PLATTFORM INDUSTRIE 4.0 – Wie fit ist Österreich?

(v.l) B. Ederer, R. Anderl, N. Hofer, K. Hofstädter. (Foto: RS Media World)
(v.l) B. Ederer, R. Anderl, N. Hofer, K. Hofstädter. (Foto: RS Media World)

Die Kooperation aus Industrie, Wissenschaft, Sozialpartnern und Politik mit dem sperrigen Namen „Plattform Industrie 4.0 Österreich“ will seit drei Jahren Österreich fit für die Zukunft, sprich: Industrie 4.0 und Digitalisierung, machen. Dabei wird schon jetzt klar, dass dies ohne enorme Kraftanstrengungen und Investitionen beim flächendeckenden Glasfaserkabel-Ausbau und im Bildungsbereich kaum möglich ist.

knapp-prasentiert-arbeitsplatz

Die Zeichen in der österreichischen Industrie stehen auf Digitalisierung, neue Technologien finden immer mehr Anwendung in der Produktion. Die produzierenden Betriebe und die Beschäftigten für die industrielle Zukunft zu wappnen, hat sich die „Plattform Industrie 4.0 Österreich“ seit drei Jahren auf die Fahnen geschrieben. Vertreter aus Politik, Wissenschaft, Unternehmen, Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretungen arbeiten hier unter einem Dach zusammen, um die richtigen Rahmenbedingungen für den digitalen Wandel zu schaffen. Bei der Jahrespressekonferenz der Plattform am Dienstag, 8. Januar 2019, präsentierten Bundesminister Norbert Hofer, Plattform Industrie 4.0 Österreich-Vorstandsvorsitzender Kurt Hofstädter, AK-Präsidentin Renate Anderl und FEEI-Präsidentin Brigitte Ederer konkrete Projekte, um die Digitalisierung der Industrie voranzutreiben.

behaelter-fuer-automatisierte-laeger

Österreich ist durchschnittlich

Norbert Hofer (Foto: RS Media World)
Plattform Industrie 4.0: Norbert Hofer (Foto: RS Media World)

Dabei zeigt sich, dass Österreich im EU 28-Durchschnitt einen Platz im Mittelfeld erreicht, wenn es um die digitale Wirtschaft geht. Das zeigt der Digital Economy and Society Index (DESI) 2018 der Europäischen Kommission. Demnach erreicht die Alpenrepublik bei Menschen, die für die Digitalisierung gerüstet sind, immerhin Platz sieben. Aber auch bei der Integration der Digitaltechnologie ist Österreich unter den Top ten. An der Spitze stehen hingegen die skandinavischen Länder. „Um die Position Österreichs in diesem Ranking weiter zu verbessern, muss die digitale Produktion auf nachhaltige Beine gestellt werden“, so die Plattform Industrie 4.0 in einer Presseaussendung. Die Initiativen hierzu fußen dabei auf drei Säulen:

  • Qualifikation & Arbeit, um die Beschäftigten mit den richtigen digitalen Kompetenzen auszustatten.
  • Forschung & Innovation, um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten.
  • Betriebe & Standort, um die Produktivität zu sichern.

500 Experten. Die Plattform Industrie 4.0 Österreich setzt dabei auf mehr als 500 Experten aus Politik, Forschung, Wirtschaft und Sozialpartnerschaft. Sie arbeiten in „einem breiten Konsens und unter Beachtung der unterschiedlichen Interessen Empfehlungen, Vorschläge und Szenarien für Zukunftsthemen“ aus. Es gehe darum, am Ende den größtmöglichen Nutzen für alle Menschen aus den digitalen Möglichkeiten herauszuholen, so der Plan.

 Künstliche Intelligenz auf dem Vormarsch

Renate Anderl (Foto: RS Media World)
Plattform Industrie 4.0: Renate Anderl (Foto: RS Media World)

Eines dieser Zukunftsthemen ist „Künstliche Intelligenz“. Sie wird die Industrie beispielsweise durch maschinelles Lernen oder intelligente Fertigungsroboter verändern. Das Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie (BMVIT) und das Bundesministerium für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort (BMDW) haben deshalb ein Vorbereitungspapier (hier klicken und Artificial Intelligence Mission Austria 2030 downloaden) erstellt. Auf dieser Basis soll im Laufe des Jahres 2019 eine Strategie entworfen werden. Die Zukunft der Künstlichen Intelligenz muss auch hierzulande im breiten Konsens mitgestaltet werden. „Damit die digitale Wirtschaft in Österreich nachhaltig funktioniert, müssen alle mitwirken können. Die Plattform Industrie 4.0 ist seit drei Jahren ein gutes Beispiel dafür, die kürzlich ins Leben gerufene Digitalisierungsagentur ein weiterer wichtiger Akteur. Deshalb wird 2019 das Jahr der Digitalisierung werden – in dem alle an einem Strang ziehen, um Österreich fit für die digitale Zukunft zu machen“, erklärt Norbert Hofer, Bundesminister für Verkehr, Innovation und Technologie.

 Kooperation: Ein Schlüssel zum Erfolg

Brigitte Ederer (Foto: RS Media World)
Plattform Industrie 4.0: Brigitte Ederer (Foto: RS Media World)

Was durch Zusammenarbeit bewegt werden kann, hat die Plattform Industrie 4.0 seit ihrer Gründung 2015 gezeigt: 50 Mitglieder bringen dabei ihre Vorstellungen für die Industrie 4.0 in Österreich ein. In aktuell neun Arbeitsgruppen werden unterschiedliche Zukunftsthemen bearbeitet – daraus entstanden bislang mehrere Publikationen, die sich unter anderem mit Qualifikation & Kompetenzen oder Forschung, Entwicklung & Innovation beschäftigen. „Wir verstehen uns als Schaltzentrale der Digitalisierung der österreichischen Industrie, indem wir alle wichtigen Player zusammenbringen, Zukunftsthemen bearbeiten und konkrete Projekte anstoßen oder fördern“, betont Kurt Hofstädter, Vorstandsvorsitzender der Plattform Industrie 4.0 Österreich.

Reifegradmodell Industrie 4.0. Eines dieser Projekte ist das Reifegradmodell Industrie 4.0, das bisher knapp 30 Unternehmen österreichweit durchlaufen haben: Dabei wird erhoben, wie stark Industrie 4.0 bereits in einem Unternehmen verankert ist, um im Anschluss Verbesserungspotenziale zu identifizieren und umzusetzen. Auch nach Ungarn konnte dieses erfolgreiche Projekt bereits exportiert werden. „Das zeigt, dass Kooperation nicht nur national ein wichtiger Treiber für Industrie 4.0 ist, sondern auch regional und international“, so Hofstädter weiter. So wurde beispielsweise im April 2018 eine vertiefte Zusammenarbeit mit dem deutschen und Schweizer Pendant der österreichischen Plattform vereinbart.

Qualifizierung ist alles

Kurt Hofstädter (Foto: RS Media World)
Plattform Industrie 4.0: Kurt Hofstädter (Foto: RS Media World)

Für AK-Präsidentin Renate Anderl ist es hingegen wichtig, dass immer, wenn über Digitalisierung und Industrie 4.0 diskutiert wird, auch die Anliegen der ArbeitnehmerInnen berücksichtigt werden. Aus diesem Grund ist die AK „stolzes Gründungsmitglied der Plattform Industrie 4.0“, so die Präsidentin. Besonders wichtig ist für sie die Arbeit der Plattform im Bereich der Qualifizierung – einerseits durch fundierte Positionspapiere und Forschung, andererseits auch durch konkrete Projekte. Denn gerade in Zeiten des digitalen Wandels braucht Wissen oft ein Update. Daher spielt Qualifizierung eine entscheidende Rolle. Dabei geht es darum, Industrie 4.0 so zu gestalten, dass alle Arbeitnehmer mitgenommen werden. „Alle sollen davon profitieren, nicht nur wenige, bereits gut ausgebildete“, so R. Anderl in der Pressekonferenz. Und sie bekräftigt: „Wir als Arbeiterkammer wollen dazu beitragen, jene Rahmenbedingungen zu schaffen, die gewährleisten, dass neue Technologien die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nicht zurücklassen. Unser Ziel ist, dass die Möglichkeiten der Digitalisierung auch den Beschäftigten in Österreich nützen und ihr Leben verbessern.“ Sie freue sich, dass in der Plattform das Gemeinsame im Vordergrund steht und alle zusammen nach den besten Lösungen suchen.

Fit4Industry. Bestes Beispiel dafür ist die Qualifizierungsmaßnahme „Fit4Industry“, die 2019 starten soll: Hier haben sich – als Pilotprojekt – Plattform Industrie 4.0 Österreich, Produktionsgewerkschaft PRO-GE, Arbeiterkammer und Siemens Österreich, zusammengeschlossen, um Leiharbeiter mit digitalen Kompetenzen auszustatten und für die Arbeitswelt der Zukunft zu qualifizieren.

F & E als Motor

Forschung und Entwicklung sind eine treibende Kraft der Wirtschaft in Österreich. Laut Statistik Austria flossen 2018 in Österreich über 11,3 Milliarden Euro – davon fast die Hälfte durch heimische Unternehmen beigesteuert – in den Bereich Forschung und Entwicklung. Bereits im Jahr 2015 waren mehr als 71.000 Personen hierzulande in diesem Bereich beschäftigt, davon rund 71 Prozent im Unternehmenssektor. „Forschung und Entwicklung ist das Rückgrat der heimischen Industrie, der Motor für den Wirtschaftsstandort Österreich und ein Garant für zukunftssichere Arbeitsplätze“, führt Brigitte Ederer, Präsidentin des FEEI Fachverband der Elektro- und Elektronikindustrie, aus. „Damit Innovationen in der Industrie 4.0 aber erfolgreich umgesetzt werden können, brauchen wir nicht nur die Technologie, sondern auch das Wissen und die Erfahrung der Beschäftigten. Das beweist auch das 2018 veröffentlichte Ergebnispapier ‘Forschung, Entwicklung & Innovation in der Industrie 4.0‘, das aus der guten Zusammenarbeit unter dem Dach der Plattform entstanden ist.“ In diesem Ergebnispapier wurden acht ineinandergreifende Forschungsfelder identifiziert, die für die Technologieentwicklung in Österreich zukünftig zentral sein werden – darunter fallen Sensorsysteme, Software Engineering, Arbeits- und Assistenzsysteme sowie Domänenwissen und Schlüsseltechnologien.

Wie zukunftsfit ist Österreich?

Doch die vorgestellten Ziele und Maßnahmen alleine reichen nicht aus, um Österreich Zukunftsfit zu machen. Auf Rückfrage durch CR Hans-Joachim Schlobach von blogistic.net bestätigte Bundesminister Hofer, dass dem Glasfaser-Breitband-Ausbau eine entscheidende Zukunftsrolle zukomme. Hierfür sollen Gelder aus dem 5G-Lizenzverkauf in den Ausbau des Glasfasernetzes verwendet werden. „Es ist sinnvoll, beim Breitband-Ausbau auf modernste Technologien zu setzen“, so N. Hofer auf Nachfrage. Dazu zähle das Kupferkabel nicht. Auch räumte er ein, dass man nicht erwarten könne, dass Lehrer die Kinder für die Zukunft nicht vorbereiten können, wenn es die IT-Infrastruktur nicht hergibt.

AK sieht Handlungsbedarf bei sich selbst. Aber auch R. Anderl sieht auf Nachfrage von blogistic.net bei der Arbeiterkammer selbst Handlungsbedarf. So sehe man die weitere Differenzierung der Wirtschaft und die sich verändernden Arbeitsverhältnisse, welche zum Anwachsen des EPU-Sektors führt. Diese Menschen wolle man sich zukünftig verstärkt widmen, um auch hier Missbrauch zu verhindern und Sicherheit zu bieten. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass Österreich noch keinesfalls Zukunftsfit ist und im Hinblick Industrie 4.0 und Digitalisierung den technischen Entwicklungen weit hinterher hinkt. Dem entspricht, dass auf der Plattform Industrie 4.0 das österreichische Bildungsministerium nur informell integriert ist.

Über die Plattform Industrie 4.0 Österreich

Die Initiative hat sich seit ihrer Gründung 2015 durch das Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie (BMVIT) gemeinsam mit den Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbänden zu einem etablierten Kompetenzträger zum Thema Industrie 4.0 entwickelt. Der Verein setzt Aktivitäten, um eine dynamische Entwicklung des österreichischen Produktionssektors zu sichern, Forschung, Innovation und Qualifikation zu forcieren und zu einer qualitätsvollen Arbeitswelt sowie zu einem hohen Beschäftigungsniveau beizutragen. Das Ziel ist, die neuen technologischen Entwicklungen und Innovationen der Digitalisierung bestmöglich für Unternehmen und Beschäftigte zu nutzen und den Wandel für die Gesellschaft sozialverträglich zu gestalten. Weitere Informationen unter plattformindustrie40.at 

Verwandte Themen

I4.0 – Digitalisierung mildert demographische Lasten
Arbeit 4.0 – Permanente Qualifiezierung ist alles 
Einkauf – Digitalisierung macht Neuausrichtung notwendig
Infrastruktur – Mängel konterkarieren Digitalisierung
Digitalisierung – Nur mit zufriedenen Lieferanten
Digitalisierung – Steht der Großhandel vor dem Aus?
Digitalisierung – Schlüssel für Revolutionen