OBOR – Große Chance für Beziehungen

Österreichs Unternehmen aus Industrie und Logistik können sich mit OBOR  neue Märkte entlang der Seidenstraße bis nach China sichern. Wie und welche Risiken es dabei gibt, darüber sprachen Wolfgang Niessner, CEO von Gebrüder Weiss, Gao Xingle, Botschaftsrat für Wirtschaft und Handel der Botschaft der VR China in Österreich, und Peter Buchas, leitender Consultant von OBOR Austria. Durch das Gespräch führte CR Hans-Joachim Schlobach.

BLOGISTIC.NET: Die Volksrepublik China ist zwar medial präsent und gilt nach wie vor als Zukunftsmarkt der unbegrenzten Entwicklungsmöglichkeiten. Dennoch wissen viele sehr wenig über die Volksrepublik. Vor allem ist unbekannt, wie Unternehmen sich dem Markt annähern sollen. Die Initiative von Staatschef Xi Jinping, OBOR, soll hier Abhilfe schaffen. Sie ist nun seit 2015 in Österreich mit einem eigenen Unternehmen aktiv. Schon seit 20 Jahren in China und Asien aktiv ist hingegen Europas ältestes Logistikunternehmen, Gebrüder Weiss. BLOGISTIC.NET ist zu Gast bei den Logistikern in Maria Lanzendorf. Die Diskussion soll einerseits die Chancen für österreichische Unternehmen herausarbeiten, die sich im Rahmen von OBOR entlang der Seidenstraße bis nach China entwickeln. Sie soll aber auch Ansätze liefern, wie man sich diese andererseits erschließen kann. Herr Niessner, Gebrüder Weiss verfügt über viel Erfahrung in den Märkten entlang der Seidenstraße. Sie haben jedoch in den letzten Jahren intensiv in Kasachstan und in Turkmenistan investiert. Welche Strategie verfolgen Sie damit?

OB/OR Interview W. Niessner
W. Niessner: „Ich war schon immer davon überzeugt, dass Europa und Asien nicht alleine über den Seeweg verbunden sein sollten, sondern eben auch über den Landweg.“ | Foto: Jan Gott

Niessner: Die Geschichte im Hinblick auf die Seidenstraße hat für Gebrüder Weiss im Jahr 2005 begonnen. Damals hatte ich bei meinem Antritt als CEO die Möglichkeit, mein Businessprogramm für das Unternehmen vorzustellen. Dieses enthielt auch als strategisches Ziel die Seidenstraße. Denn ich war immer davon überzeugt, dass Europa und Asien nicht alleine über den Seeweg verbunden sein sollten, sondern eben auch über den Landweg. Und hier bot sich eben die Seidenstraße an. Ein weiterer Grund war, dass Gebrüder Weiss schon immer auf Zentral- und Osteuropa konzentriert ist, weil unsere Entwicklungsmöglichkeiten im Westen schon damals weitgehend ausgeschöpft waren. Wir haben daher versucht, über den Balkan, das Schwarze und das Kaspische Meer Wege bis nach Asien zu finden: Georgien, Kasachstan und Turkmenistan usw. Das ist nicht wirklich originell, denn vor 2000 Jahren hatten schon ganz andere Personen dieselbe Idee…(alles lacht).

 

BLOGISTIC.NET: Was waren Ihre Überlegungen?
Niessner: Zum damaligen Zeitpunkt verlagerten viele westliche Unternehmen ihre Produktionen einerseits in die Länder bis zum Kaspischen Meer und ich dachte mir, dass diese ihre Transporte organisiert haben wollen. Andererseits boomte China. Es war daher eine logische Konsequenz, dass China und die Akteure im Markt der VR China auch Transportmöglichkeiten auf dem Landweg nach Europa und den Märkten entlang der Seidenstraße suchen würden. Diese Überlegungen haben sich bis heute bewahrheitet, insbesondere im Hinblick auf China. OB/OR ist dabei ein plakatives Beispiel dafür.

Wir haben daher versucht, über den Balkan, das Schwarze und das Kaspische Meer Wege bis nach Asien zu finden: Georgien, Kasachstan und Turkmenistan usw. Das ist nicht wirklich originell, denn vor 2000 Jahren hatten schon ganz andere Personen dieselbe Idee… Wolfgang Niessner, CEO von Gebrüder Weiss

OB/OR Interview W. Niessner
W. Niessner: „Die Seidenstraße muss nach unserem Verständnis vom Westen UND vom Osten aus betrieben werden. Sonst wird das keinen Erfolg haben.“ | Foto: Jan Gott

BLOGISTIC.NET: Begonnen haben die Aktivitäten von Gebrüder Weiss aber schon 1989…
Niessner: Das stimmt genau. In diesem Zusammenhang möchte ich betonen, dass die eigentlichen Verdienste um die Entwicklung des chinesischen Marktes für das Unternehmen bei Paul und Heinz Senger-Weiss liegen, sowie bei unserem Landesleiter, Yongquan Chen.

 

BLOGISTIC.NET: Herr Gao. Ihr Staatschef, Xi Jinping, ist der Initiator der Strategie von „One Belt, One Road“ oder kurz OBOR genannt. Diese Initiative hat die Renaissance der Seidenstraße und die Verbindung Europas mit China zu Ziel. Warum ist diese Strategie nötig, die VR China ist doch mehr als erfolgreich auf den Seewegen unterwegs?
Gao: OBOR umfasst ja nicht nur alleine die Landwege, sondern auch die Seewege. Diese Strategie ist eine Idee Chinas für die Weiterentwicklung der Weltwirtschaft. Denn seit der Krise im Jahr 2008/2009 ist die Weltwirtschaft langsamer gewachsen. Das ist nicht im Interesse Chinas. Und darum soll mit OBOR ein Impuls gegeben werden, damit die VR China gemeinsam mit seinen Partnern wieder ein schnelleres und stabileres Wachstum der Weltwirtschaft erreichen. Dabei umfasst diese Strategie insgesamt 4,4 Milliarden Einwohner. Deren Wirtschaftsleistung macht derzeit rund 30 Prozent der Leistung der Welt aus. Hier steckt also noch sehr viel Potenzial, denn es handelt sich dabei hauptsächlich entweder um Entwicklungs- oder Schwellenländer. Daher wollen wir, gemeinsam mit den Partnerländern entlang der Seidenstraße bis Europa, die Potenziale fördern und ausschöpfen und gemeinsam Wachstum und Wohlstand realisieren. Das ist der Leitgedanke von OBOR.

OB/OR Interview X. Gao
X. Gao: „China will einen Teil seiner Reserven, welche das Land in den letzten drei Jahrzehnten durch seinen enormen Wirtschaftsaufschwung erwirtschaftete und auf die Seite legen konnte, für OB/OR zur Verfügung stellen.“ | Foto: Jan Gott

BLOGISTIC.NET: Die Länder entlang der Seidenstraße gelten jedoch nicht grundsätzlich als stabil, wenn wir beispielsweise an Pakistan oder Afghanistan denken. Manche Länder wie Turkmenistan beginnen erst jetzt, sich wieder ökonomisch und politisch zu öffnen. Und Länder wie der Iran erlangen erst jetzt wieder Bedeutung, nachdem sie Jahrzehnte mit Sanktionen belegt waren. Die Risiken für Investoren und Wirtschaftspartner beispielsweise aus Europa sind also nicht überschaubar. Wie glaubt man in China, hier positiv auf diese politisch und wirtschaftlich instabilen Länder einwirken zu können und in diesen Regionen für Stabilität zu sorgen? Wird China seine eigenen Investitionen dort verstärken?
Gao: Hier sprechen Sie einen sehr wichtigen Punkt an, Herr Schlobach, der in der OBOR-Strategie mündet. Diese lässt sich so umschreiben: „Gemeinsam beraten, gemeinsam aufbauen und gemeinsam profitieren“. Das bedeutet, dass alle beteiligten Länder aus Europa, Zentralasien und Asien über diese konkreten Krisen beraten und dann handeln, denn China will hier kein Solo spielen. Es gilt daher für diese Strategie, völlig neue Mechanismen zu entwickeln oder bestehende erfolgreiche Mechanismen auszubauen. So gibt es beispielsweise zwischen den Ländern entlang der Seidenstraße, Europas und der VR China regelmäßige Treffen von Staatsoberhäuptern. Auch mit Deutschland finden jährliche Regierungskonsultationen im Zuge von OBOR statt. Diese Länder mit ihren Wirtschaftsunternehmen können nun zusammen mit China sowohl Ideen, als auch konkrete Ausführungspläne beraten und beschließen.

Die Strategie OBOR ist eine Idee Chinas für die Weiterentwicklung der Weltwirtschaft. Denn seit der Krise im Jahr 2008/2009 ist die Weltwirtschaft langsamer gewachsen. Das ist nicht im Interesse Chinas. Gao Xingle, Botschaftsrat der VR China in Österreich

OB/OR Interview X. Gao
X. Gao: „Es ist im zentralen Interesse Chinas, geistiges Eigentum ausländischer wie inländischer Firmen zu schützen. So sollen für Unternehmen Anreize entstehen, die Entwicklung von Patenten in China voran zu treiben.“ | Foto: Jan Gott

BLOGISTIC.NET: Wie meinen Sie das?
Gao: So wird beispielsweise darüber beraten, welche Projekte schwerpunktmäßig angegangen und unterstützt werden sollen. China will dabei einen Teil seiner Reserven, welche das Land in den letzten drei Jahrzehnten durch seinen enormen Wirtschaftsaufschwung erwirtschaftete und auf die Seite legen konnte, hierfür zur Verfügung stellen. Dafür hat China im Jahr 2014 gemeinsam mit 50 Ländern, darunter auch Österreich, die Asia Infrastructure Investment Bank (AIIB) gegründet. Die AIIB hat dabei schon einige wichtige Projekte auch mit der Weltbank finanziert. Wir sehen daher die wirtschaftliche Entwicklung dieser Länder als großen Beitrag für den Frieden in dieser Welt. Frieden durch Handel.

BLOGISTIC.NET: Herr Buchas, Sie sind das auf OB/OR spezialisierte Beratungsunternehmen in Österreich. Herr Gao hat darauf hingewiesen, dass solche Investitionsvorhaben nicht nur durch Staaten vorangetrieben werden, sondern natürlich auch mit Hilfe der Privatwirtschaft, die gewissermaßen den operativen Part in dieser Strategie übernehmen. Wir wissen, dass beispielsweise Gebrüder Weiss entlang der Seidenstraße aktiv ist und ggf. auch noch weiter investieren will. Welche konkrete Rolle übernehmen Sie bei solchen Vorhaben mit Ihrem Unternehmen?
Buchas: Wir haben im Strategieverständnis zwischen China, Zentralasien und Europa eine sehr große Herausforderung. China sieht OB/OR nämlich als Gesamtstrategie, die ganz regional von Ländern, Regionen, Provinzen und Kommunen mit Inhalten und Zielsetzungen angefüllt werden muss. Diese entwickeln dann nach eigenen Überlegungen ihre konkreten Projekte. Und an diese Projekte können sich andere Regionen, Länder, Unternehmen usw. anschließen, also auch europäische. An diesem Punkt werden Vermittler dringend benötigt, sodass Interessenten etwa aus Europa hier über ganz konkrete Projekte informiert werden können. Wir liefern diese Transparenz, bahnen wirtschaftlich sinnvolle Kooperationen und untersuchen dafür laufend aufkommende Geschäftsmöglichkeiten.

Obor Interview P. Buchas
P. Buchas: „Wir machen die strategischen Analysen für Unternehmen, die investieren wollen. Die Analysen befassen sich beispielsweise damit, zu ermitteln, wo entlang der Seidenstraße Investitionsmöglichkeiten existieren und wo deren Risiken bestehen.“ | Foto: Jan Gott

BLOGISTIC.NET: Sie sprachen von Herausforderungen für Unternehmen im Hinblick auf das Strategieverständnis. Wie meinen Sie das?
Buchas: Europäische Unternehmen wollen logischerweise von Europa aus ihre Strategien und Projekte entwickeln. Im Rahmen von OBOR sollte jedoch der Startpunkt aller Strategien für das eigene Business in China sein, denn einerseits will man ja als Europäer im chinesischen Markt erfolgreich sein. Andererseits kommen ja auch von hier die Ressourcen. Darum macht es für europäische Unternehmen Sinn, von China aus entlang der Seidenstraße bis nach Europa zu wachsen.

BLOGISTIC.NET: Europäer sollen ihre Strategien im Rahmen von OBOR von China aus denken. Ganz verstehe ich das noch immer nicht, denn der Bogen zwischen Europa und China ist weit und die Kenntnisse von China und den Verhältnissen dort sind endend wollend. Also noch einmal: Wie kann ein österreichisches Unternehmen sein Business und seine Strategien von China aus denken?
Buchas: Europäer müssen sich einlassen auf China. Und sie müssen ihre Vertretungen und Institutionen in China aktivieren. Dazu zählen etwa die Austrian Business Association, die Österreichische Gesellschaft der Chinafreunde, OB/OR Austria usw. Diese Institutionen kann man befragen, welche Projekte in China gerade laufen, an denen man sich beteiligen kann. Und damit können dann bilaterale Verbindungen geschaffen werden, die in weiterer Folgen entlang der Seidenstraße ausgerollt werden können. So gibt es im Rahmen von Smart Cities einige Projekte in China, bei denen chinesische Kommunen ihre Citiy-Logistik verbessern und beispielsweise auf E-Mobility umstellen wollen. Dieser urbane Fokus auf E-Mobility ist im Fünfjahresplan der VR China festgeschrieben. Daher gibt es einige Städte, die Ausschreibungen laufen haben. Dafür benötigt man nicht einmal einen Berater sondern nur einen guten Mitarbeiter in China, der diese Ausschreibungen recherchiert. In weiterer Folge können sich dann österreichische Unternehmen entweder alleine oder in einem Joint Venture in den Kommunen niederlassen, wenn sie den Zuschlag erhalten haben. Das wird von chinesischer Seite sehr stark unterstützt.

Dabei umfasst die Strategie OBOR insgesamt 4,4 Milliarden Einwohner. Deren Wirtschaftsleistung macht derzeit rund 30 Prozent der Leistung der Welt aus. Hier steckt also noch sehr viel Potenzial, denn es handelt sich dabei hauptsächlich entweder um Entwicklungs- oder Schwellenländer. Gao Xingle, Botschaftsrat der VR China in Österreich

BLOGISTIC.NET: Alles schön und gut. Aber es geht ja immer auch ums Geschäft und gerade dieses ist entlang der Seidenstraße aber auch in China mit hohen Risiken behaftet. Das reicht von instabilen Verhältnissen bis hin zum Urheberrecht. Gesteigerte Risiken müssen immer mit höheren Erträgen kompensiert werden. Wie schätzen Sie die Business- und Risikosituation ein, wenn sich Unternehmen darauf einlassen wollen? Gerade Logistiker haben dafür ja eine sehr gute Antenne, weil sie dem Business nachgeordnet sind.
Niessner: Der Nutzen für Gebrüder Weiss entsteht durch „Follow the Customer“, denn wir sind Fulfillment-Partner für unsere Kunden. Wir produzieren nicht selbst, sondern stellen die Struktur zur Verfügung, damit der Warenfluss funktioniert. Und in diesem Sinne erwarten wir von beiden Seiten eine Beflügelung des Geschäfts. Darum muss die Seidenstraße nach unserem Verständnis vom Westen UND vom Osten aus betrieben werden. Sonst wird das keinen Erfolg haben. Wenn also China in diesen Regionen investiert, wird das unsere chinesische Organisation erfahren und kann für chinesische Unternehmen Logistikdienstleistungen in Richtung Westen erbringen. Umgekehrt stehen wir hier vor Ort bereit, wenn europäische Unternehmen entlang der Seidenstraße bis nach China investieren wollen. Wenn ich richtig informiert bin, dann sprechen wir bei OBOR von einem Investitionsvolumen von über einer Billion Dollar. Da muss also substanzielles Geschäft entstehen.

BLOGISTIC.NET: Herr Gao, unternehmerisches Handeln ist immer mit Risiken verbunden, aber man möchte dennoch die Risiken senken. Das verlangt die unternehmerische Sorgfaltspflicht. Wenn sich also österreichische oder europäische Unternehmen auf Investitionen entlang der Seidenstraße und China einlassen wollen, wie lassen sich mit Hilfe Chinas die Risiken senken?
Gao: Das ist wirklich eine gute Frage. Natürlich ist jede Geschäftstätigkeit mit Risiken verbunden und diese können nirgendwo zur Gänze beseitigt werden. Die chinesische Regierung und die Partner in China sind jedoch sehr gerne bereit, Interessenten dabei zu unterstützen, ihre Risiken im Rahmen von OBOR zu senken. Gerade die AIIB kann hierfür finanzielle Unterstützung anbieten. Auch kennen die chinesischen Partner die Verhältnisse in den einzelnen Regionen in China sowie entlang der Seidenstraße sehr gut. Zudem entsteht ein immer engmaschiger werdendes Netzwerk von Institutionen und Organisationen entlang der Seidenstraße. Diese können exakt auf die Risiken eingehen und die Teilnehmer von Projekten helfen, damit umzugehen. Es gibt also schon eine Reihe von Maßnahmen zur Risikominimierung. Das schließt übrigens die diplomatischen Vertretungen und Konsulate der VR China in den Ländern der OBOR-Initiative mit ein. Sie stehen Unternehmen unterstützend zur Seite und bieten professionelle Beratung an. Sie müssen wissen: OBOR ist eine Strategie der VR China und darum schließt das auch die diplomatischen Vertretungen und Konsulate mit ein.

OB/OR Interview P. Buchas
P. Buchas: „Europa sollte China mehr die Hand reichen. Und Europa und China müssen mehr miteinander reden. Das muss wachsen, je mehr und konkreter die OBOR-Projekte werden.“ | Foto: Jan Gott

Buchas: Das ist die umfassende Unterstützung durch die VR China, bei konkreten Projekten kommt dann OBOR Austria ins Spiel. Wir machen die strategischen Analysen für Unternehmen, die investieren wollen. Die Analysen befassen sich beispielsweise damit, zu ermitteln, wo entlang der Seidenstraße Investitionsmöglichkeiten existieren und wo deren Risiken bestehen. Auf Basis dieser Analysen unterstützen wir die Unternehmen dann bei ihrer Umsetzungsplanung. Das reicht von der Standortplanung bis hin zur Beratung, wie sie Steuern in China sparen und vermeiden, dass Ihre Produkte am Containerterminal liegenbleiben. Aber auch die Analyse der chinesischen Kunden ist besonders wichtig. Man muss Märkte und Kunden in Detail und Dynamik kennen, damit das Geschäft erfolgreich wird. Das, was wir als Consultant nicht selbst machen können, leiten wir übrigens an unser sehr profundes Netzwerk weiter, das aus Anwälten, Praktikern bis hin zu den lokalen Regierungen reicht.

OBOR lässt sich so umschreiben: ‚Gemeinsam beraten, gemeinsam aufbauen und gemeinsam profitieren‘. Das bedeutet, dass alle beteiligten Länder aus Europa, Zentralasien und Asien über diese konkreten Krisen beraten und dann handeln, denn China will hier kein Solo spielen. Gao Xingle, Botschaftsrat der VR China in Österreich

BLOGISTIC.NET: Mit welchen Risiken können Unternehmen zum Beispiel rechnen?
Buchas: Die politischen Risiken entlang der Seidenstraße dürfen nach wie vor nicht ausgeblendet werden. Die Rahmenbedingungen können sich mitunter rascher ändern, weil hier eine große Dynamik besteht. Damit einher gehen mitunter Handelsbeschränkungen, aus denen sich dann Zollrisiken ergeben, die schließlich zu Wechselkursrisiken führen können. Risiken entstehen auch bei nicht angepasst aufgebauten Supply Chains und Einkaufsstrukturen. Auch das Standortrisiko ist zu klären. Zudem sollten Unternehmen, die in China investieren wollen, die lokalen Regierungen und politischen Entscheidungswege kennen. Das wird vielfach noch unterschätzt. So treibt China beispielsweise den Umweltschutz voran. Unternehmen, die in China investieren, ohne an Umweltauflagen zu denken, werden daher ein Problem bekommen. Und last but not least besteht ein in seinen Ausmaßen sogar größeres Problem in China als in Europa: die Demographie. Im Jahr 2050 wird nämlich die Hälfte der Bevölkerung über 50 Jahre alt sein. Daraus folgen ein stärker werdender Fachkräftemangel und die Verteuerung von gelernten Kräften. Schon heute verdienen Fachkräfte mitunter mehr in China als in Österreich. Hier können Ihnen jetzt schon Personalexperten wie Personalglobal helfen.

OB/OR Interview W. Niessner und X. Gao
Durchs Reden kommen die Leute zusammen | Foto: Jan Gott

BLOGISTIC.NET: Herr Gao, was ist mit dem Risiko des Urheberrechtes? Es wurde zwar rechtlich viel getan, aber es wird kaum exekutiert.
Gao: Der Schutz geistigen Eigentums ist ein zentrales Thema auch für China, denn nur wenn das geschützt wird, kommen Investoren nach China. Wir empfehlen daher Unternehmen, ihr geistiges Eigentum in China anzumelden, bevor sie damit in den Markt eintreten. Auch ist es wichtig, sich die Partner sehr genau auszusuchen. Umgekehrt betrifft der Urheberschutz mittlerweile sehr viele chinesische Unternehmen selbst, gerade im Hightech-Bereich. Da gibt es mittlerweile chinesische Unternehmen, die sich weltweit zum Patentkaiser entwickeln, wie etwa in der Raumfahrttechnik, Telekommunikationstechnologie, Eisenbahntechnologie, Batterietechnologie usw. Es ist daher im zentralen Interesse Chinas, geistiges Eigentum ausländischer wie inländischer Firmen zu schützen. So sollen für Unternehmen Anreize entstehen, die Entwicklung von Patenten im Land voran zu treiben. Der Plan ist, die Forschungsquote bis 2020 von 2,1 Prozent auf 2,5 Prozent zu erhöhen. Da geht es um Milliarden Dollar. Darum geht China auch immer restriktiver gegen Urheberrechtsverletzungen vor und unterstützt Unternehmen professionell dabei, ihr Recht durchzusetzen.

BLOGISTIC.NET: Was waren für Sie als Logistiker die größten Herausforderungen bei der Umsetzung Ihrer Strategie?
Niessner: Die vielen unterschiedlichen Rechtssysteme, Stichwort „Compliance“. Gerade hier hat man in manchen Ländern etwas unterschiedliche Auffassungen davon. Der Fachkräftemangel ist ein weiteres, ganz großes Thema, denn es gibt keine dualen Ausbildungssysteme wie wir sie im deutschsprachigen Raum kennen. Dort heißt es vielfach „Learning by doing“. Und außerdem ist die Seidenstraße geprägt von großen politischen, ethnischen und religiösen Unterschieden, auf die man sich einstellen muss. Sie bergen Konfliktpotenziale, die mitunter ausbrechen. Daher benötigt man eine gute Mischung aus verlässlichen lokalen Mitarbeitern und Personal aus Österreich. Ein weitere Herausforderung sind Währungsschwankungen und Schwankungen der Energiepreise.

BLOGISTIC.NET: Was würden Sie daher von China erwarten?
Niessner: Ich erwarte von China, dass es seine Stellung in der Weltwirtschaft weiter ausbaut. Außerdem erwarte ich, dass China für mehr Stabilität entlang der Seidenstraße sorgt und auch in Zukunft ein verlässlicher Partner für Europa ist beziehungsweise sich für Europa mindestens so interessiert wie für die USA.

Europäer müssen sich einlassen auf China. Und sie müssen ihre Vertretungen und Institutionen in China aktivieren. Dazu zählen etwa die Austrian Business Association, die Österreichische Gesellschaft der Chinafreunde, OB/OR Austria usw. Diese Institutionen kann man befragen, welche Projekte in China gerade laufen, an denen man sich beteiligen kann. Peter Buchas, leitender Consultant von OBOR Austria

BLOGISTIC.NET: Was würden Sie sich von China wünschen, Herr Buchas?
Buchas: Vielleicht noch etwas mehr Transparenz in Richtung der eigenen Ziele und Aufklärungsarbeit im Hinblick auf OBOR. Umgekehrt würde ich mir von Europa wünschen, weniger selbstmitleidig auf sich zu schauen, sondern sich mehr Einigkeit und Erfolg zuzutrauen und mehr Geschwindigkeit aufzubauen. Europa sollte China mehr die Hand reichen. Und Europa und China müssen mehr miteinander reden. Das muss wachsen, je mehr und konkreter die OBOR-Projekte werden. Hier kann es durchaus auch einmal kontrovers werden, wenn die Interessen nicht gut abgestimmt sind.

BLOGISTIC.NET: Herr Gao, was erwartet China von Europa und Österreich?
Gao: Europa ist für China einer der wichtigsten Partner weltweit für alle Bereiche. Darum möchte man die strategische Partnerschaft mit Europa weiter ausbauen. Im Rahmen dieser Partnerschaft ist die Wirtschaft ein zentraler Bestandteil. OBOR hat in Europa teilweise für eine sehr gute Resonanz gesorgt und auch Fortschritte erzielt. Doch es gibt noch sehr viel zu tun. Von Österreich aus wäre es wünschenswert, wenn etwas mehr getan würde, OBOR weiter zu entwickeln, denn es bietet auch für die bilateralen Ziele beider Länder eine große Chance. China ist der fünftgrößte Handelspartner Österreichs und wir haben in beiden Richtungen schon einige Erfolge erzielt. Doch Österreich könnte im Rahmen von OBOR noch eine größere Rolle spielen, insbesondere auch in der Zusammenarbeit mit Mittel. Und Osteuropa. Österreich sollte hier mehr auf seine Standortvorteile setzen.

BLOGISTIC.NET: Vielen Dank für das tolle Gespräch!

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