JUBILÄUM – 35 Jahre fahrerlose Transportsysteme (FTS) aus Linz

Fahrerlose Transportsysteme (FTS) sind die Mission der Linzer DS Automotion von Anfang an. Heuer feiern die Oberösterreicher 35 Jahre Erfahrung in dieser Zukunftstechnologie und als Enabler von Industrie 4.0 – Lösungen. Mit der Beteiligung des Global Players in Sachen Intralogistik, SSI Schäfer, sieht man sich für die Zukunft gut gewappnet.

Fahrerlose Transportsysteme (FTS) gelten in Zeiten der Digitalisierung und Industrie 4.0  als ein zentrales Element für den Aufbau intelligenter Fabriken. Doch obwohl sie eine Zukunftsmaterie sind, haben sie bereits eine lange Historie: Das erste FTS fuhr bereits 1954 in den USA. Damals stellte die Firma Barrett Vehicle Systems, eine Tochter des großen Waffenherstellers Barret, erstmals einen fahrerlosen Schlepper der Öffentlichkeit vor. Dieser folgte selbsttätig einem weißen, auf den Boden aufgebrachten Farbstreifen. Hierzu hatte man am Lenkrad des Schleppers zusätzlich einen Lenkmotor angebracht, der Steuersignale eines optischen Sensors erhielt, welcher den Farbstreifen abtastete. Diese Schleppzüge kamen, wie heute auch, für wiederkehrende Sammeltransporte über große Strecken hinweg zum Einsatz. In Europa bot im Jahr 1956 zum ersten Mal die eigentlich für ihre Tonträger und Plattenlabels bekannte Firma EMI in England eine FTS-Lösung an. Das Unternehmen entwickelte während des Zweiten Weltkrieges und auch danach vor allem Radaranlagen und Lenkwaffen. Für die zivile Nutzung der Lenksysteme und Sensoren boten sich dabei FTS geradezu an.

Das erste FTS aus den 1950ern... (Foto: DS Automotion / RS Media World Archiv)
Das erste FTS aus den 1950ern… (Foto: DS Automotion / RS Media World Archiv)

Nachahmer in Deutschland. In Deutschland begann die Entwicklung der Fahrerlosen Systeme hingegen erst im Jahre 1963. Treiber dieser Technologien bis in die 1980er Jahre waren dabei Hersteller von Flurförderzeugen wie etwa Jungheinrich in Hamburg oder  Wagner Maschinenbau in Reutlingen. Sie automatisierten ursprünglich ebenfalls für manuelle Bedienung gebaute Gabelhub- und Plattformfahrzeuge mittels „photoelektronischer“ und später dann induktiver Steuerung. Bis dahin „selbststeuernde“, schienengeführte Kommissionierfahrzeuge wurden in gleicher Weise umgebaut. Doch bereits Ende der 1960er Jahre entwickelte man speziell für den automatischen Transport konstruierte Schlepper. Mit automatischen Kupplungen versehen und der Fähigkeit, automatisch rückwärts zu fahren, konnten diese Fahrzeuge Anhänger ankuppeln und am Bedarfsort abstellen. Vorrichtungen zur automatischen Batterieladung gibt es ebenfalls seit dieser Zeit.

Pionier in Österreich. In Österreich nahm die Entwicklung von FTS im Jahr 1984 ihren Lauf. Vorreiter war damals die noch staatliche Voest Alpine AG. Der Mischkonzern vereinte damals nicht nur die Stahlproduktion unter seinem Dach, sondern auch Logistikkomponenten wie etwa für den Regalbau und eben auch die Logistikautomation.

1984: Erstes FTS für den Automobilbau

Innerhalb der Voest Alpine spezialisierte sich also eine ganze Abteilung ausschließlich auf die Entwicklung und Produktion von Fahrerlosen Transportsystemen sowohl für den österreichischen Stahlkonzern, als auch für andere Firmen. Dazu gehörten ganze Produktionslinien für die Automobilindustrie. In diesem Sinne kann DS Automotion, die sich als Managment-Buyout aus dieser Spezialabteilung der Voest Alpine entwickelte, als ein Pionier der FTS-Entwickler in Österreich gesehen werden. Auch heute gilt das österreichische Vorzeigeunternehmen als ein Vorreiter bei der Entwicklungen fahrerloser Intralogistiklösungen. Die Linzer entwickelte bereits Lösungen in Richtung Digitalisierung und Industrie 4.0, als kaum jemand wusste, was das ist. Heute sind die Oberösterreich einer der Marktführer weltweit in diesem Segment.

Ersteinsatz in der Automobil-Industrie. „Unser erstes FTS realisierten wir 1984  für Volkswagen“, berichtet DI Manfred Hummenberger MBA, heute der Geschäftsführender Gesellschafter von DS Automotion, gegenüber blogsitic.net und weiter:  „Die fahrerlosen Fahrzeuge wurden im Werk Brüssel als Träger für den Aufbau der Rohbau-Karosserien verwendet.“ Das lag daran, dass in den 1980er Jahren die FTS nahezu ausschließlich in der Automobilindustrie zum Einsatz kamen. Die Branche hatte das damals notwendige finanzielle Pouvoire. Bemerkenswert war außerdem, dass etliche Autohersteller damals an einem Computer Integrated Manufacturing (CIM) arbeiteten. Dazu passten die Konzepte von FTS ebenso gut wie heute zur Smart Factory.  „Für unser erstes FTS lieferten wir nur den maschinenbaulichen Teil der Fahrzeuge und die Leitsteuerung auf Basis einer SPS“, erläutert Ing. Wolfgang Hillinger MBA, der als Geschäftsführer von DS Automotion den Bereich Vertrieb und Marketing verantwortet. „Die Steuerungen in den Fahrzeugen entwickelte und produzierte hingegen Volkswagen selbst.“ Doch schon beim nächsten FTS-Projekt mit 120 Fahrzeugen für das Volkswagen-Werk in Emden, stellte der Automobilist 1986 letztmalig die Steuerelektronik bei. Danach zog er sich auf seine Kernkompetenzen zurück. Die FTS-Installation im Volkswagenwerk Hannover war 1989 die Premiere für die von der späteren DS Automotion als Mehrprozessorsystem entwickelte Fahrzeugsteuerung.

1994: Frei navigierend zu neuen Anwendungen

DS Automotion bei John Deer (DS Automotion / RS Media World Archiv)
DS Automotion bei John Deer Mannheim 2011 (DS Automotion / RS Media World Archiv)

Bis Anfang der 1990er Jahre statteten die FTS-Spezialisten aus Linz zahlreiche Produktionslinien aller namhaften europäischen Automobilisten mit kundenspezifischen FTS-Anlagen aus. Dann kam der Siegeszug der FTS im Automobilbau plötzlich zum Stillstand. Europäische Autobauer orientierten sich an der japanischen Konkurrenz, die Autos sehr kostengünstig auf einer dedizierten Linie pro Modell fertigte. Diese Form der Lean Production kommt ohne die Flexibilität von FTS-Anlagen aus. Das brachte die Linzer gehörig unter Druck und aus ihrer Komfortzone. Wie alle FTS-Hersteller mussten die Verantwortlichen der heutigen DS Automotion ab sofort in anderen Anwendungsgebieten neue Kunden suchen. Den Managern kam dabei das Glück der Tüchtigen zu Hilfe. Ein Großauftrag über sechs FTS-Anlagen mit insgesamt über 100 Fahrzeugen für die LKW-Kabinenmontage bei Daimler, sicherte nämlich in dieser schwierigen Umbruchphase eine mehrjährige Vollauslastung ihres FTS-Bereiches.

Invest in Technologie. Die DS-Ingenieure nutzten diese Zeit für Neues. Sie entwickelten entwickelten Fahrzeug- und Leitsteuerungen mit der Fähigkeit zur freien Navigation – und das ganz ohne Spurführung. Die erste FTS-Anlage dieser Art ging an den Axel Springer Verlag in Hamburg. Das war die Zeit der Privatisierung der sogenannten „Staatlichen Industrie“ zu der auch der Voest-Konzern gehörte. Damals entstand die VA Tech AG. Für das Team späteren DS Automation hatte diese Entwicklung erhebliche Konsequenzen. Es war nun Teil der neuen Voest-Tochter. In weiterer Folge kristallisierte sich das Unternehmen weiter aus der VA Tech heraus und agierte nun als TMS (Transport- und Montagesysteme). „Die 25 Fahrzeuge transportieren die bis zu 1.250 kg schweren Printrollen von der Tiefdruckmaschine in ein Pufferlager und dann weiter zur Heftmaschine“, erklärt M. Hummenberger. „Der erfolgreichen Umsetzung dieser herausfordernden Intralogistikanlage verdanken wir zahlreiche weitere Aufträge im Bereich Druck und Papier, aber auch für andere innerbetriebliche Transportaufgaben.“

1997: Ab ins Krankenhaus

Der Ersatz des Hängefördersystems im Uni-Klinikum Köln durch ein frei navigierendes FTS stellte TMS 1997 vor ganz neue Herausforderungen. Die knapp 100 Fahrzeuge mussten für ihre kilometerlangen Wege schmale Korridore nutzen und diese teilweise auch mit Menschen teilen. Das machte eine spezielle Fahrwerkskinematik und neue Sensoren für die Personensicherheit erforderlich. Die Leitsteuerung koordiniert zudem die Fahrzeuge nicht nur untereinander, sondern z. B. auch mit den Aufzügen, die diese benützen müssen. „Angesichts der zahlreichen neuen Systemmerkmale und Schnittstellen bildeten wir erstmals den digitalen Zwilling der Anlage in einer Computersimulation nach“, führt Wolfgang Hillinger aus. „Obwohl es immer wieder zu bauseitigen Verzögerungen kam, schafften wir nach einer sich über mehrere Monate hinziehenden Inbetriebnahmephase die erfolgreiche Systemumstellung, die erschwerend nur während der Nacht durchgeführt werden konnte.

Erfolgreich in die Unabhängigkeit

Im Jahr 2001 übernahm der französische Baukonzern VINCI die TMS und gliederte den FTS-Bereich 2002 als eigenständiges Tochterunternehmen TMS Automotion aus. Dieses bezog ein Jahr später sein nunmehriges Hauptgebäude. 2005 trennten sich die ca. 65 Mitarbeiter durch Management-Buyout vollkommen vom Mutterkonzern VINCI, zunächst noch als TMS AUTOMOTION. Zugleich erfolgte die heute noch gültige Ausrichtung auf die vier Kernbereiche Automotive, Agriculture, Hospital & Healthcare und Intralogistics.

Modernes Management. „Eine enge, freundschaftlich-kollegiale Zusammenarbeit und kurze Entscheidungswege ohne Konzerndenken prägen seitdem das eigentümergeführte mittelständische Unternehmen“, freut sich Sieglinde Paulmair. Sie ist seit 1990 im Unternehmen und leitet seit dem Management-Buyout die Einkaufsabteilung. „Da ist es schön, Verantwortung zu übernehmen und mit den immer komplexer werdenden Produkten und Anforderungen mitzuwachsen.“ Deutlich gewachsen ist auch eine ihrer Kenngrößen. Das Einkaufsvolumen ist um den Faktor 4,5 auf das Niveau des damaligen Jahresumsatzes gestiegen.

Völlig Selbständig. Seit 2008 trägt das Unternehmen den heutigen Namen DS (für Driverless Solutions) AUTOMOTION. Im selben Jahr erfolgte die Gründung der ersten Auslandstochter in Toulon. „Damals startete der französische Staat eine Krankenhaus-Investitionsoffensive“, sagt Manfred Hummenberger. „Heute sind bereits elf Spitäler in Frankreich mit FTS von DS Automotion ausgestattet und wir sehen auch für die Zukunft weiterhin großes Potenzial.“

Ständig in Entwicklung

DS Automotion bei Sirius 2017 (DS Automotion / RS Media World Archiv)
DS Automotion bei Sirius 2017 (DS Automotion / RS Media World Archiv)

Um kostengünstige Alternativen für einfachere innerbetriebliche Transportaufgaben anbieten zu können, adaptierte DS Automotion ab 2010 handelsübliche Hubstapler für den fahrerlosen Betrieb. Obwohl diese in großen Stückzahlen eingesetzt werden, wurde kürzlich eine erste Abkehr von dieser Praxis eingeleitet. „Serien-Stapler haben nicht nur Vorteile, vor allem sind sie weniger robust und langlebig als unsere für den harten Industriealltag geschaffenen Eigenkonstruktionen“, weiß Wolfgang Hillinger. „Deshalb bieten wir seit 2019 mit AMADEUS wieder einen eigenen Hubstapler an.“ Der wurde ausschließlich für den fahrerlosen Betrieb entwickelt, ist also „born driverless“.

Global im Markt. Im aktuellen Jahrzehnt erweiterten die Oberösterreicher ihre globale Marktpräsenz. Diese umfasst heute neben Partnern in Dänemark, Spanien, Mexiko, Singapur und der Türkei sowie den Vereinigten Arabischen Emiraten, Brasilien und China auch eigene Niederlassungen in Deutschland, Frankreich und den USA. Zur LogiMAT 2016 stellten die Pioniere der fahrerlosen Transportsysteme mit „Sally“ ein industrietaugliches fahrerloses Transportfahrzeug in der Gewichtsklasse bis 100 kg vor. Das Basisfahrzeug lässt sich mittels unterschiedlicher Aufbauten leicht an den individuellen Einsatzzweck anpassen und erfüllt so Transportaufgaben, für die es zuvor keine industrietauglichen Lösungen gab. „Als erstes Fahrzeug unseres Unternehmens nutzte „Sally“ mittels SLAM-Technologie Gebäudekonturen für die Navigation“, erläutert Manfred Hummenberger. „Gleichzeitig lässt sie sich in all unsere frei navigierenden Systeme mit der Leitsteuerung DS Navios FreeGuide einbinden und in beliebiger Kombination mit anderen Fahrzeugen einsetzen.“

Gemeinsam in die Zukunft

 „Gemeinsam sind wir stärker“ lautet auch das Motiv hinter der 2018 gestarteten Kooperation mit SSI Schäfer. Der deutsche Lager- und Logistiksystemgigant integriert FTS der Linzer in ganzheitliche Logistiklösungen. Das dürfte sich auch auf das Wachstum des österreichischen FTS-Spezialisten auswirken, der aktuell mit rund 220 Mitarbeitern rund 45 Millionen Euro pro Jahr erwirtschaftet. SSI Schäfer hat dabei offensichtlich Geschmack an Technologien und Knowhow in Österreich gefunden. Der Intralogistikkonzern produziert nicht nur selbst in der Alpenrepublik, sondern in Friesach bei Graz steht auch die eigene IT-Schmiede (Früher Salomon Automation). Mit der Beteiligung an DS Automotion runden die Aschaffenburger ihr Automations-Portfolio entsprechend ab.

Von Österreich in die Welt. Das Unternehmen kann sich dabei für sein weiteres Wachstum auf die Treue langjähriger Mitarbeiter wie Christian Huemer verlassen. „Ich war von Beginn an von FTS fasziniert und immer neue Entwicklungsmöglichkeiten halten das Thema spannend“, sagt der heutige Leiter des Bereiches Engineering und Auftragsabwicklung. Er ist seit 1989 im Unternehmen. „Zusätzlich kann ich mir kein förderlicheres Umfeld denken als dieses Unternehmen mit seinem beinahe freundschaftlichen sozialen Verhalten.“ So wird DS Automation wohl auch weiterhin zu den weltweit führenden Herstellern in diesem Segment gehören. Herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum!

ds-automotion.com

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