TEN HOMPEL – „Fördertechnik wird überflussig“

M. ten Hompel (Foto: Oliver Tamagnini / RS Media World Archiv)
M. ten Hompel: „Das System ist unschlagbar flexibel, praktisch ausfallsicher und beliebig erweiterbar. (Foto: Oliver Tamagnini / RS Media World Archiv)

Europas größtes Logistikforschungsvorhaben, der EffizienzCluster LogistikRuhr, will mit „zellularer Intralogistik“ die Lagertechnik revolutionieren. Anita Würmser sprach exklusiv für blogistic.net mit dessen Erfinder, Professor Michael ten Hompel.

BLOGISTIC.NET: Professor ten Hompel, was wird es in Ihrem Lager der Zukunft nicht mehr geben?ten Hompel: Müsste ich in den nächsten Jahren ein Behälterlager planen, würde ich in etlichen Fällen nicht mehr in stationäre Fördertechnik und Regalbediengeräte investieren.

BLOGISTIC.NET: Gemeinhin geht es zumindest ohne die Fördertechnik heute nicht? Wie soll das funktionieren?
ten Hompel: Stimmt, heute bauen wir in jedes Lager kilometerlange Fördertechnikstrecken und Rollenbahnen ein und fahren darauf von morgens bis abends die Ware um die Ecke. Das ist verrückt. Aber in vielen neuen Behälterlagern fahren schon Shuttles in den Regalen und übernehmen die Funktion von Regalbediengeräten. Der Schritt ist nur konsequent. In der zellularen Intralogistik wird eine neue Generation von Shuttles mit Elektroantrieb aus dem Regal herausfahren können, womit starre Fördertechnik überflüssig wird.

BLOGISTIC.NET: Sie nennen dieses System Zellulare Intralogistik. Was genau bedeutet das?
ten Hompel: Zellulare Intralogistik ist mehr als ein Multishuttle. Stellen Sie sich eine große Halle mit Arbeitsstationen auf der einen Seite und mit Regalen auf der anderen Seite vor und dazwischen fährt ein Schwarm solcher Fahrzeuge auf direktem Weg zu den einzelnen Zielen. Die Fahrzeuge bewegen sich frei in der Halle und fahren praktisch überall. Sie kommunizieren und koordinieren sich untereinander – ähnlich wie ein Ameisenschwarm oder eben die Zellen eines Organismus.

BLOGISTIC.NET: Komplexe Automatisierung rechnet sich meist nur auf dem Papier. Ist dieses Konzept frei fahrender Shuttles der Wunschtraum deutscher Ingenieure vom vollautomatischen Lager der Zukunft?
ten Hompel: Es geht ja nicht um den Ersatz der manuellen Arbeit, sondern um den klassischer, starrer Fördertechnik. Wir schaffen heute mit drei bis vier Multishuttles in einem 40 Meter langen Regal die gleiche Leistung wie ein Regalbediengerät. Warum soll es nicht möglich sein, die gleichen Shuttles nochmal weitere 20 Meter zur Arbeitsstation fahren zu lassen. Entscheidend dabei ist, dass wir in Zukunft die Ware nicht mehr um die Ecke bringen, sondern auf dem kürzesten Weg zum Ziel.

BLOGISTIC.NET: Klingt einfach, warum ist nicht schon früher jemand drauf gekommen?
ten Hompel: (lacht) Nach ein paar Jahren intensiver Forschung hätte man drauf kommen können, dass die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten eine gerade Linie ist. Aber wirklich geniale Ideen, sind im Nachhinein immer die, bei denen man sich genau diese Frage stellt. Wir stehen heute noch staunend davor, und fragen uns, warum bisher keiner auf diese simple Idee gekommen ist.

BLOGISTIC.NET: Eine Erfindung ist immer erst dann eine Innovation, wenn der Markt sie angenommen hat. Dazu muss sie einen deutlichen Vorteil bieten. Der wäre?
ten Hompel: Das System ist unschlagbar flexibel, praktisch ausfallsicher und beliebig erweiterbar.

BLOGISTIC.NET: Ist ein Lager mit zellularer Intralogistik auch kostengünstiger?
ten Hompel: Das hängt von der individuellen Anlage ab, aber unsere ersten Berechnungen zeigen, dass gerade in klassischen mittleren Distributionszentren Multishuttles preiswerter und deutlich flexibler als klassische Fördertechnik sein werden. Mit Sicherheit sehr viel günstiger wird die Steuerungstechnik. Alle Shuttles sind mit der gleichen Software ausgestattet, und völlig unabhängig vom Auftragsvorrat wird mit jedem Fahrauftrag das einzelne Shuttle adressiert. Das macht es so viel zukunftssicherer, als eine Investition in Stahl und Eisen.

BLOGISTIC.NET: Wie hoch liegt der Stromverbrauch im Vergleich zur herkömmlichen Technik?
ten Hompel: Die Stromkosten für den Betrieb einer Intralogistik-Anlage liegen nach fünf bis sieben Jahren genauso hoch wie der Kaufpreis. Ich gehe davon aus, dass wir die Stromkosten einer Anlage im Shuttlebetrieb um 20 oder 25 Prozent senken können.

BLOGISTIC.NET: Können Sie beweisen, dass das System zuverlässig und wirtschaftlich funktioniert?
ten Hompel: Wir führen am Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik in Dortmund gerade den wohl größten Versuch künstlicher Intelligenz durch, der jemals in der Logistik unternommen wurde. Dazu bauen wir extra auf 1000 Quadratmetern ein 65 Meter langes Distributionszentrum nach und ersetzen die klassische Materialflusstechnik vollständig durch 50 fahrerlose Transportfahrzeuge.

BLOGISTIC.NET: Wann ist das System marktreif?
ten Hompel: Das gibt es bereits 2011 auf der CeMAT-Messe in Hannover zu kaufen.

BLOGISTIC.NET: Wie wahrscheinlich ist es, dass in Zukunft die klassische Fördertechnik in einem Behälterlager nicht mehr existiert?
ten Hompel: Wir haben Anfang des Jahrzehnts das schienengebunde Multishuttle I entwickelt. Davon sind bis heute tausende verkauft worden. Wenn wir 2015 von den neuen Fahrzeugen nicht 5000 Stück verkauft haben, dann kriegen Sie von mir eine Kiste Champagner.

BLOGISTIC.NET: Die Hersteller von Regal-Bediengeräten und Fördertechnik dürften Ihre Prognose nicht gerne hören.
ten Hompel: Da kann ich nur raten, sich umzustellen. Die Marktentwicklung hat schon bei den konventionellen Shuttles gezeigt, wo die Reise hingeht.

M. ten Hompel (Foto: Oliver Tamagnini / RS Media World Archiv)
Heute bauen wir in jedes Lager kilometerlange
Fördertechnikstrecken und Rollenbahnen ein
und fahren darauf von morgens bis abends die Ware um die Ecke. Das ist verrückt. (Foto: Oliver Tamagnini / RS Media World Archiv)

BLOGISTIC.NET: Für welche Lager und Branchen empfehlen Sie diese Lösung?
ten Hompel: Ideale Einsatzmöglichkeiten sehe ich bei der Versorgung der Produktion in der Automobilindustrie, wo die Multishuttles die Ware aus dem Regal gleich ans Band und zu den Arbeitsstationen bringen oder die Arbeitsstationen miteinander verknüpfen. Vorteile bringt es auch in Handelslägern mittlerer Leistung oder im ECommerce-Bereich, wo man sehr häufig kleinteilige Waren in klassischen Behälterlagern hat.

BLOGISTIC.NET: Wo macht die Shuttle-Technologie keinen Sinn?
ten Hompel: Wir können keine Briefsorter ersetzen oder Kanalsorter, in denen 40.000 Medikamentenschächtelchen oder Zigarettenschachteln pro Stunde sortiert werden. Außerdem sollten wir nicht gleich wieder darüber nachdenken, mit einer Technologie alles zu ersetzen.

BLOGISTIC.NET: Was kostet ein Multishuttle „move“?
ten Hompel: Für einen konkreten Preis ist es noch zu früh. Aber er wird wohl unter 20.000 Euro pro Stück liegen.

BLOGISTIC.NET: Momentan tragen die Shuttles maximal 40 kg, wann gibt es die 80 kg-Variante?ten Hompel: 60, 80, 100 Kilogramm sind nur eine Frage der Zeit und der Größe der Shuttles.

BLOGISTIC.NET: Wird es im Lager der Zukunft noch Gabelstapler geben?
ten Hompel: Der Gabelstapler ist alles andere als tot.

BLOGISTIC.NET: Werfen Sie einmal einen Blick in die Zukunft: was kommt nach dem Multishuttle move?
ten Hompel: Wer sagt, dass der LKW die Transportform der Zukunft sein wird, zumindest in der Stadt, der irrt. Der nächste Schritt ist klar: Das autonome, elektrische Lieferfahrzeug für den Innenstadtbereich. Warum sollten die Shuttles nicht auch aus der Halle heraus in die Stadt fahren? Heute schon fahren solche Fahrzeuge in betreuten Kleingruppen durch unser Institut in Dortmund. Es spricht nichts dagegen, den Schwarm auch in die Stadt ausschwärmen zu lassen.

BLOGISTIC.NET: Sie haben das mit 100 Millionen Euro und 131 Forschungspartnern größte europäische Logistikforschungsprojekt auf die Beine gestellt und den Spitzenclusterwettbewerb der deutschen Bundesregierung gewonnen. Was ist der Kern dieser Megaforschung?
ten Hompel: Es geht um Effizienz. Unser Ziel ist es, erstmals ganzheitlich und interdisziplinär die Logistik von morgen mit 75 Prozent der Ressourcen von heute zu erledigen. Am Ende werden 100 neue Produkte und Patente mit 2,3 Milliarden Euro Marktpotenzial stehen und Einsparungen für die Wirtschaft in zweistelliger Höhe. 

Europas größtes Logistikforschungsprojekt

Im heurigen Februar hat das vom Dortmunder Fraunhofer IML initiierte EffizienzCluster LogistikRuhr beim Spitzencluster-Wettbewerb der deutschen Bundesregierung den Zuschlag bekommen. Damit sichert sich das Konsortium für die kommenden fünf Jahre Fördermittel in Höhe von rund 40 Millionen Euro. Hinzu kommen noch einmal mehr als 40 Millionen Euro der Industriepartner des Clusters und 20 Millionen Euro aus assoziierten Projekten. Ehrgeiziges Ziel der Forschungsgemeinschaft ist es, die Logistik von morgen mit 75 Prozent der Ressourcen von heute zu meistern. 120 Unternehmen und elf Forschungsinstitute wollen dazu bis 2015 mehr als 100 Innovationen mit einem Marktpotenzial von zwei Milliarden Euro entwickeln. Die Palette der Forschungsfelder deckt die gesamte Themenvielfalt der Logistik ab und reicht von der Zellularen Intralogistik über die Entwicklung „intelligenter“ Verpackung bis hin zu einem neuartigen Logistik-Navigationssystem, das nicht nur die Straße, sondern auch Schiene und Wasser einbezieht. Eines der Aufsehen erregenden Projekte ist das Vorhaben, das weltweit erste Supply-Chain-Zertifizierungssystem für Logistikdienstleister zu etablieren.

BLOGISTIC.NET: Ihre Bewerbung bei der deutschen Spitzencluster-Initiative haben Ihre Professoren-Kollegen als illusorisch und chancenlos eingestuft. Warum haben Sie es trotzdem gewagt?
ten Hompel: Ja, alle haben mich gewarnt, dass ich meine Karriere aufs Spiel setzen würde. Aber ich wollte etwas bewegen und bin überzeugt von dem, was wir tun. Außerdem hatten wir erstmals die Chance das Thema Logistik neben Medizin, neben Biotechnologie, neben Nanotechnologie thematisch in der Politik zu verankern. Ich hätte es gar nicht ausgehalten, wenn diese Chance an uns vorbei gegangen wäre.

BLOGISTIC.NET: Dafür sind Sie jetzt der Shootingstar der Logistikwissenschaft sozusagen der angehende Logistikpapst?
ten Hompel: Ich bin nicht sicher, ob ich unbedingt Logistikpapst sein möchte. Unser Forschungsprojekt ist ein Cluster. Da haben, wie es eben typisch für das Ruhrgebiet ist, viele Menschen die Ärmel hochgekrempelt und wir haben gewonnen.

BLOGISTIC.NET: Vielen Dank für das Gespräch!

Fraunhofer IML

Dr. Michael ten Hompel ist Vorsitzender des Steuerkreises und Initiator des EffizienzClusters Logistik Ruhr und geschäftsführender Institutsleiter Fraunhofer IML , Dortmund.

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