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Logistik-Automation: Big is out, modular is in

Das Bedürfnis mittelständischer Unternehmen nach finanzieller Unabhängigkeit, die Volatilität der Märkte und die Unplanbarkeit der Zukunft beeinflussen heute maßgeblich das Investitionsverhalten in Intralogistiksystemen. Nicht Wachstum um jeden Preis ist gefragt, sondern Anpassungsfähigkeit. Der Bedarf an modularen, skalierbaren und finanzierbaren Systemen ist somit auch für die Hersteller von Intralogistiklösungen eine echte Zäsur. Ein Bericht von CR Hans-Joachim Schlobach

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Investitionsklemme: Unternehmen investieren nicht in Wachstum – aber in Produktivität. | Foto: Fotolia

Noch vor nicht einmal einem Jahrzehnt galt „Big is beautiful“ in der Logistik-Automationsbranche. Die Hersteller von Intralogistik-Lösungen wetteiferten noch vor Kurzem um möglichst große, hochleistungsfähige Systeme mit einem möglichst hohen Umschlag. Energie- und Raumverbrauch spielten dabei eher eine untergeordnete Rolle. Was zählte war Geschwindigkeit, mit welcher etwa ein automatisiertes Distributionssystem die Doppelspiele bewältigen kann, sowie deren 99,9-prozentige Verfügbarkeit. Diese Sicherheit wurde mit einem enormen Aufwand und einer hohen Technisierung gewährleistet.

Finanzierung der Systeme

Der Pferdefuß solcher Hochleistungssysteme ist, dass sie exakt auf die Bedürfnisse der einzelnen Unternehmen zugeschnitten werden müssen und somit eine Einzelanfertigung darstellen. Der Effekt: Unter ein paar Millionen Euro an Investitionssumme sind diese Lösungen selten zu haben. Logistikautomation im großen Stil war und ist daher lediglich eine Spielwiese der sogenannten „Großen“, welche die entsprechende Bonität aufweisen können. Der Mittelstand muss sich hingegen bis heute andere, gefinkeltere Möglichkeiten suchen und blieb zumindest in der Vergangenheit bei seinen Modernisierungsbestrebungen nicht selten auf der Strecke – trotz guter Bonität. Denn spätestens mit Inkrafttreten von Basel II in der EU im Jahr 2007 waren den Banken enge Grenzen bei der Kreditvergabe gesetzt.

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Kredit-Unlust: Obgleich die Kreditinstitute dem Mittelstand die Kredite nachwerfen und die Zinsen einen historischen Niedrigstand haben, wollen sich Mittelständler einfach nicht verschulden. | Foto: Q.pictures/www.pixelio.de

ROI braucht Jahre. Ein Grund dafür war und ist, dass der Return on Investment (ROI) von so kapitalintensiven Großanlagen mehrere Jahre benötigt. Die Zeit und die immer unsichereren Märkte werden so zum kaum kalkulierbaren Risikofaktor. Zudem lassen sich die Einzelanfertigungen im Risikofall kaum wiederverkaufen. Selbst die Hersteller solcher Lösungen sind nur mit hohem Aufwand in der Lage, Teilkomponenten gebrauchter Intralogistiklösungen in den Businesskreislauf zurück zu führen.

Keine Lust auf Kredite. Die finanzielle Situation hat sich für die mittelständische Industrie nach der Finanzkrise von 2008 und trotz Inkrafttreten von Basel III im Jahr 2014 mittlerweile jedoch erheblich verbessert. Und das, obwohl viele wegen der nochmals strengeren Kreditvergaberegeln eine Kreditklemme fürchteten. Den Mittelständlern, die in den letzten Jahren gut verdient haben, stehen heute die Türen der Kreditinstitute offen. Alleine die Unternehmen gehen nicht durch sie hindurch, und das trotz historisch niedriger Zinsen. Analysten, wie die der deutschen KfW-Bank (Kreditanstalt für Wiederaufbau), sehen als einen Grund für deren Zurückhaltung einen Hang zu finanzieller Unabhängigkeit, der durch die Krise 2008 befeuert wurde. Hinzu kommen begrenzte Wachstumsambitionen. Mögen die Banken einem Unternehmer auch Kredite hinterherwerfen – spätestens seit der Finanzkrise hat sich in weiten Kreisen des Mittelstands eine regelrechte Aversion dagegen breitgemacht. Sie wollen sich vielfach schlichtweg nicht mehr verschulden und verzichten mitunter sogar auf Wachstum.

Kosten und Strukturwandel. Die Ursachen für die Investitionsunlust in Wachstum sind nicht eindeutig. Ein Grund dürfte im Bereich der hohen Lohnnebenkosten und steuerlichen Abgaben liegen, welche die unternehmerischen Risiken nach oben schrauben und gerade in energieintensiven Branchen, wie im Maschinenbau, der Papierindustrie, der Chemieindustrie usw., die Lust auf Wachstum schrumpfen lassen. Hinzu kommen die in den letzten zehn Jahren gestiegenen Energiepreise. Die Investitionsklemme im Mittelstand könnte aber auch ein Hinweis auf einen allgemeinen Strukturwandel in der österreichischen Industrie sein. Denn Branchen, die auf dem Rückzug sind, neigen nicht zu umfangreichen Investitionen in größere Kapazitäten und Wachstum.

Wir sehen keine Investitionsklemme, denn unsere Auftragsbücher sind langfristig gefüllt.
DI Rainer Buchmann, CEO SSI Schäfer Graz

Intralogistik nicht betroffen

Die Unlust zum Wachstum mancher, jedoch nicht aller Branchen bestätigt auch Rainer Buchmann, Geschäftsführer von SSI Schäfer Graz im Gespräch. Allerdings will er überhaupt nichts von einer allgemeinen Investitionsunlust wissen. „Wir sehen keine Investitionsklemme, denn unsere Auftragsbücher sind langfristig gefüllt“, so. R. Buchmann im Gespräch. Er sieht jedoch den Trend bei Unternehmen, bereits bestehende Kapazitäten besser ausnutzen zu wollen, um auf diese Weise die Produktionskosten zu senken und die Produktivität zu steigern. Gerade wenn es um die Verwirklichung von Omnichannel-Strategien im Zusammenhang mit E-Commerce geht, investieren insbesondere mittelständische Unternehmen heute in Logistikautomation. Allerdings geht es ihnen nicht mehr um große Einzelanfertigungen zur Steigerung von Kapazitäten und langen Laufzeiten. Vielmehr steht den Unternehmen der Wunsch nach modular aufgebauten, standardisierten und skalierbaren Lösungen im Vordergrund. „Die Zeit der großen Installationen ist vorüber“, analysiert R. Buchmann die Situation und weiter: „Flexible Lösungen sind heute gefragt, die sich rasch an sich verändernde Marktbedingungen anpassen lassen.“

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Der Bedarf an modularen, skalierbaren und finanzierbaren Systemen steigt, je volatiler die Märkte sind. | Foto: SSI

Volatilität bestimmt Lösungen

Einen Grund für den Trend zu hochflexiblen und skalierbaren Lösungen sehen Marktkenner wie R. Buchmann vor allem in der viel beschworenen Volatilität der Märkte, mit denen die Kunden dauerhaft konfrontiert sind. Der Treiber ist hier insbesondere das Internet und seine Möglichkeiten, die es für den Vertrieb von Produkten aber auch die Automation ganzer Lieferketten bietet. Gleichzeitig können damit heute ganz neue Vertriebsstrategien, wie z.B. Omnichannel, verwirklicht werden.

Losgröße 1. Der Handel im Internet ist jedoch vor allem charakterisiert durch kleine Bestellmengen, nicht selten Losgröße 1, die aber häufig geordert werden, und zwar nicht nur im B2C-Geschäft (B2C = Business to Consumer), sondern verstärkt auch im Bereich B2B (B2B = Business to Business). „Kaum ein Industrieunternehmen verfügt heute mehr über umfassende Lager mit Produkten, welche dauerhaft Kapital binden. Heute existieren allenfalls Pufferlager zur Glättung der Produktionsauslastung, die die Ware maximal für wenige Tage oder Wochen lagern. Just-in-Time und Just-in-Sequence werden in diesem Zusammenhang regelmäßig genannt. Somit werden auch im Handel die Lagerkapazitäten auf ein Minimum beschränkt sein.“, so R. Buchmann im Gespräch mit BUSINESS+LOGISTIC.

Ständig auf dem Prüfstand. Ein weiteres Charakteristikum der Volatilität ist, dass das Business heute kaum mehr über mehrere Jahre hinweg planbar ist und immer kürzeren Zyklen folgt. Sie verlangt somit von den Unternehmen immer schnellere Reaktionszeiten. Andererseits fördert sie die ständige Beschäftigung mit seinem eigenen Geschäftsmodell und die permanente Entwicklung von zum Teil völlig neuen Produkten und flexibleren und anpassungsfähigeren Geschäftsmodellen sowie den Ausbau weniger, schwankungsunabhängiger Geschäftsbereiche, wie etwa dem Bereich Service. Verstärkt werden diese Schwankungs-Phänomene durch unvorhersehbare, erratische Ereignisse wie beispielsweise Unfälle, Naturkatastrophen und politische Ereignisse. Logisch, dass Unternehmen heute somit wenig Neigung verspüren, in immer höhere Kapazitäten zu investieren. Denn es ist vor diesem Hintergrund völlig unklar, ob die heute benötigte Kapazität morgen überhaupt noch notwendig ist.

Flexible Lösungen sind heute gefragt, die sich rasch an sich verändernde Marktbedingungen anpassen lassen.
DI Rainer Buchmann, CEO SSI Schäfer Graz

Flexibel, skalierbar, standardisierbar, finanzierbar

Mit anderen Worten: Für Unternehmen steigt das unternehmerische Risiko, wenn sie sich und ihre Systeme nicht rasch an die Veränderungen anpassen können. „Schnell frisst Langsam, nicht Groß frisst Klein“ lautet heute also umso mehr das Credo der Wettbewerbsfähigkeit.

Modularität bringt’s. Dies hat erhebliche Folgen für die Anbieter von Automationslösungen in der Intralogistik. Sie müssen Lösungen entwickeln, welche sich rasch an sich wechselnde Bedingungen anpassen können. Und dieses Feature bieten große Einzelanfertigungen auf Dauer nicht. Sie bilden unterm Strich letztlich nämlich nur einen Status quo eines einzigen Business-Modells ab. Darin sind sie allerdings hervorragend. Große Veränderungen sind bei solchen Systeme jedoch aufwendig. „Die Lösung gerade für Mittelständler muss daher vielfach in modularen Systemen liegen, welche leicht sowohl nach oben als auch nach unten skalierbar sind und sich bei Bedarf zu völlig neuen Systemen umbauen lassen“, erläutert R. Buchmann die Situation.

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Der Handel im Internet ist vor allem charakterisiert durch kleine Bestellmengen, nicht selten Losgröße 1, die aber häufig geordert werden. | Foto: SSI

Standardisierte Komponenten. Und in der Tat: Überspitzt formuliert entwickeln Hersteller wie SSI Schäfer ihre Logistik-Automationslösungen von heute und morgen zu Systemen, die sich aus hoch-standardisierten Komponenten zusammenfügen lassen, ähnlich wie bei einem Lego-Baukasten. „Diese Systeme von heute und morgen bestehen aus Standard-Komponenten, die sich teilweise sogar vom Anwender selbst anpassen lassen, ohne dass wir als Hersteller herangezogen werden müssen.“ Als exemplarisch für so eine Lösung weist der erfahrene Manager auf die IFOY-prämierte, fahrerlose Transportlösung (FTS) Weasel aus seinem Hause hin. Dieses autonom funktionierende FTS lässt sich rasch und sogar vom Anwender selbst für unterschiedliche Aufgaben im Unternehmen anpassen. Dafür bedarf es lediglich ein wenig Planungsgeschick und etwas technisches Know-how im Unternehmen. Die Installation selbst ist dann, abhängig vom Umfang, in wenigen Tagen erledigt und sofort einsatzbereit. Dabei eignet sich Weasel branchenunabhängig sowohl als Einstieg in die Logistik-Automation als auch als umfassende FTS-Lösung.

Kostengünstig und finanzierbar. Doch nicht allein in der Flexibilität und der Skalierbarkeit liegt der Sexappeal der Logistikautomationssysteme von heute und morgen. Durch die Standardisierung werden diese Systeme nicht nur kostengünstiger, sondern eignen sich auch für Finanzierungslösungen wie Leasing oder Rental. „Themen wie Leasing oder Miete waren in der Logistikautomation, wie wir sie vielfach noch betreiben, bislang noch nie relevant“, bestätigt R. Buchmann gegenüber BUSINESS+LOGISTIC. Mit skalierbaren Standardlösungen, die sich für eine Mehrfachverwendung eignen und sich anderenorts in den Wirtschaftskreislauf einbringen lassen, sind sie jedoch zu einer denkbaren Option geworden. „Jedenfalls arbeiten wir bei SSI Schäfer an solchen Finanzierungskonzepten für unsere Lösungen“, bestätigt R. Buchmann abschließend.