LIEFERKETTEN – Einkäufer und Zulieferer stehen unter massivem Druck

Mehr als jeder zweite Chief Procurement Officer (CPO) weltweit erlebte im Covid19-Jahr Insolvenzen seiner Zulieferer. (Foto: Thommy Weiss / www.pixelio.de)
Lieferketten – Mehr als jeder zweite Chief Procurement Officer (CPO) weltweit erlebte im Covid19-Jahr Insolvenzen seiner Zulieferer. (Foto: Thommy Weiss / www.pixelio.de)

Mehr als jeder zweite Chief Procurement Officer (CPO) weltweit erlebte im Covid19-Jahr Insolvenzen seiner Zulieferer. Dennoch werden – insbesondere in Deutschland – Technologien wie Blockchain zur Stabilisierung der Lieferketten nur vereinzelt eingesetzt. Das und vieles mehr ergab der jüngst veröffentlichte Chief Procurement Officer (CPO) Survey von Deloitte.

Obgleich die Einkaufsmanagerindizes wie etwa von IHS/Markit europaweit vor allem in der Industrie auf Wachstum hinweisen, dürften sich die Folgen der Coronapandemie, Konjunkturrisiken und – insbesondere in Deutschland – neue regulatorische Anforderungen wie das geplante Lieferkettengesetz,  auf den strategischen Einkauf negativ auswirken. Das spiegelt sich nun auch in den Sorgen der CPOs wider, wie der aktuelle Chief Procurement Officer (CPO) Survey von Deloitte zeigt.

Lieferketten unter Druck. Wie sehr die COVID-19-Pandemie die globalen Lieferketten im vergangenen Jahr dabei unter Druck gesetzt hat, zeigen die Zahlen. So geben mehr als jeder zweite (56 Prozent) der weltweit über 400 befragten CPOs in 40 Ländern an, die Insolvenz von für sie maßgebliche Zulieferbetriebe erlebt zu haben bzw. dass diese in wirtschaftliche Turbulenzen geraten sind. Mehr als jeder Dritte (36 Prozent) musste zudem feststellen, dass Lieferanten den neuen operativen Anforderungen bei weiter steigendem Kostendruck nicht gerecht werden. Und 32 Prozent der Befragten mussten infolge von Ausfällen in der Lieferkette Umsatzverluste im eigenen Unternehmen hinnehmen. 

Risikoeinschätzung deutscher Einkäufer. Ein wirtschaftlicher Abschwung und Deflation gehören für 67 Prozent der Befragten in Deutschland zu den größten Risiken für das eigene Unternehmen, gefolgt von der unzureichenden Resilienz der Zulieferbetriebe (42 Prozent), den weiteren Auswirkungen der Pandemie (40 Prozent) sowie internen Herausforderungen wie der Komplexität des eigenen Unternehmens (39 Prozent).

Es fehlt der Durchblick

Die Folgen: Die Mehrheit der Befragten gibt daher an, dass das Risikopotenzial im letzten Jahr spürbar zugenommen hat. Vielen Einkaufsmanagern mangelt es dabei vor allem an einem umfassenden Überblick über die Risiken innerhalb der eigenen Lieferkette. „Fast drei Viertel der befragten CPOs glauben zwar, potenzielle Risikofelder ihrer direkten Lieferanten gut im Auge zu haben, aber nur 15 Prozent haben auch einen Einblick in die niedrigeren Tiers. Es braucht dringend ein besseres Verständnis des gesamten Lieferantennetzwerks – über die Tier-1-Lieferanten hinaus“, betont Tanja Michael, Senior Managerin bei Deloitte Österreich. „Dafür eignen sich zum Beispiel Supplier Monitoring Dashboards. Über diese können nicht nur klassische Supplier-Audit-Scores, sondern auch automatisierte Marktdaten wie News-Alerts oder Finanzdatenbanken eingespielt werden. Solche Tools ermöglichen die laufende Überwachung sämtlicher Risiken – was eine zeitgerechte, risikominimierende Steuerung erlaubt.“

Agilität als Boost

Die Deloitte Umfrage legt aber auch anderes offen. So ist den CPOs heute ein möglichst agiles Beschaffungsmanagement immer wichtiger. Durch neue Technologien und flexible Betriebsmodelle kann besser auf den turbulenten Markt reagiert werden. Unternehmen, die hier bereits gut aufgestellt sind, übertreffen ihre Mitbewerber bei allen wichtigen Kennzahlen. So nutzen leistungsstarke Beschaffungsorganisationen laut Studie etwa doppelt so häufig hybride Managed-Service-Support-Modelle, um auf Know-how zuzugreifen, das intern nicht verfügbar ist. Auch RPA-Lösungen sind hier zehnmal häufiger vollständig implementiert, Künstliche Intelligenz kommt sogar rund achtzehnmal häufiger zum Einsatz.

Rolle des Procurement Officers weltweit im Wandel

Die Lieferketten sind trotz Aufschwung sehr angespannt. (Foto: Gabi Schönemann / www.pixelio.de)
Die Lieferketten sind trotz Aufschwung sehr angespannt. (Foto: Gabi Schönemann / www.pixelio.de)

„Der Einkauf wurde in der Vergangenheit vielfach auf das Ziel reduziert, mehr Produkte und Services für weniger Geld zu beschaffen“, bestätigt auch David Heider, Director Supply Management und Digital Procurement bei Deloitte in München. „Heute stehen die CPOs vor mehr Herausforderungen, die zudem deutlich komplexer geworden sind: Operative Effizienz und effektive Prozesse haben höchste Bedeutung. Ähnlich wichtig ist es vielen CPOs, die schnelle Marktreife ihrer Produkte zu unterstützen sowie eine Basis für Innovationen zu schaffen. Daneben bleibt ein hohes Kostenbewusstsein weiter relevant, vor allem in Deutschland.“ 

Operative Effizienz heute wichtigstes Ziel. Die Rolle des Chief Procurement Officers befindet sich weltweit in einem tiefgreifenden Wandel. Zum ersten Mal seit dem 10-jährigen Bestehen des Deloitte Chief Procurement Officer Survey ist Kostenreduktion nicht mehr das Wichtigste für die befragten CPOs. Dieses klassische Ziel der Beschaffung liegt nun weltweit auf Platz Zwei der Prioritätenliste, verdrängt von einem neuen Fokus: Operative Effizienz. Mit einem Wert von 77,97 auf der Likert-Skala* hat Effizienz die höchste Bedeutung für die Befragten und schafft aus dem Stand den Sprung auf Platz Eins der CPO-Prioritätenliste. Ein anderes Bild zeigt sich in Deutschland: Für die CPOs hierzulande hat die Kostenreduktion nach wie vor die höchste Bedeutung mit einem Wert von 69,44 auf der Likert-Skala. 

Digitale Transformation – Deutschland tickt etwas anders

Auch der Fokus auf digitale Transformation ist bei den Befragten in Deutschland weniger ausgeprägt (62,16) als im weltweiten Vergleich (76,06). Die Zustimmung zu diesem Punkt ist bei den CPOs weltweit deutlich höher als bei der Befragung des CPO Survey 2019 (63,41). Mit einem Zuwachs von 55,23 (2019) auf 67,55 (2021) haben Themen aus dem Bereich der unternehmerischen und sozialen Verantwortung (Corporate Social Responsibility) ebenfalls einen erheblichen Bedeutungszuwachs erlebt. 

Zurückhaltung bei digitalen Technologien. Die große Aufmerksamkeit für den digitalen Wandel hat jedoch auch im weltweiten Vergleich bislang nicht zum vermehrten Einsatz neuer digitaler Technologien geführt. Analyse- und Visualisierungs-Tools, die zum Beispiel das Vertragsmanagement erheblich verbessern, haben nur 15 Prozent der technologischen Vorreiter vollständig eingesetzt. Blockchain-Technologien mit ihrer besonderen Bedeutung für die Stabilisierung und Transparenz der Lieferketten setzen lediglich acht Prozent umfassend ein. „CPOs sind gut beraten hier nachzubessern“, empfiehlt Heider. „Denn die Digitalisierung zahlt sich aus wie die Agilsten der Einkaufsorganisationen zeigen.“

deloitte.de


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