PAKETLAWINE – Österreichische KEP-Dienstleister und die Last mit der Last Mile

Paketlawine – White Label Boxen könnten der KEP-Branche Mehrfachzustellungen ersparen und CO2-Emissionen senken. (Foto: Rainer Sturm / www.pixelio.de)
Paketlawine – White Label Boxen könnten der KEP-Branche Mehrfachzustellungen ersparen und CO2-Emissionen senken. (Foto: Rainer Sturm / www.pixelio.de)

Die Paketlawine durch den E-Commerce Boom bringt die österreichischen KEP-Dienstleister (KEP = Kurier, Express, Paket) zunehmend an ihre Grenzen. Insbesondere die Zustellung beim Adressaten stellt die Branche häufig vor große Herausforderungen. Der Effekt: Erhöhte Kosten und dein größerer CO2-Fußabdruck. Insbesondere für Städte bedeutet das zudem eine Zunahme der Lieferverkehre. White Label Paketboxen könnten hier Abhilfe schaffen. Ein Leitfaden des Gewessler-Ministeriums will der Branche nun Unterstützung geben, effizienter die „Last-Mile“ zu organisieren.

Die Anforderungen an die Zustellung von Paketen haben sich im Zuge der Pandemie fundamental geändert. Corona hat zu einem Allzeit-Ausgabenhoch im österreichischen Onlinehandel geführt. Die Umsätze sind allein 2021 um mehr als 20 Prozent auf 9,6 Milliarden Euro gewachsen. Damit hat sich das Paketvolumen zu einer Paketlawine aufgebaut. Gleichzeitig steigen die Erwartungen der Endverbraucher:innen an die Zustellung.

Paketlawine und die „Last Mile“

Die Folgen der Paketlawine: Der finale Transportweg der Lieferungen vom letzten Hub zum Endkunden, die sogenannten „Last Mile“, wird für die Zusteller zunehmend zur Herausforderung. So sind die Empfänger:innen nicht selten zum geplanten Zustellzeitpunkt nicht anwesend. Das macht Ersatzzustellungen oder die Abholung in Paketshops notwendig. Die dadurch entstehenden zusätzlichen Fahrten verursachen Lärmbelästigungen, Schadstoffemissionen und eine Zunahme des Individualverkehrs. Insbesondere urbane Gebiete sind davon betroffen. Das wirkt auch der Erreichung der Klimaziele in Österreich entgegen.

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Offene Paketboxen könnt Zustellung optimieren

Die österreichische Post und andere KEP-Dienstleister installierten in der jüngsten Vergangenheit hierfür flächendeckend über Österreich verteilt sogenannten Paketboxen. Ihr Nachteil: Die wenigsten davon sind offen für alle KEP-Dienstleister. Das führt mitunter dazu, dass an einem Standort unterschiedliche Anbieter ihre Paketboxen aufstellen. Das kann zur Verwirrung der Endverbraucher führen. Ein vielversprechender Ansatz zur Bewältigung dieser Herausforderungen sind daher sogenannte „White-Label-Paketboxen“. Unter diesem Begriff werden Paketboxen zusammengefasst, die eine flexible und offene Hinterlegung von Waren durch unterschiedliche Dienstleistungsunternehmen, Handeltreibende und Privatpersonen zulassen. Allen Paketboxen gemein ist, dass sie eine zeitlich unabhängige Einlieferung und Abholung ermöglichen. Sie könnten darum gerade für den stationären Einzelhandel eine neue zukunftsträchtige Schnittstelle zur heimischen Kundschaft bedeuten.

200 Millionen B2C-Pakete im Jahr 2021

Laut dem Österreichischen Handelsverband hat sich im Jahr 2021 bei der B2C-Paketzustellung pandemiebedingt eine Paketlawine 200 Millionen Sendungen aufgebaut. Das ist fast eine Verdoppelung seit 2017. Doch dürfte sich diese Menge nach der Pandemie kaum mehr verringern. Im Gegenteil: „Wir wissen, dass zwei Drittel der Konsumenten wieder beim gleichen Webshop bestellen, wenn sie mit der Paketzustellung zufrieden waren. Daher spielen Paketboxen eine entscheidende Rolle, um die Zustellung auf der letzten Meile zu optimieren“, bestätigt Handelsverband-Geschäftsführer Reiner Will gegenüber den Medien und weiter: „Die Zustellung funktioniert gerade jetzt in HomeOffice-Zeiten gut, aber der eCommerce ist gekommen, um zu bleiben.“ Geht es nach dem Österreichischen Handelsverband, brauche es für die Zeit nach der Pandemie, wenn die Menschen wieder in ihre Büros zurückkehren, mehr und vor allem bequemere Zustellpunkte.

Paketlawine – Verdoppelung des E-Commerce auf 30 Prozent bis 2023

Paketlawine – A. Breinbauer (Foto: Jan Gott / RS MEDIA WORLD Archiv)
Paketlawine – A. Breinbauer: „Es gibt vermeidbare Zuliefer- und Abholwege, und damit zusätzliche CO2 Emissionen. Diese entstehen dadurch, dass mehrere Logistikdienstleister dieselbe Heimadresse anfahren sowie durch Sekundärfahrten des Endverbrauchers, wenn das umgelenkte Paket erst recht woanders abgeholt werden muss.“ (Foto: Jan Gott / RS MEDIA WORLD Archiv)

In der EU wird sich der Anteil des digitalen Einzelhandels bis 2023 von 15 Prozent auf 30 Prozent verdoppeln. Auch in Österreich. Ein Viertel des österreichischen Online-Handelsvolumens stammt dabei aus EU-Drittstaaten. Die Zustellung der online bestellten Waren ist auf der letzten Meile, also der letzten Etappe der Warenbewegungen vom letzten Distributionszentrum zum Endverbraucher, stellt die KEP-Dienstleister bereits heute vor große Herausforderung. „Vor allem  in drei Bereichen herrscht  hoher  Optimierungsbedarf: Bei den Kosten, die bis zu 55 Prozent der gesamten Lieferkosten betragen können, bei der Kundenzufriedenheit (Anm.: jedes dritte Paket wird erfolglos zugestellt und muss umgelenkt werden) und beim Thema Nachhaltigkeit: Es gibt vermeidbare Zuliefer- und Abholwege, und damit zusätzliche CO2 Emissionen. Diese entstehen dadurch, dass mehrere Logistikdienstleister dieselbe Heimadresse anfahren sowie durch Sekundärfahrten des Endverbrauchers, wenn das umgelenkte Paket erst recht woanders abgeholt werden muss“, erläutert Prof. Andreas Breinbauer, Rektor der Fachhochschule des BFI Wien und Co-Autor des vom BMK beauftragten Leitfadens „White Label Paketboxen“. Bei dem rasch steigenden Paketvolumen werde sich die Problematik noch verschärfen. Offene Paket- und Umschlagsboxen können hier einen wichtigen Beitrag zur Lösung liefern und zusätzlichen Nutzen generieren, so A. Breinbauer weiter.

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Emissionseinsparungen von bis zu 2/3 in der Stadt

Das Einsparungspotenzial der offenen Paketboxen für KEP-Dienstleister ist gewaltig, wird im Leitfaden vorgerechnet: 50 Prozent der Zeit und 24 Prozent des zurückzulegenden Weges könnten damit eingespart werden. Das wären laut einer aktuellen Studie allein für die Stadt Graz Einsparungen von 263.289 Fahrzeugkilometern pro Jahr. Auf den Emissionsausstoß umgerechnet sind das 44 Tonnen CO2. Die Reduktion von Emissionen, Lärm und weiteren schädlichen Nebenprodukten senkt zudem die Gesundheitsrisiken und trägt zum Wohlbefinden der Bevölkerung bei. Aus logistischen Gesichtspunkten ist es natürlich viel effizienter, bei einem Stopp 20 Pakete in einer großen Boxenanlage abgeben zu können, als an 20 Wohnungen direkt zuzustellen. Wenn die Empfänger:innen dabei die Wahlfreiheit haben, in welche Box oder ob doch an die Wohnungstüre geliefert werden soll, ist allen geholfen, sagt Logistik- und KEP-Experte Gerald Gregori, Co-Autor des Leitfadens.

EU-weite Informationslogistik macht Paketlawine beherrschbar

Die fortschreitende Digitalisierung des Einzelhandels und die damit verbundene Warenzustellung hat zur Harmonisierung der Datenformate geführt. Neben einer eindeutigen Kennzeichnung der Sendungen beinhaltet das auch den verpflichtenden Vorabaustausch von Daten zu den Einzelhandelswaren in den Warensendungen. Die Harmonisierung der Daten zu jeder Warensendung ist in der EU seit dem 1. Juli 2021 umgesetzt. Daten zu den Sendungen, die zwischen Postbetreibern im grenzüberschreitenden Postverkehr ausgetauscht werden, müssen bereits seit 1.1.2021 weltweit normierten Spezifikationen folgen. Damit folgt das EU-Zolldatenmodell dem globalen Postdatenmodell des Weltpostvereins. „Die Digitalisierung der Transport- und Logistikprozesse ist ein wichtiger Faktor für die Effizienz, Vereinfachung, Kostensenkung und bessere Nutzung bestehender Ressourcen und Infrastrukturen“, stellt Walter Trezek, Chairman des UPU Consultative Committee und ebenfalls Co-Autor des Leitfadens klar. Und in der Tat: Sie schafft neue Geschäftsmöglichkeiten und hat das Potenzial, die Art und Weise wie Warenströme verwaltet und organisiert werden, in der Zukunft grundlegend zu ändern. „Elektronische Daten sollen künftig nahtlos durch Warenwirtschaftsketten fließen, einschließlich des EU-weiten Datenaustausches mit Behörden und Unternehmen. Genauso wie im Bereich der Postsendungszustellung soll das Teilen der Daten die Regel werden und nicht die Ausnahme bleiben“, fordert daher W. Trezek.

Paketlawine – G. Gregori (Foto: Jan Gott / RS MEDIA WORLD)
Paketlawine – G. Gregori: „Aus logistischen Gesichtspunkten ist es natürlich viel effizienter, bei einem Stopp 20 Pakete in einer großen Boxenanlage abgeben zu können, als an 20 Wohnungen direkt zuzustellen.“ (Foto: Jan Gott / RS MEDIA WORLD)

Wien könnte Vorreiter sein

Die Wirtschaftskammer Wien beschäftigt sich im Rahmen des Projekts „Nachhaltige Logistik 2030+“ bereits seit 2019 mit Paketboxen. „Damals steckte das Thema Paketboxen noch in den Kinderschuhen. Mittlerweile hat sich das Angebot verdreifacht“, so Andrea Faast, Leiterin der Standort- und Infrastrukturpolitik der Wirtschaftskammer Wien. Heute stellen neun Anbieter insgesamt 440 Boxenstandorte in Wien zur Verfügung. Davon sind gerade einmal etwas mehr als 40 Prozent offene Boxensysteme, also frei verfügbar.

Wie auch immer: Neben der Anhebung der Erstzustellungsraten leisten die Paketboxen als Umschlagsboxen daher einen wertvollen Beitrag zur Stadt der kurzen Wege. Die Wirtschaftskammer Wien setzt sich darum für eine entsprechende Verfügbarkeit in allen Einkaufsstraßen und Einkaufsgrätzeln ein. „Die WK Wien unterstützt und treibt den Ausbau offener Paketboxensysteme voran, da diese eine Chance für Handel und Dienstleister darstellen. Durch die Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit der Paketboxen können die Kundenbeziehungen über die normalen Öffnungszeiten hinaus gepflegt und verbessert werden“, bekräftigt A Faast gegenüber den Medien.

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WienBox – Innovatives City-Logistik-Projekt der Wiener Stadtwerke

Um weitere Verbesserungen für die Klimamusterstadt Wien in Bezug auf die Verkehrsverlagerung, CO2-Einsparung und Effizienz der Infrastruktur zu erreichen, wurde unter der Leitung der Wiener Lokalbahnen das Wiener Stadtwerke-Projekt „Wien – Out Of The Box“ ins Leben gerufen. Das interdisziplinär zusammengestellte Konsortium arbeitet an einer umweltfreundlichen und effizienten City-Logistik für Wien. Entwickelt werden dabei neue smarte Services für die Bürger:innen der Stadt sowie die lokale Wirtschaft. Zentrale Elemente sind hierbei offene Boxensysteme mit ihren zahlreichen Nutzungsmöglichkeiten (Unter www.wienbox.at finden Anwender eine übersichtliche Darstellung). „Mit dem WienBox-Netzwerk und seinen fast 250 offenen Boxenstandorten von sieben unterschiedlichen Betreibern haben wir ein einfaches Service geschaffen, von dem die Wiener Bewohner:innen sowie der lokale Handel profitieren. Das dichte und engmaschige Netz an Standorten ist eine umweltfreundliche Alternative zur Hauszustellung und forciert die Bündelung von Zustell- und Abholfahrten. Damit können 40 Prozent der Emissionen eingespart werden. Als Wiener Klimaschutzkonzern treiben wir klimafreundliche Services wie die WienBox zielstrebig voran“, sagt Monika Unterholzner, Geschäftsführerin der Wiener Lokalbahnen und Initiatorin der WienBox.

Paketboxen sorgen für Convenience und weniger CO2-Emissionen

Sowohl geschlossene als auch offene Paketboxen-Systeme haben ihre Berechtigung. Beide sorgen in der Logistik für Entspannung, weil dadurch Mehrfachzustellungen entfallen und die Kosten dadurch sinken. Gleichzeitig bieten sie dem Handel und insbesondere dem Konsumenten mehr Bequemlichkeit und Flexibilität, weil sie eine 24/7-Abholmöglichkeit bieten. Nach Angaben der Österreichischen Post ist deren geschlossenes System hochgradig ausgelastet und sei durch die Effizienz der gesamten Prozesskette in der Logistik nachhaltig. Die für 2030 geplante CO2-freie Zustellung komplettiert die Nachhaltigkeit der Postzustellung. „Darüber hinaus helfen Paketboxen, die Zustellung noch umweltfreundlicher zu gestalten und die CO2-Emissionen um durchschnittlich 40 Prozent zu reduzieren“, so auch das abschließende Fazit von R. Will.

(Der Leitfaden des Klima-Ministeriums steht hier als PDF zum Download zur Verfügung.)

bmk.gv.at

handelsverband.at

fh-vie.ac.at

upu.int

wkw.at

wlb.at

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