ROBOTIK – “Es ist nicht der Robot alleine, der Smart Factory und Losgröße 1-Strategien unterstützt”

Heimo Robosch, Knapp AG (Foto: Peter Nestler / RS Media World)
H. Robosch: Ein Robot macht och keine Smart Factory (Foto: Peter Nestler / RS Media World)

Heimo Robosch, Executive Vice President des führenden österreichischen Logistik-Automationsspezialisten, KNAPP AG, im Gespräch mit CR HaJo Schlobach über Losgröße 1, welche Herausforderungen damit verbunden sind und völlig neue Lösungsansätze wie die Robotik.  

blogistic.net: Die Losgröße 1 gilt als die Standardgröße der Zukunft. Warum? 

Robosch: Der Trend zur Individualisierung ist universell. Kunden, egal wo, wollen heute möglichst das auf sie abgestimmte Produkt bekommen, das sie entweder selbst konfigurieren bzw. das für sie konfiguriert wurde. Und das wollen sie möglichst rasch.  

blogistic.net: Was bedeutet das für die Anwender beispielsweise Ihrer Lösungen? 

Robosch: Für unsere Kunden bietet diese Individualisierung die Möglichkeit, selbst USPs (USP = Unique Selling Proposition) zu schaffen, welche sie von Marktbegleitern abheben. Diese USPs gehen jedoch weit weg von der Produktspezifikation und dem Preis. 

Für unsere Kunden bietet diese Individualisierung die Möglichkeit, selbst USPs zu schaffen, welche sie von Marktbegleitern abheben. Diese USPs gehen jedoch weit weg von der Produktspezifikation und dem Preis.

Heimo Robosch, Executive Vice President Knapp AG

blogistic.net: Wie meinen Sie das? 

Robosch: Die Anwender von solchen Logistik- und Automationslösungen können ihre eigene Wertschöpfungsketten und Leistungsspektren erweitern, indem sie beispielsweise Leistungen von Partnern mit den eigenen kombinieren. 

blogistic.net: Ist Losgröße 1 branchenunabhängig? 

Robosch: Losgröße 1 bzw. immer kleinere Auftragsgrößen ist eine Anforderung, die sich eigentlich über sämtliche Branchen erstreckt. Es hat jedoch bei dem einen Unternehmen mehr Gewicht und bei dem anderen weniger. In der Modebranche ist der Fokus darauf sehr hoch, aber auch im  Bereich Healthcare, der einer unserer Kernmärkte ist, ist die Individualisierung beispielsweise schon sehr weit fortgeschritten.  

blogistic.net: Das ist spannend. Gibt es hier Marktunterschiede, etwa zwischen den USA und Europa? 

Robosch: Ja. In den USA liefern wir Lösungen für die Pharmaindustrie, die es ermöglichen, genau abgemessene Mengen an Medikamenten an die Patienten abzugeben. Dort machen die gesetzlichen Rahmenbedingungen so etwas möglich. In Europa geht es derzeit mehr in die Richtung, Medikamente kundenspezifisch zu labeln und die Patienten bei der richtigen Einnahme zu unterstützen.  Personalisierte Medikamente werden das in Zukunft noch verstärken. Wir haben für all diese Anforderungen bereits Lösungen  realisiert. 

  • Heimo Robosch, Knapp AG (Foto: Peter Nestler / RS Media World)
    H. Robosch: Losgröße 1 betreibt heute niemand, jedoch Serienfertigungen von Modulen, die zu einem individuellen Endprodukt zusammen gesetzt werden. (Foto: Peter Nestler / RS Media World)

blogistic.net: Welche konkreten Herausforderungen stellt Losgröße 1 an KNAPP selbst? Gibt es Unterschiede zu früher? 

RoboschMit den Themen kleine Aufträge  im Allgemeinen bis hin zur Losgröße 1 im Besonderen befassen wir uns schon seit jeher. Das gehört faktisch zur DNA der KNAPP. Uns geht es etwa schon immer darum, dass Anwender unserer Lösungen, ihre Produkte, die in großen Mengen vorhanden sind, in kleine Mengen zur Verfügung stellen und diese in sehr kurzer Lieferzeit liefern können. Der Unterschied zu damals ist jedoch die Vernetzung sämtlicher Bereiche, vom Rohstoff bis zum Point of Sale, vom Lieferschein bis hin zum Warehouse Management, vom Sensor bis zu Big Data. Damit sind unsere Kunden konfrontiert und damit haben sich auch die Anforderungen an uns entscheidend geändert. Diese Vernetzung macht natürlich auch die Logistik immer komplexer. Für uns bedeutet das die Pflicht, für unsere Kunden Lösungen zu entwickeln, welche die Wertschöpfung von der Beschaffung über die Produktion bis hin zum Point of Sale abdecken können. Neu in unseren Lösungsstrategien ist die intelligente Vernetzung der Komponenten und Systeme entlang der gesamten Supply Chain. 

blogistic.net: Können Sie ein konkretes Beispiel für einen Einsatzbereich nennen? 

Robosch: Nehmen Sie die Distribution. Diese beginnt beispielsweise bei unseren Kunden eben nicht mehr in den eigenen vier Wänden und ihrem Lager, sondern bereits im Lager der Lieferanten und endet im Point of Sale beziehungsweise schließt auch die Retourenlieferung mit ein. Wir als Lösungslieferant müssen die gesamten Ketten und Netzwerke unserer Kunden betrachten und ganzheitlich denken. Entsprechend müssen die Lösungen aussehen. 

blogistic.net: Was sind das denn für Lösungen? 

RoboschNehmen Sie zum Beispiel unser OSR Shuttle Evo 2 D-Konzept. Damit haben die Anwender einen wahlfreien Zugriff zu jeder Zeit auf jeden Artikel im eigenen Lager, um sehr schnell einen Auftrag zu verarbeiten. Im OSR Shuttle Evo + Konzept sind diese Shuttles mit freifahrenden Shuttles vernetzt, die den Transport zu angebundenen Zusatzprozessen übernehmen. Ein weiteres Beispiel: In den USA liefern wir derzeit Lösungen für Micro-Fulfillment-Centers aus. Das sind Kleinstläger direkt am Point of Sale in Supermärkten, die als Pick-up-Points und als Online-Versorgung für die Konsumenten dienen. Diese müssen in den Supply Chains integriert und entsprechend vernetzt sein. Auch unsere Shop Lösungen Apostore und KNAPP-Store fügen sich hier ein. Wir verknüpfen also alle Lösungen von der Produktion bis zum Point of Sale intelligent miteinander und decken vom stationären Handel über E-Commerce Lösungen bis hin zu Omni-Channel-Lösungen alles ab.   

blogistic.net: Alles schön und gut. Ihrem Kunden geht es aber nicht nur alleine um Losgröße 1, sondern ihm geht es vor allem um mehr Effizienz und die Reduktion der Kosten. Jeder weiß, dass Losgröße 1, so man wirklich Einzelfertigungen vornimmt, zwar zu einer hohe Kundenzufriedenheit führt, die Kosten jedoch enorm steigen. Wie ordnen Sie ihr Lösungsportfolio in diesem Zusammenhang ein? 

Für uns stellt sich die Frage, wer denn Losgröße 1 industriell tatsächlich produziert. Die Antwort ist eindeutig: Niemand. Was jedoch getan wird, ist, so weit wie möglich Module in einer Serienproduktion zu produzieren und daraus so spät wie möglich ein individualisiertes Endprodukt zu konfigurieren.

Heimo Robosch, Executive Vice President Knapp AG

Robosch: Für uns stellt sich die Frage, wer denn Losgröße 1 industriell tatsächlich produziert. Die Antwort ist eindeutig: Niemand. Was jedoch getan wird, ist, so weit wie möglich Module in einer Serienproduktion zu produzieren und daraus so spät wie möglich ein individualisiertes Endprodukt zu konfigurieren. Nehmen Sie beispielsweise den Automotive-Bereich. Hier sind die Vorreiter der Serienproduktion zu Hause. Umgekehrt bietet diese Branche einen sehr hohen Grad an Konfigurierbarkeit ihrer Endprodukte und damit Individualisierung an. Noch vor einigen Jahrzehnten bekamen Sie ein „nacktes“ Auto. Für jeden Sonderwunsch mussten Sie unterschiedliche Lieferanten ansprechen wie etwa Sportfelgen, Ledersitze, Autoradio etc. Diese Services und Leistungen haben die OEMs heute in ihre eigene Wertschöpfungskette aufgenommen,und gewinnbringend in ihr Geschäftsmodell integriert Dies findet nun auch in anderen Branchen statt und ist das, was ich eingangs als Möglichkeit unserer Kunden erwähnte, neue USPs zu kreieren. 

blogistic.net: Zum Thema Robotik: KNAPP stellt heuer auf der LogiMAT 2020 in Stuttgart die Weiterentwicklung des Pick-it-Easy Robots aus. Wie unterstützt beispielsweise diese Lösung Losgröße 1? 

Robosch: Um es vorweg zu nehmen: Es ist nicht die Robotik und der Robot alleine, der Smart Factory und Losgröße 1-Strategien unterstützt, sondern es ist das  Gesamtportfolio, das wir bieten. Die Komponenten können miteinander entlang der gesamten Wertschöpfungskette von Unternehmen kombiniert werden. Unser Kernthema, insbesondere in der Distributionslogistik, ist daher nicht die Robotik alleine, sondern die intelligente Verknüpfung der einzelnen Komponenten zu einem System; vom OSR Shuttle Evo über den Pick-it-Easy Robot – integriert   über unsere KiSoft Software-Lösungen.  

blogistic.net: Doch wie ordnen Sie Ihre neue Robot-Generation in diesen Wertschöpfungsketten ein? 

Robosch: Unsere Robotik -Lösungen mit der neuen Robot-Generation heben sich, über den Einsatz von künstlicher Intelligenz, dadurch ab, dass sie unabhängig von Stammdaten sind. Die Robots lernen von Arbeitsschritt zu Arbeitsschritt. Sie erkennen etwa unterschiedlichste Formen von Einzelkomponenten und lernen selbständig diese effizient und richtig zu greifen und zu manipulieren. Früher musste man dafür mühsam Stammdaten in die Datenbanken einpflegen, Greifpunkte berechnen und/oder auch den Robot umrüsten. Das ist für E-Commerce-Unternehmen, welche bis zu einer Million und mehr Produkte distribuieren, die dann auch noch saisonal unterschiedlich sind, schon alleine betriebswirtschaftlich nicht abbildbar.

H. Robosch: Wir unterstützen Smart Factory-Strategien mit Losgröße 1 schon immer. (Foto: Peter Nestler / RS Media World)

Heute machen das die Pick-it-Easy Robots der neuen Generation von selbst. Der Clou ist dabei jedoch, dass die Erfahrungen, welche ein Robot sammelt, über die Cloud auch den anderen zur Verfügung stehen, d.h. was der eine Robot gelernt hat, können sofort alle anderen auch. 

blogistic.net: Themenwechsel: Inwieweit spielt bei Ihren Robotik – und Logistik-Lösungen das Thema CO2-Fußabdruck und Klima eine Rolle?  

Robosch: Von der Robotik bis hin zu unseren OSR-Shuttles sind unsere Lösungen darauf ausgerichtet, Unternehmen bei der Umsetzung ihrer Smart Factory zu unterstützen. Das bedeutet, dass durch den Einsatz von intelligenter Technologie erheblich an Ressourcen eingespart werden können. Dadurch werden beispielsweise Absatzprognosen für die Zukunft wesentlich genauer erstellbar. Diese Genauigkeit hilft, Warenbestände und damit den Einsatz anderer Ressourcen wie Energie usw. zu reduzieren. Das hat wiederum Einfluss auf den Einkauf auf der einen Seite und dann auch auf den Vertrieb auf der anderen Seite usw. Und genau das beeinflusst am Ende erheblich den CO2-Fußabdruck von Unternehmen. Mit anderen Worten: trotz Individualisierung wissen Anwender ziemlich genau, wie viel Ressourcen sie wann und wo einsetzen müssen, um die Bedürfnisse von Kunden zu befriedigen. Dadurch können überflüssige Rück- oder Weitertransporte oder gar Vernichtung von Neuwaren verhindert werden. 

blogistic.net: Vielen Dank für das Gespräch.  

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