JEFF BEZOS – Umstrittener Held der Logistik

Jeff Bezos‘ Unternehmen Amazon.com polarisiert mehr als andere. Dennoch gilt der Technikfreak und Startrek-Fan als „Revolutionär von E-Commerce und Logistik“. Grund genug für die Logistics Hall of Fame-Jury, J. P. Bezos zum Held der Logistik zu machen.

Kaum ein Unternehmen der Logistikneuzeit polarisiert derzeit mehr als Amazon.com. Es gilt vielfach als Inbegriff amerikanischen Handelns in Sachen Business und Logistik: Zukunftsorientiert, kompromisslos Kundenorientiert, effizient, knallhart in seinen Methoden und hochgradig erfolgreich. Manchem der Kritiker, insbesondere aus Gewerkschaft und Finanzministerien, dürfte Amazon.com vielleicht auch etwas zu erfolgreich sein.

Amazon ist irgendwann pleite

(Aktualisierung vom November 2018) Ihm wird es egal sein. J. Bezos sieht sein Unternehmen ohnehin als eine Art Auslaufmodell der Zukunft, das auf Kurz oder Lang der Evolution der Märkte zum Opfer fallen wird. Bereits vor fünf Jahren erklärte der mittlerweile reichste Mann der Welt, dass Firmen ohnehin nur eine kurze Lebensdauer hätten. Amazon würde früher oder später dasselbe Schicksal wie nahezu alle. „Unternehmen kommen und gehen. Das gilt selbst für die schillerndsten und wichtigsten der jeweiligen Zeit. Ihr wartet ein paar Dekaden und sie sind weg vom Fenster. Er hoffe nur, dass er dies bei seinem Unternehmen nicht miterleben müsse.

Grenzwertige Beschäftigungspraktiken

Seine selbst prognostizierte Pleite wird seine Kritiker freuen. Denn dann würde ein ungeliebter Arbeitgeber die Bühne verlassen. Ihre Kritik richtet sich dabei vor allem gegen diverse Praktiken in der Personal-Politik. Insbesondere in Deutschland steht Amazon wegen seines hohen Anteils an Leiharbeitskräften in seinen Logistikzentren und schlechter Lohnzahlungen im Fokus. Aber auch die Finanzminister und Rechnungshöfe  Europas beäugen den Online-Giganten wegen seiner Steuerpraktiken misstrauisch. So rückt etwa der österreichische Finanzminister Hans Jörg Schelling das Handelsunternehmen in die Gruppe der Steuerhinterzieher, die Gesetzeslücken ausnützen und sich dadurch einen Wettbewerbsvorteil verschaffen – zum Schaden des Staates Österreichs und des österreichischen Handels.

Amazon gilt vielfach als Inbegriff amerikanischen Handelns in Sachen Business und Logistik: Zukunftsorientiert, kompromisslos Kundenorientiert, effizient, knallhart in seinen Methoden und hochgradig erfolgreich.

Steueroase Internethandel

Auch der deutsche Bundesrechnungshof bekritelt den Onlinehandel, allen voran Amazon.com, und die Steuerpraktiken im Internet heftig. Dem deutschen Fiskus sollen dadurch mehrstellige Millionenbeträge entgehen. So sagte Rechnungshof-Präsident Kay Scheller den Zeitungen der Funke-Mediengruppe (Montagsausgaben) Mitte Dezember 2016, dass der Bund im Jahre 2013 gerade einmal 28 Millionen Euro eingenommen habe, obwohl es sich um einen „Milliardenmarkt“ handele. „Daran sehen wir: Das Internet ist eine Steueroase“, sagte der Behördenchef. Betroffen sei nach Angaben des Rechnungshof-Präsidenten etwa der Handel mit Software, Spielen und Musik, die als rein digitale Produkte verkauft würden. Es sei praktisch vom Belieben eines Unternehmers abhängig, ob es die Produkte deklariere oder nicht, kritisierte K. Scheller.

Marketplace im Fokus. Am Beispiel Österreich fallen beim Online-Verkauf normalerweise 20 Prozent Umsatzsteuer an. Eine steuerliche Kontrolle ist aus technischen Gründen jedoch kaum möglich. Das nutzen Online-Händler für sich. Amazon.com macht das beispielsweise auf seiner Platform „Marketplace“, wie das Handelsblatt am 12. Dezember 2016 in seiner Online-Ausgabe berichtet. Tag für Tag würden Kunden auf dem elektronischen Marktplatz zu Sonderkonditionen kaufen, so das Handelsblatt in seinem Bericht, und zwar ohne Rechnung, ohne Steuern und ohne Einspruch von Amazon. Die Marketplace-Händler brauchen für das Austricksen des Fiskus auch weder Briefkästen in Panama noch Scheinfirmen in Luxemburg. Ihre Steueroasen seien die Amazon-Logistikzentren, ergeben die Recherchen des Handelsblatts. Deutsche Einzelhandelsanalysten beziffern den Schaden, der dadurch für den deutschen Fiskus entsteht, auf mehrere Hundert Millionen Euro im Jahr. Daher sieht der deutsche Einzelhandel – ähnlich wie Finanzminister Schelling – in solchen Praktiken eine systematische Wettbewerbsverzerrung.

Die erste Homepage von Amazon.com (Foto: Amazon)

Versteuern in Luxemburg. Der Effekt dieser Praxis: Amazon versteuert nicht dort, wo der Umsatz gemacht wird, sondern letztlich dort, wo sein Sitz in der EU ist: in Luxemburg. Mit dem „Double Irish With a Dutch Sandwich“-Prinzip vermied Amazon zumindest bis 2015 weitgehend inländische Ertragsteuerzahlungen in Deutschland und leitete seine gesamten  deutschen Unternehmensgewinne (also nicht nur die erzielten auf Marketplace) ins Niedrigsteuerland Luxemburg um. Hierzu gründete der Konzern 2003 und 2004 dort die Amazon Services Europe SARL, die Amazon Europe Holding Technologies SCS und die Amazon EU SARL. Dort wird auch die deutschsprachige Online-Handelsplattform betrieben, d.h. Kunden aus Österreich kaufen eigentlich in Luxemburg ein. Über die Zeit gelang es Amazon mit dieser Konstruktion, über zwei Milliarden US-Dollar steuerfrei am deutschen Fiskus vorbei zu leiten. Der Vorsteuergewinn in Deutschland betrug 2012 laut Presseberichten lediglich 10,2 Millionen Euro und die Steuern 3,2 Millionen Euro. Die in Luxemburg angesiedelte Amazon Europe Holding Technologies wies hingegen im Jahr 2012 einen Gewinn von 118 Millionen Euro aus, entrichtete aber wegen der Luxemburger Steuergesetze dort überhaupt keine Steuern. Diese Steuerpraxis wurde im November 2014 durch die sogenannten Luxemburg-Leaks bekannt und brachte auch den derzeitigen Präsidenten der EU-Kommission, Jean Claude Juncker, in politische Bedrängnis. Dieser hatte den Steuerdeal als Luxemburger Premierminister mit Amazon ausgehandelt.

Immerhin: Im Mai 2015 änderte das Unternehmen daher seine Steuerpolitik in Bezug auf Deutschland, Italien, Großbritannien und Spanien und versteuert jetzt dort seine Gewinne. Österreich ist davon allerdings nicht betroffen.  Genau solche Praktiken kritisiert daher auch Finanzminister Schelling in der ÖSTERREICH-Ausgabe vom Anfang September 2017 und fordert daher eine europäische Lösung, von der alle profitieren. Er schlägt weiter vor, – mittels Ermächtigung durch die Regierung – beispielsweise mit Irland ein Doppelbesteuerungsabkommen bilateral zu verhandeln. Ob es dazu jedoch kommt, hängt davon ab, ob der Minister auch der nächsten Bundesregierung in Österreich angehört. Das entscheidet sich frühestens im Oktober diesen Jahres, wenn die Nationalratswahlen in Österreich über die Bühne gegangen sind.

Dennoch würdig für die LHoF

Bei aller Kritik am Unternehmen Amazon, der Jury der Logistics Hallo of Fame gilt sein Gründer, Jeff Bezos, dennoch als würdig, in die Ruhmeshalle der Logistik aufgenommen zu werden. Denn der Mexikaner hat mit Amazon weltweit Maßstäbe im E-Commerce und somit im Rahmen der Logistik gesetzt. Zurecht wird der U.S.-Amerikaner daher von der LHoF-Jury als „Revolutionär von E-Commerce and Logistik“ bezeichnet. „Jeff Bezos hat die Geschichte der Logistik neu geschrieben. Sein Name steht für erfolgreichen Internethandel und eine Generation Unternehmer, deren Geschäftsmodelle auf Algorithmen und innovative Logistik aufbauen. Ohne ihn hätte sich in der Logistik wenig bewegt“, begründet Anita Würmser, geschäftsführende Jury-Vorsitzende der Logistics Hall of Fame, die Entscheidung der internationalen Expertenjury, darunter auch Hans-Joachim Schlobach, Herausgeber des Wirtschaftsmagazins BUSINESS+LOGISTIC und blogistic.net.

Das erste Office von Amazon in Houston. (Foto: Amazon)

Revolution der Versandhandelslogistik

Der Multimilliardär (Anm.: sein Vermögen wird auf knapp 73 Milliarden US-Dollar geschätzt) kann für sich in Anspruch nehmen, die Versandhandelslogistik revolutioniert zu haben. Denn er erkannte als erster, dass Software und Logistik der Schlüssel sind, um den einkaufsgetriebenen Handel in einen nachfragegetriebenen Onlinehandel zu verändern, heißt es in der Begründung der Jury. Mit der Kombination aus Software, Liefereffizienz, Automatisierung und langfristigem Denken habe der Informatiker die Transport- und Intralogistik grundlegend verändert und Amazon zum Benchmark für die Branche gemacht. Beinahe jede technische Neuentwicklung ist heute vom Onlinehandel beeinflusst, etliche sind sogar komplett auf ihn ausgerichtet. Zudem habe er eindrucksvoll bewiesen, dass innovative Logistik einen wichtigen Beitrag zum Unternehmenserfolg leistet.

Es begann im Buchhandel

Der Vater von vier Kindern startete 1994 mit einem Internetbuchhandel ins Unternehmertum und machte in nur wenigen Jahren aus dem „größten Buchladen der Welt“ nicht nur das „größte Kaufhaus der Welt“, sondern einen Technologiekonzern. 2016 setzte das Unternehmen Waren im Wert von weit über 200 Milliarden Dollar um.

Logistik bringt Erfolg. Bezos´ unternehmerischer Erfolg basiert aber nicht auf den von ihm angebotenen Waren und Dienstleistungen, sein Erfolgsrezept ist die Art und Weise, wie Produkte zum Kunden gelangen. Er warf das alte Push-Prinzip über Bord und führte ein Pull-Prinzip ein. Während sich der Handel bis dato nur eine Auswahl von Produkten auf Lager legte und im Nachhinein auswertete, welche Produkte gut oder schlecht abverkauft wurden, zeigte das Internet in Echtzeit, wer gerade welche Produkte suchte.

Einsatz von Algorithmen. Der gelernte Informatiker setzte als erster Algorithmen dafür ein, die Wünsche der Konsumenten zu kennen. Zudem überzog er die Welt mit Logistikzentren, um beinahe jedes beliebige Produkt kostengünstig, schnell und zuverlässig zum Kunden zu transportieren. Auch Österreich stand dabei im Zentrum des US-amerikanischen Konzerns, ein Distributionszentrum zu erreichten.

Amazon testet nach dem Try-and-Error-Prinzip fast täglich technologische Innovationen, um den Prozess von der Kundenbestellung bis zur Auslieferung des Pakets weiter zu optimieren.

Try-and-Error. Innovation ist wichtig für Bezos. Amazon testet nach dem Try-and-Error-Prinzip fast täglich technologische Innovationen, um den Prozess von der Kundenbestellung bis zur Auslieferung des Pakets weiter zu optimieren. Bereits seit 2013 experimentiert der Internetriese mit Drohnen in der Paketzustellung und im September geht in Winsen das erste Logistikzentrum an den Start, in dem rund 2500 Transportroboter die Mitarbeiter unterstützen. Erfolgreiche Beispiele für Bezos´ Technologieorientierung sind auch der patentierte One-Click-Kauf mit hinterlegter Kreditkarte oder die noch bequemere Bestellung via Dashbutton. Aktuell spannt der „Top-Tech-Leader 2015“ (Juniper Research) mit der „Amazon Global Supply Chain“ ein weltweites Logistiknetzwerk, um als Mittler zwischen Händler und Kunden sämtliche Schritte der globalen Supply Chain – von der Produktion der Ware bis zur Zustellung an die Haustür – selbst zu steuern.

Startrek-Fan. Privat begeistert sich Startrek-Fan Bezos für die Raumfahrt und arbeitet daran, Reisen ins All zu ermöglichen. Deshalb gründete er im Jahr 2000 er das private US-Amerikanische Raumfahrtunternehmen Blue Origin. Im August 2013 erwarb er zudem die Tageszeitung The Washington Post für 250 Millionen US-Dollar. Diese und weitere Investitionen werden über das Unternehmen Bezos Expeditions verwaltet.

Kurzvita Jeff Bezos

Jeffrey Preston „Jeff“ Bezos wurde am 12. Januar 1964 in Albuquerque im US-Bundesstaat New Mexico als Jeffrey Preston Jorgensen geboren. Der Princeton-Absolvent in Elektrotechnik und Informatik startete seine Karriere 1986 bei der taiwanesischen Mobilfunkgesellschaft Fitel und arbeitete anschließend bei Bankers Trust und bei D. E. Shaw & Co. Der Informatiker entwickelte bereits Ende der 1980er Jahre ein Computersystem, um Investmentfonds zu managen. Bei Shaw entwickelte er spezialisierte Systeme für den Umgang mit komplizierten Hedgefonds und hatte zusammen mit dem Namensgeber des Unternehmens die Idee zum elektronischen Handel mit Büchern. Heute arbeiten mehr als 350.000 Menschen für ihn.

 

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