herannahenden Truppen der Russischen Föderation und dem, was diese mit ins Land bringen: Tod und Vernichtung. Unzählige Familien, die meisten ohne Väter oder Söhne im Alter zwischen 18 und 60 Jahren, die zu diesem Zeitpunkt durch das unmittelbar danach ausgerufenen Kriegsrecht die Ukraine nicht verlassen durften, bahnten sich mühsam, oft frierend und hungernd, ihren Weg in die Sicherheit. Auch die Straßen in Richtung Polen und in die Slowakei sowie nach Moldawien im Südwesten führen, waren ebenfalls überfüllt – und zwar nur in einer Richtung: weg von den marodierenden russischen Truppen sowie den auf die Flüchtenden fallenden Bomben, Raketen und Granaten. 

Ukraine – Putin hat sich verrechnet

Russland begann zur Überraschung aller seine tödliche Invasion in der Ukraine und seinen Vernichtungskrieg gegen die Ukrainerinnen und Ukrainer. Getrieben von der Überzeugung, dass er das Nachbarland Russlands rasch zur Gänze seinem Reich einverleiben bzw. in seine politische Einflusszone zurückführen könne, rechneten er und seine Generäle mit nur wenig Widerstand. Vielmehr glaubte er, die demokratisch gewählte Regierung in Kiew rasch stürzen zu können und die Ukrainerinnen und Ukrainer würden ihn, den russischen Imperator, mit Blumen und Jubel empfangen.

Die Ukraine leistet erbitterten Widerstand

Er und Russland sollten sich jedoch täuschen. Die ukrainische Armee und der ukrainische Zivilschutz, bestehend aus Freiwilligen mit sehr unterschiedlichem militärischem Ausbildungsstand, haben der Invasion mit all ihren Möglichkeiten bis jetzt standgehalten. Innerhalb eines Monats verließen vier Millionen Flüchtlinge, zumeist Frauen und Kinder, die Ukraine und brachten sich in befreundeten Nachbarländern wie Polen oder in Westeuropa in Sicherheit. Seither befinden sich rund 13 Millionen auf der Flucht. Das sind mehr als ein Viertel der ukrainischen Bevölkerung von rund 41 Millionen Menschen. Und davon haben Ende Mai über fünf Millionen ihr Land verlassen. Die Zahl der Opfer und Flüchtenden steigt weiter, je länger W. Putin seinen Krieg fortsetzt.  

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Ukraine – Großteil der ukrainischen IT-Fachkräfte sind im Land

Dennoch verbleibt ein Großteil der ukrainischen Bevölkerung innerhalb der Landesgrenzen. Männer zwischen 18 und 60 Jahren sowie andere Menschen, die sich einfach entschieden haben, zu bleiben, zeigen eine Mischung aus Trotz und Optimismus, dass Russlands Invasionstruppen erfolgreich aufgehalten und vielleicht sogar ganz aus dem Land vertrieben werden können.

Ukrainische IT-Branche arbeitet auf Hochtouren

Unter dieser Kriegsbevölkerung von etwa 36 Millionen Ukrainerinnen und Ukrainern gibt es einen starken Markt von Softwareentwicklern und IT-Fachkräften, die teilweise mit ihrem Know-how der ukrainischen Armee und ihren Unterstützern aus dem Ausland hervorragende Dienste leisten. So entwickelten etliche von ihnen eine Art Military-Uber, das es mit Starlink-Breitband-Internet des Milliardärs Elon Musk, Satellitenbildern des US-Militärs den Streitkräften ermöglicht, faktisch in Echtzeit die Hochpräzisionswaffen auf ihre Ziele weit hinter den Linien auszurichten und sofort, 24×7 Stunden zu feuern. Auf diese Weise fliegen derzeit ständig Munitionsdepots in die Luft oder wird das Antwortfeuer auf russische Artillerie sofort gerichtet, noch bevor diese ihre Waffen abziehen können.

Mehr als 215.000 IT-Fachkräfte in der Ukraine

Die Software- und IT-Entwickler-Community ist bekannt und personell gut ausgestattet. Schätzungen gehen davon aus, dass trotz des Krieges 75 Prozent Beschäftigten der Software- und IT-Branche, also rund 215.000, nach wie vor im Land sind. Einige von ihnen sind, wie oben dargestellt, in den aktiven Militärdienst eingetreten, entweder in die reguläre Armee oder in die zivilen territorialen Verteidigungsdienste. Die meisten arbeiten jedoch normal weiter. Im Jahr 2021, vor dem Einmarsch Russlands, verfügte die Ukraine über schätzungsweise 289.000 IT-Fachkräfte und damit über einen der höchsten Bestände an Softwareentwicklern in ganz Europa. Zahlreiche westeuropäische und nordamerikanische Unternehmen sind auf Softwareentwickler und andere IT-Experten aus der Ukraine angewiesen – direkt oder indirekt über IT-Outsourcing-Dienstleister.  

IT-Dienstleistungen – eine Wachstumsindustrie

Laut dem Bericht „Tech Ukraine 2021“ führte die Ukraine im Jahr vor der Invasion IT-Dienstleistungen im Wert von schätzungsweise sieben Milliarden Dollar aus. Das entspricht etwa dem Doppelten der Einnahmen aus dem Gasübertragungsnetz, das durch das Land verläuft und russisches Gas in den europäischen Raum transportiert. Die Exporte von IT-Dienstleistungen waren außerdem zweimal so hoch wie der Gesamtwert des ukrainischen Maschinenbausektors. Und sie entsprachen einem Viertel der Agrarexporte, des größten Wirtschaftszweigs des Landes.

35 Prozent Wachstum in 2021

Öffentliche Informationsquellen schätzen das Wachstum der ukrainischen IT-Dienstleistungsexporte auf 35 Prozent allein in den ersten drei Quartalen im Jahr 2021. Der Export von IT-Dienstleistungen trug in den letzten Jahren entscheidend zum allgemeinen Wirtschaftswachstum der Ukraine bei. Das schnelle Wachstum hat zu einer verstärkten Zusammenarbeit zwischen westlichen Unternehmen und ukrainischen IT-Fachkräften geführt. Viele dieser Partner aus dem Westen suchen dabei seit Langem dringend nach Fachkräften und sind daher auf Unterstützung aus der Ukraine angewiesen.

IT-Wirtschaft wird immer wichtiger

In einer vom Krieg zerrütteten Wirtschaft, in der viele Sektoren, insbesondere die Landwirtschaft, schwer geschädigt sind (die Weltbank prognostiziert einen Rückgang der ukrainischen Wirtschaft um 45 Prozent in diesem Jahr), ist das Fortbestehen des IT-Dienstleistungssektors für die Ukraine absolut essentiell – sowohl für die Steuereinnahmen des Landes als auch für die lokale Wirtschaft.

Essenziell für die Ukraine

Die Einkommen ukrainischer IT-Fachkräfte (6.000 bis 8.000 Euro pro Monat sind für erfahrene leitende Softwareentwickler keine Seltenheit, selbst wenn sie remote arbeiten) und die Steuern, die sie zahlen, sind für die ukrainische Wirtschaft in Kriegszeiten unverzichtbar. Viele von ihnen unterstützen derzeit ihre Familien, weil andere Erwerbstätige in weniger anpassungsfähigen Sektoren ihre Arbeit verloren haben. Die Tech-Community leistet zudem beeindruckende finanzielle Unterstützung und sammelt Geld für Wohltätigkeitsorganisationen, um die Kriegsanstrengungen sowie humanitäre Projekte zu unterstützen.

An Krieg angepasst

Nicht alle haben die Möglichkeit, mobil zu arbeiten, sobald ihnen ein ruhiger Raum, ein Laptop und ein Internetanschluss zur Verfügung gestellt werden. Der IT-Sektor der Ukraine, der vor dem Krieg absolut florierte, bietet jedoch diesen Vorteil. Er hat sich im Umgang mit der Kriegsrealität auf dem Territorium des Landes als ebenso „agil“ erwiesen wie die Fachkräfte bei der Entwicklung digitaler Produkte, welche nach wie vor einen Motor der lokalen und globalen Wirtschaft darstellen.

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Ukrainische IT-Wirtschaft bleibt für Westen Schlüsselbranche

Ukrainische IT-Fachkräfte sind auch für die digitale Wirtschaft des Westens absolut unverzichtbar. Snap, Lyft, Microsoft, Cisco und Google sind nur eine Handvoll amerikanischer Tech-Giganten, die ukrainische Arbeitskräfte beschäftigen. Viele, wenn nicht sogar die Mehrheit der europäischen Blue Chips, KMU und Start-ups stützen sich entweder direkt oder indirekt über IT-Outsourcing-Partner auf das technische Talent der ukrainischen Arbeitnehmer. Hätten die 289.000 ukrainischen IT-Fachkräfte also den internationalen Arbeitsmarkt verlassen, hätte dies ein großes Problem für westliche Banken, Maschinenbauer, Automobilhersteller, Tech-Start-ups und viele andere Unternehmen dargestellt, denn die Aufgabe dieser Spezialisten besteht darin, die nötige Software zu entwickeln bzw. zu warten, um die Unternehmen in der modernen Wirtschaft konkurrenzfähig zu machen. Zu ihrem Glück und zum Glück der ukrainischen Wirtschaft hat sich der IT-Dienstleistungssektor des Landes als bemerkenswert robust erwiesen. Möge dies auch weiterhin so bleiben.

kruschecompany.com

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