LOGISTIK – Das ist mehr als ein Lkw

Der Begriff „Logistik“ wurde in den letzten Jahren so inflationär verwendet, dass er nahezu bedeutungslos zu werden scheint. Was offenbar fehlt, ist eine Wertebestimmung, die mit der Flut neuer Innovationsimpulse korreliert. Dabei wäre Logistik genau das Mittel der Zukunft, das hilft, einen Standort zu sichern. (Ein Bericht von CR Hans-Joachim Schlobach)

(Foto: Thorben Wengert /pixelio.de)
Logistik ist ein Standortfaktor geworden im Zeitalter von Industrie 4.0 (Foto: Thorben Wengert /pixelio.de)

„Wir tun gut daran, auf die Wertigkeit der Logistik hinzuweisen und sie nicht nur auf einen Kostenfaktor zu reduzieren“, gibt Dr. Ralph Gallob, Geschäftsführer der Industrie-Logistik-Linz (ILL), in einem Gespräch mit blogistic.net zu bedenken. Er beobachte nämlich derzeit eine kognitive Abwertung des Begriffes und sehe als einen Grund dafür dessen nahezu inflationäre Verwendung über sämtliche Branchen hinweg. „In den letzten zehn Jahren entstand um den Begriff ‚Logistik‘ ein regelrechter Hype, an dem sehr viele partizipieren wollen. Nahezu jeder, der nur in irgendeiner Form Waren von A nach B transportierte, macht sich zum ‚Logistiker‘“, kritisiert der promovierte Physiker und Chef-Logistiker der ILL. Doch Logistik sei mehr als ein Lkw. R. Gallob sieht sie als eine Querschnittsfunktion, welche unmittelbar mit der Wertschöpfung zusammenhänge. Doch das werde schlichtweg übersehen. „Gleichzeitig ist die Logistik, ob Transport- oder Intralogistik, ein Enabler für industrielle Exzellenz. Und das vergessen selbst wir Praktiker mitunter, in den Chefetagen wird es mittlerweile jedoch wieder deutlich unterschätzt“, bekräftigt R. Gallob.

In den letzten zehn Jahren entstand um den Begriff ‚Logistik‘ ein regelrechter Hype, an dem sehr viele partizipieren wollen. Nahezu jeder, der nur in irgendeiner Form Waren von A nach B transportierte, macht sich zum Logistiker. Prof. Michael ten Hompel, Fraunhofer IML

Böhmische Dörfer. Doch nicht alleine die inflationäre Verwendung des Logistikbegriffs lässt vor allem die Anwender abstumpfen. Auch die Kreation immer wieder neuer Bezeichnungen und Begrifflichkeiten rund um das Thema „Logistik“ dürfte potenzielle Interessenten, insbesondere in den Chefetagen, derzeit überfordern. Transportlogistik, Intralogistik oder Lagerlogistik gehen dabei noch relativ leicht durch, weil sie nahezu selbsterklärend sind. Jedoch bei Begriffen wie „Supply Chain Management“, „Just in time“, „Just in sequence“ oder „Warehouse Management“ samt unzähliger Unterbegriffe steigen selbst Top-Manager aus dem Logistikfach geistig aus. Und die Verwirrung wird komplett, wenn deutsche und anglo-amerikanische Begriffe miteinander vermischt werden.

Kreative Begriffsbildung. Dabei ist die Branche kreativ im Erfinden neuer Schlagwörter. Derzeit werden etwa mit „Industrie 4.0“ und „Logistik 4.0“ zwei neue Säue durchs Wirtschaftsdorf getrieben, welche das Potenzial haben, begriffliches Chaos zu verbreiten. Die Entwicklung erinnert dabei nicht selten an den Beginn des IT-Booms, der mit Windows seinen Anfang nahm und rund um die Jahrtausendwende (Stichwort: Y2K) seinen ersten Höhepunkt hatte. Auch hier wurden Anwender mit Fachtermini bombardiert, die sich dann nicht selten als Marketinggags entpuppten, welche die Verkaufszahlen der IT-Industrie in die Höhe treiben sollten.

(Foto: RS Media World Archiv / Roland Ferrigato)
Dr. Ralph Gallob, CEO ILL (Foto: RS Media World Archiv / Roland Ferrigato)

Logistik als Standortvorteil

Dabei geht völlig unter, dass es eine Ursache für die böhmischen Dörfer in der Logistik gibt: den rasanten Wandel in der Wirtschaft durch Globalisierung, demographische Veränderungen, Verschiebungen der Wirtschaftszentren von den entwickelten Industriestaaten in die Schwellenländer in Asien und Südostasien sowie Südamerika und – derzeit mit Einschränkungen – Russland. Befeuert wird das Ganze durch die zügigen Entwicklungen in der IT. Sie alle führen zu einem schnellen und grundsätzlichen Wandel in der Logistik. Logistikwissenschaftler wie Prof. Michael ten Hompel am Fraunhofer IML in Dortmund gehen daher davon aus, dass die vierte industrielle Revolution, also Industrie 4.0, in der Logistik stattfinden wird, für Praktiker wie R. Gallob sogar stattfinden muss. Für ihn geht es dabei nicht nur allein darum, den demographischen Wandel zu bewältigen und die Industrieproduktion nachhaltig abzusichern.

Die Standortsicherung. Vielmehr geht es ihm um die Sicherung des Industriestandortes Europa im Allgemeinen und Österreich im Besonderen, die im globalen Wettbewerb stehen. „Man kann die Produktion von Commodities ins Ausland verlagern, um die dortigen Standortvorteile zu nutzen. Es bringt jedoch nur kurzfristig Vorteile, Hightech-Produktion in diese Länder zu verschieben. Mittelfristig sind es nämlich Prozesse und die Logistik, welche die Wertschöpfungsketten für Hightech-Produkte wettbewerbsfähig machen“, ist der Manager aus Linz überzeugt. Daher sollte man sich darauf konzentrieren, innovative Konzepte im Rahmen der industriellen Hightech-Produktion zu entwickeln. „Nur so kann sich ein Industriestandort evolutionär weiterentwickeln, ohne dass Know-how verlorengeht“, bekräftigt R. Gallob. Mit anderen Worten: Perfekte Produkte bedürfen einer perfekten Logistik, damit sie effizient auf die Märkte gebracht werden können und ein Industriestandort gehalten werden kann.

Das Ringen beginnt.R. Gallob vernimmt daher mit Sorge, aber auch mit Verständnis die Äußerungen von voestalpine-Chef Dr. Wolfgang Eder. Dieser erwägt, StahlkocherKapazitäten aus Österreich abzuziehen und in die USA zu verlagern. „Das ist keine Drohung, sondern einfach eine Anwendung der Grundrechenarten im globalen Wirtschaftsgeschehen“, sagt W. Eder gegenüber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) in der Ausgabe vom 19. April 2014. Seine Begründung für solch nachhaltige Schritte ist nachvollziehbar, denn Amerika bietet heute aus Sicht des österreichischen Stahlkochers bessere Rahmenbedingungen als Österreich und der Rest Europas. In den USA sind die Energiepreise, Personalkosten und Grundstückspreise deutlich niedriger. Und der shareholder-getriebene W. Eder steht unter Druck, denn seine Hochöfen müssen in mehreren Jahren zugestellt, also heruntergefahren werden. Und in etwa fünf Jahren müssen er und der Rest des Vorstands entscheiden, wo Ersatzanlagen entstehen sollen. Das sind keine leeren Worte, denn schon jetzt beginnt die voestalpine, die kleineren Hochöfen bis 2017 „zuzustellen“. „Wir müssen uns dann die grundsätzliche Frage stellen, was langfristig der richtige Standort ist“, so W. Eder im FAZ-Interview.

Wenn das Produkt perfekt ist, muss die Logistik mindestens genauso perfekt sein. DR. Ralph Gallob, CEO ILL

Die Logistik passt. Bezogen auf die Logistik fällt ILL-Geschäftsführer R. Gallob die Standortwahl nicht wirklich schwer, denn die ILL habe sich schon längst auf die Internationalität eingestellt. „Noch in den 1980er-Jahren hatten wir Transportradien sowohl für unsere Rohstoffe als auch unsere Produkte von rund 400 Kilometern. Manche unserer Coils sind bis Bochum gekommen, weiter nicht“, berichtet er aus der Vergangenheit der ILL und weiter: „Heute liefert Linz in die ganze Welt.“ Das sind z. B. Spezialbleche für den Energiesektor oder Entwicklungen für die Automobilindustrie. Hierfür wurde die Logistik und die damit verbundene Informationslogistik, also die IT, perfektioniert und stellt heute eine Benchmark für die ganze Branche dar. So ist die Supply Chain beispielsweise für Stähle für die Automobilindustrie bereits heute derart automatisiert und der Informationsfluss zwischen den Kunden und den Linzer Stahlkochern so lückenlos, dass faktisch eine Produktion on demand möglich ist. „Nahezu jeder Stahl-Coil, der die Hallen der ILL verlässt, ‚weiß‘ heute bei seiner Auslieferung, für welches Fahrzeug er den Kotflügel liefert“, ist R. Gallob begeistert.

Wenn Innovationskraft fehlt

Für den Linzer Industrielogistiker ist daher klar, dass der Hightech-Stahl auch künftig in Linz produziert werden wird, solange die Innovationskraft am Standort bleibt. „Hier ist enormes Know-how sowohl in der hochwertigen Stahlindustrie als auch in der Logistik vorhanden“, macht er deutlich. Und in der Tat: Ein Abzug der Hightech-Stahlproduktion vom Standort Linz käme einem unwiederbringlichen Wissensverlust gleich, der dem Wirtschaftsstandort sowohl einen enormen ökonomischen Schaden bringen und zu einem unbezifferbaren Imageschaden führen würde.

Wenn Know-how abzieht. Wie das aussehen kann, zeigt sich derzeit im Verkauf der voestalpine Industrieanlagenbau, VAI, durch Siemens an Mitsubishi Heavy Industries. Die ehemalige Metallurgie-Sparte der voestalpine wurde 2005 an Siemens verkauft. Als bedeutende Erfindung aus Linz gilt das sogenannte Linz-Donawitz-Verfahren, nach dem heute über 50 Prozent der Stahlwerke weltweit Stahl produzieren. Ebenfalls bedeutend ist das Corex-Verfahren zur Herstellung von flüssigem Roheisen, das von Siemens VAI zur Marktreife entwickelt wurde. Dieses Wissen und die Patente wandern nun von Österreich nach Japan, ein Schließen des Standortes Linz gilt jetzt als durchaus möglich. Aus diesem Grunde sieht R. Gallob die Warnung W. Eders vielmehr als Aufforderung an die Politik, für bessere Rahmenbedingungen sowohl im Bereich der Steuerbelastungen, der Energie- und Lohnnebenkosten als auch im Bereich der Infrastruktur zu sorgen. „Hier sehe ich vor allem im Bereich der Schieneninfrastruktur als auch in Bezug auf die Donau als Verkehrsweg bis zum Schwarzen Meer noch erhebliches Verbesserungspotenzial. Gerade der Ausbau der Donau südöstlich von Linz beziehungsweise bei den Engpässen in Deutschland könnte dem Binnenland Österreich einen direkten Zugang zum Meer sichern, mit positiven Folgen für die Standortsicherung“, meint R. Gallob abschließend.

ill.co.at
iml.fraunhofer.de

Das dazugehörige Interview mit Dr. Ralph Gallob finden Sie hier auf blogistic.net