INSOLVENZEN – Ohne Pleiten ist keine Transformation der Wirtschaft möglich

Etwas Entspannung ist angesagt (Foto: Timo Klostermeier / www.pixelio.de)
In der Industrie der Eurozone ist bei weiblichen wie männlichen Wirtschaftsbossen wieder etwas Entspannung angesagt. Die Unternehmen kommen nach den Lock downs besser und rascher aus der Krise heraus als gedacht. (Foto: Timo Klostermeier / www.pixelio.de)

Obgleich sich derzeit die Industrie Europas aus dem Corona-Tief mit teilweise starken Zuwächsen zurück meldet, werden alle Industrienationen der Welt ab 2021 mit einer Unzahl an Insolvenzen rechnen müssen. Die Ursachen dafür sind einerseits vordergründig die weltweiten Lock downs. Jedoch dürfte andererseits der Transformationsprozess in die digitale Gesellschaft, auch Gigabit-Gesellschaft genannt, der durch Industrie 4.0 schon seit Jahren läuft, die Hauptursache sein. Doch ohne Insolvenzen sind eine Transformation in die Gigabit-Gesellschaft und zu ökologischem Wirtschaften unmöglich. Das hat auch großen Einfluss auf Kreditversicherungen und Ausfallshaftungen. (Ein Bericht von HaJo Schlobach)

In der Industrie der Eurozone ist die Erleichterung fast physisch spürbar. Die Unternehmen kommen nach den Lock downs besser und rascher aus der Krise heraus als gedacht. Wie der aktuelle IHS Markit Einkaufsmanagerindex (PMI) für die Eurozone zeigt, wächst die Industrie. Und das schon im dritten Monat in Folge. Der PMI legte gegenüber dem Vormonat August um zwei Punkte zu und zeigt nun 53,7 Punkte. Das ist der höchste Wert seit über zwei Jahren. Wenn die Pandemie keine schärferen Maßnahmen mehr erfordert, dürfte sich die Wachstumsentwicklung in der Euro-Zone in diesem Jahr zu einem „V“ auswachsen. Angesichts der aktuellen Pandemie-Entwicklungen in Frankreich, Spanien oder Osteuropa steht dahinter jedoch noch ein großes Fragezeichen. Dennoch, so die Analysten, sei zumindest im Industriesektor eine leichte Entspannung der Situation spürbar. Und auch im Konsum- und Vorleistungsgüterbereich ging es im September solide aufwärts, ist im Bericht zu lesen.

Deutschland wieder Wirtschaftslokomotive

Dabei sind es gerade Deutschland (56,4) und das bisherige Sorgenkind Italien (53,4), welche die Eurozone nach vorne bringen. Beide befinden sich in einem 26- bzw. 27-Monatshoch. Chris Williamson, Chef-Ökonom bei IHS Markit, kommentiert den finalen Einkaufsmanagerindex jedoch differenziert: „Ohne Deutschland, wo die Produktion besonders stark hochgefahren wurde und das für rund 50 Prozent des Wachstums verantwortlich war, wäre die Erholung allerdings weitaus schwächer ausgefallen.“

„Ohne Deutschland, wo die Produktion besonders stark hochgefahren wurde und das für rund 50 Prozent des Wachstums verantwortlich war, wäre die Erholung (Anm.: in der Euro-Zone) weitaus schwächer ausgefallen.“

Chris Williamson, Chef-Ökonom IHS Markit

Moderat bis schwächer. Dennoch: In den Niederlanden ging es solide aufwärts (52,5), während Frankreich (51,2) und Österreich (51,7) nur moderate Steigerungsraten vermeldeten. Hierzu meint C. Williamson: „Spanien vermeldete nur eine mäßige Produktionssteigerungsrate, in Italien und Österreich schwächte sie sich sogar wieder ab und in Irland schrumpfte die Produktion in Besorgnis erregendem Ausmaß. Würde man Deutschland ausklammern, wäre die Zuwachsrate sogar niedriger ausgefallen als in den beiden Vormonaten.“

Rückenwind für Österreich

Bestätigt werden die PMI-Daten durch den UniCredit BankAustria Einkaufsmanagerindex. „Mit mehr Rückenwind aus dem Ausland hat sich die Auftragslage verbessert. Die Produktion wurde erneut ausgeweitet und der Beschäftigungsabbau verlor zumindest an Tempo. Zudem weisen die geringeren Preisrückgänge und die aktuellen Lagertrends auf die Fortsetzung der schrittweisen Erholung hin“, sagt Chefökonom Stefan Bruckbauer hierzu.

Österreichs Neugeschäft nahm stärker zu. Die österreichischen Industriebetriebe haben dabei im September mehr neue Aufträge einbuchen können. Vor allem die Nachfrage aus dem Ausland, insbesondere aus Deutschland, hat hier zur Belebung des Neugeschäfts beigetragen. Der Index für die Exportaufträge, der im Vormonat erstmals seit Jahresbeginn die Wachstumsschwelle von 50 Punkten überschritten hat, erhöhte sich auf 52,7 Punkte, den besten Wert seit dem Frühjahr 2018. „Die österreichischen Industriebetriebe haben im September die Ausweitung der Produktionsleistung im Vergleich zum Vormonat etwas zurückgenommen. Der Produktionsindex sank auf 53,6 Punkte. Aufgrund der Beschleunigung der Nachfrage nach ‚Made in Austria‘ haben sich dadurch Auftragsrückstände aufgebaut“, so UniCredit Bank Austria Ökonom Walter Pudschedl. Mit den bestehenden Produktionskapazitäten konnten die Auftragszuwächse im September nicht voll erfüllt werden. Das zeigt sich auch an den verlängerten Lieferzeiten.

Wie die deutsche Industrielokomotive zieht

Ohne Deutschland geht nichts in der Euro-Zone. (Foto: Dieter Schütz / www.pixelio.de)
Ohne Deutschland wären die Wachstumsergebnisse in der Eurozone in dieser Form nicht möglich. Dort fielen im September die Produktions- und Auftragszuwächse insgesamt so stark aus wie seit über zweieinhalb Jahren nicht mehr. (Foto: Dieter Schütz / www.pixelio.de)

Die Positiven Entwicklungen in Österreich ändern jedoch nichts an der Tatsache, dass sie ohne Deutschland in dieser Form nicht möglich wären. Dort fielen im September nämlich die Produktions- und Auftragszuwächse insgesamt so stark aus wie seit über zweieinhalb Jahren nicht mehr. Bemerkenswert am wieder zunehmenden Auftragseingang war dabei das Export-Neugeschäft. Dieses legte zum dritten Mal hintereinander deutlich zu weist sogar das höchste Plus seit Februar 2018 aus.

Zunahme bei Aufträgen, Abnahme bei Jobs. Infolge der kräftigen Auftragszuwächse nahmen auch die Auftragsbestände so zügig zu wie zuletzt vor zweieinhalb Jahren. Ungeachtet dessen setzte sich der Stellenabbau fort, da die Unternehmen vor dem Hintergrund des unsicheren kurzfristigen Ausblicks vor allem auf Produktionssteigerungen und Kostensenkungen setzen. Insgesamt verlangsamte sich der Jobabbau jedoch und fiel so schwach aus wie seit Februar nicht mehr.

Abbau der Lagerbestände. Um den höheren Produktions- und Nachfrageanforderungen nachzukommen, griffen die Unternehmen wo immer möglich auf Lagerbestände zurück. Folglich sanken die Bestände an Vormaterialien und Fertigwaren gleichermaßen, die Vormateriallager wurden sogar so rasant abgebaut wie zuletzt Anfang 2010. Mit zum Lagerabbau beigetragen hat auch die achte Verlängerung der Lieferzeiten in Folge, die noch dazu so stark ausfiel wie seit Mai nicht mehr.

In Deutschland fielen im September die Produktions- und Auftragszuwächse insgesamt so stark aus wie seit über zweieinhalb Jahren nicht mehr.

Zunahme der Einkaufsmenge. Eine Ursache des gestiegenen Lieferdrucks war, dass die Industriebetriebe die Einkaufsmenge erstmals seit 22 Monaten wieder ausweiteten. Bei den Preisen gab es hingegen wenig Veränderung. Die Einkaufspreise legten insgesamt nur minimal zu, wobei die Entwicklungen auf Länderebene weit auseinander liefen. In Deutschland sanken die Einkaufspreise beispielsweise, in Irland legten sie kräftig zu.

Abnahme der Preise, Optimismus steigt. Die Verkaufspreise wurden zum 15. Mal hintereinander reduziert, diesmal allerdings nur noch leicht. Zurückzuführen war dies laut Befragten auf den scharfen Wettbewerb und die nach wie vor gedämpfte Nachfrage. Die Geschäftsaussichten binnen Jahresfrist fielen insgesamt so optimistisch aus wie seit April 2018 nicht mehr. Am zuversichtlichsten zeigten sich diesmal die italienischen Industrieunternehmen, gefolgt von den deutschen und niederländischen Branchenakteuren.

Trotz Erholung kommen Insolvenzwellen in 2021

Die Zahlen zeigen also insgesamt eine positive Entwicklung. Diese Entwicklung darf jedoch nicht den Blick auf die Situation der Unternehmen, insbesondere von klein- und mittelständischen Unternehmen (KMU) sowie Einzelpersonen-Unternehmen (EPU) in der Eurozone verstellen. Sie machen beispielsweise in Deutschland und Österreich mehr als 90 Prozent der Gesamtwirtschaft aus.

Dramatischer Zuwachs von Insolvenzen. So prognostizieren Kreditversicherungsmakler wie A.C.I.C. für 2021 eine Insolvenzwelle großen Ausmaßes, und zwar quer über die Industrienationen hinweg. Die Experten des größten Versicherungsmaklers Österreichs sehen alleine in Österreich die Insolvenzanträge um 15 Prozent steigen.

Trotz Wachstum KMU und EPU nicht vergessen. (Foto: Dietmar Meinert / www.pixelio.de)
Die positive Entwicklung darf jedoch nicht den Blick auf die Situation der Unternehmen, insbesondere von klein- und mittelständischen Unternehmen (KMU) sowie Einzelpersonen-Unternehmen (EPU) in der Eurozone verstellen. (Foto: Dietmar Meinert / www.pixelio.de)

Insolvenzen in Österreich

2020 ist das Corona-Jahr und auch bei den Insolvenzen außergewöhnlich. Denn heuer wurden in Österreich weniger Pleiten registriert als im Jahr 2019. Dies hängt jedoch mit diversen staatlichen Maßnahmen wie etwa die Stundung von Steuern oder die Gewährung von Überbrückungskrediten zusammen. Der Hauptgrund ist jedoch ein Insolvenz-Stopp, der im Oktober endet. Unternehmen müssen keine Insolvenzen anmelden, selbst wenn sie es de facto sind.

Schuldenstand wächst. Im bisherigen Verlauf 2020 ist die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Österreich daher im Vergleich zu den ersten neun Monaten 2019 noch um ein Drittel gesunken. Dies ergaben die Auswertungen des Kreditschutzverbandes KSV 1870. Zugleich haben sich jedoch die Schulden der Unternehmen verdoppelt. Die Folgen skizziert Peter Androsch, Geschäftsführender Gesellschafter der Kreditversicherungsmaklergesellschaft A.C.I.C gegenüber den Medien so: „Aufgrund staatlicher Interventionen, wie zum Beispiel der Stundung von Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen oder Moratorien bei den Insolvenzantragspflichten, werden sich zahlreiche Insolvenzen auf 2021 verschieben.“ Seine Berechnungen ergeben daher für das Jahr 2021 einen Anstieg der Insolvenzen um 15 Prozent in Österreich gegenüber 2019. Er stützt sich dabei auf die Daten der vier großen Kreditversicherer.

„Aufgrund staatlicher Interventionen, wie zum Beispiel der Stundung von Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen oder Moratorien bei den Insolvenzantragspflichten, werden sich zahlreiche Insolvenzen auf 2021 verschieben.“

Peter Androsch, GF A.C.I.C

Insolvenzen in der Weltwirtschaft

Ob sich diese Entwicklung auch nach 2021 weiter fortsetzt, dürfte für die Exportnationen Deutschland und Österreich nicht zuletzt auch davon abhängen, wie sich die Wirtschaft  in ihren Exportmärkten entwickelt. Und da zeigt sich ein dramatisches Bild. So erwartet P. Androsch in der größten Wirtschaft der Welt, den USA, bei den Insolvenzen ein Plus von 46 Prozent, in Italien ein Plus von 24 Prozent und in Frankreich ein Plus von 28 Prozent. Deutschland dürfte hingegen mit einem Anstieg um neun Prozent noch vergleichsweise glimpflich davonkommen. Global erwarten die Kreditversicherer einen durchschnittlichen Anstieg der Insolvenzen um 31 Prozent. „Deutschland und Österreich haben eine stark exportorientierte Wirtschaft und werden daher von steigenden Insolvenzzahlen bei ihren wichtigsten Handelspartnern besonders betroffen sein“, mahnt P. Androsch.

Die Ursachen für Insolvenzen sind vieldimensional

Die Ursachen für die Insolvenzwelle und die damit zusammenhängende hohe Dauer-Arbeitslosigkeit stehen dabei jedoch noch gar nicht fest. Vordergründig haben die weltweiten Lock downs dazu geführt. Bei genauerer Betrachtung dürfte allerdings vor allem der Transformationsprozess, in dem die Weltwirtschaft mit ihren globalen Lieferketten steckt, dafür verantwortlich sein. Dieser wurde durch die „Vierte Industrielle Revolution“, im deutschsprachigen Raum „Industrie 4.0“ genannt, eingeläutet. Die Basis der Revolution ist die Digitalisierung.

Klimawandel & Industrie 4.0. Aber auch der Klimawandel und die sich verändernden Ansprüche der Konsumenten an ein umweltgerechtes Wirtschaften, dürften die industrielle Revolution befeuern und somit ein wichtiger Treiber der Transformation sein. Gesellschaftlich gewollt ist hierbei vor allem die massive Reduktion von Treibhausgasen und Schadstoffen. Dieses an der Ökologie ausgerichtete Wollen geht jedoch mit den ökonomischen Zielen, die hinter Industrie 4.0 stehen, Hand in Hand. Zumindest für einen größeren Teil.

Ökologie & Ökonomie im Gleichklang. Das Ziel der vierten industriellen Revolution ist nämlich, vereinfacht dargestellt, die möglichst ressourcenschonende Befriedigung der Konsumenten-Bedürfnisse. Das Ideal ist, dass erst dann produziert und geliefert wird, wenn der Konsument einen tatsächlichen Bedarf hat. Bislang produzieren die Unternehmen auf Halde, um rasch Kundenbedürfnisse befriedigen zu können. Die positiven Folgen für Umwelt und Klima des Wirtschaftens nach der Transformation sind somit evident: punktgenaue Nutzung von Ressourcen, Reduktion teurer Lagerbestände und der Abbau von Halden und Überproduktion. Erreicht wird dieses ökologische Ziel auch hier vor allem mit Hilfe der Digitalisierung. Sie erlaubt erst die Vernetzung der einzelnen Akteure entlang der Wertschöpfungsketten und –netzwerke ohne Reibungsverluste.

Industrie 4.0 ist Realität. Hier zeigt sich besonders, dass „Industrie 4.0“ eben kein technischer Terminus ist, sondern zu massiven Veränderungen in den Industrienationen samt Schwellenländern wie etwa China führen kann und führt. Diese Realität holt die Industrienationen jetzt sichtbar ein und ihnen das bereits seit Jahren angekündigten Sterben ganzer Branchen ihrer Industrien. Das sind vor allem diese Bereiche, welche sich als resistent gegenüber Veränderungen zeigten und volkswirtschaftliche Cash-Cows sind. Doch nicht alle sind negativ davon betroffen. Profiteure der Entwicklung sind nämlich klassische Branchen wie etwa Handwerksbetriebe, die regional aktiv sind und keine langen Lieferketten benötigen. Profiteure sind ebenso soziale Branchen und die Lebensmittelindustrie sowie der Lebensmittel-Einzelhandel. Und last but not least, ist die Logistik-Branche in ihrer Gesamtheit. Sie liefert die Lösungen, welche das Rückgrat der neu gestalteten Ökonomien sind. Dass dem so ist, haben die Lock downs gezeigt.

Transformation ist ohne Insolvenzen unmöglich

Ohne Insolvenzen gibt es keine Transformation in die digitale Gesellschaft. (Foto: Rainer Sturm / www.pixelio.de)
Ohne Insolvenzen gibt es keine Transformation in die digitale Gesellschaft. (Foto: Rainer Sturm / www.pixelio.de)

Vor dem geschilderten Hintergrund wird deutlich, dass eine temporär auf die nächsten Jahre beschränkte und hohe Insolvenzquote absehbar ist. Oder anders ausgedrückt: Ohne Insolvenzen gibt es keine Transformation in die digitale Gesellschaft. Dies hat wiederum eine hohe Arbeitslosigkeit für diesen Zeitraum zur Folge.       

Old Economy ist dying. Daher ist es wenig überraschend, dass es gerade die Automobilbranche mit ihren weltweit angelegten Wertschöpfungs-Netzwerken ist, welche nahezu vom Beginn der industriellen Revolution 4.0 um ihr Überleben kämpft. Diese Branche setzt zwar derzeit ganz auf E-Mobility und die Produktion von Elektrofahrzeugen, um sich am Leben zu erhalten. Doch ist es fraglich, ob dieser sehr späte Schritt heute ausreicht, die Branche zu retten. Denn völlig neue Geschäftsmodelle, die mit der Digitalisierung heute möglich sind und die Branche betreffen, erzwingen deren Schrumpfen. So reduzieren beispielsweise Sharing-Modelle, welche erst durch die Digitalisierung wirtschaftlich werden, den Bedarf der Konsumenten an Fahrzeugen massiv. Ein Effekt: Lange vor Corona sind die Neuanmeldungen von Pkw in Großstädten rückläufig. Und in immer mehr Großstädten der Welt wird die Anzahl der Privat-Pkw limitiert.

Schrumpfen beschleunigt. Corona beschleunigte diesen Schrumpfungsprozess, der nicht mehr aufzuhalten ist. So verzeichnen Deutschlands Automobilbauer in 2020 Produktionsrückgänge ihrer verbrennungsmotorischen Fahrzeuge um 40 Prozent, die auch nicht durch die starke Nachfrage bei den Elektro-Fahrzeugen kompensiert werden können. Ein ähnliches Bild liefern die OEMs Frankreichs und Italiens. Der Konkurs der Marke Renault konnte folglich nur durch eine massive staatliche Intervention Frankreichs aufgehalten werden. Und die EU-Kommission buttert ebenfalls Milliarden Euro in den europäischen Automobil-Sektor.

Kritik an  staatlichen Eingriffen. Die staatlichen Bemühungen werden jedoch den Transformationsprozess nicht aufhalten können, sind sich sämtliche Analysten einig. Sie sind sich auch darüber einig, dass dies einen sehr großen Einfluss auf die gesamte Wirtschaft Europas haben wird. Wie groß dieser Einfluss ist, zeigt sich an der Tatsache, dass alleine im deutschsprachigen Raum (DACH-Region) rund 60 Prozent der Wertschöpfung durch das Auto initiiert ist. Genau deswegen wird übrigens der massive staatliche Eingriff von Ökonomen und Umweltverbänden kritisiert. Sie befürchten , dass damit der Transformationsprozess, in dem die Wirtschaft steckt, verhindert bzw. in falsche Bahnen gelenkt wird.

Deutschlands Automobilbauer verzeichneten in 2020 Produktionsrückgänge ihrer verbrennungsmotorischen Fahrzeuge um 40 Prozent, die auch nicht durch die starke Nachfrage bei den Elektro-Fahrzeugen kompensiert werden können.

Umbrüche jenseits der Pandemie

Der deutsche Wirtschaftsminister Altmaier bestätigt diese Befürchtungen. Auch er sieht die Autobranche in einem Umbruchprozess und zwar jenseits der Pandemie. Er sagte Ende April in Richtung der Automobilhersteller, dass bei diesem die “individuelle Mobilität ökonomisch und ökologisch nachhaltiger” werden müsse, wenn die Branche in der Zukunft bestehen will. Es komme darauf an, Autobauer “europaweit” dabei zu unterstützen. In diesem Prozess müsse auch erreicht werden, dass der CO2-Ausstoß durch den Verkehrssektor “deutlich in den nächsten Jahren sinkt”, so Altmaier. Ob die Branche allerdings den Absprung in die Zukunft schafft, steht trotz der Milliarden Euro schweren Finanzspritzen in den Sternen.   

Energie, oder was? Ob so oder so: Die Autobranche samt Zulieferern steht nicht alleine vor ihrem teilweise selbst verschuldeten Abstieg in den Hades. Sie wird gefolgt von den bekannten Erdöl- und Erdgas-Giganten. Diese entlassen derzeit weltweit Zehntausende ihrer Mitarbeiter und stellen nahezu komplett auf erneuerbare Energien um. Ein Grund: Der massive Rückgang des Bedarfs an fossilen Brennstoffen – unabhängig von Corona. Ob die Transformation allerdings gelingen wird, ist auch bei diesen Global Playern höchst fraglich, da sich die Energiegewinnung im Zuge von Industrie 4.0 systematisch dezentralisiert.

Finanzwirtschaft vor Revolution. Aber auch Branchen, die nicht direkt auf dem Transformations-Radar sind, werden sich komplett neu orientieren und strukturieren müssen. Oder auch sie werden gänzlich von der Bildfläche verschwinden, prognostiziert etwa der österreichische Zukunftsforscher Mario Herger im Zusammenhang mit dem Wandel der Automobilbranche. Dazu gehört etwa das Banken- und Versicherungswesen in seiner Gesamtheit.

Der Krieg der Währungen. An ganz anderer Stelle ist es auch fraglich, ob die auf Währungen wie dem US-Dollar oder dem Euro aufgebaute Finanzwirtschaft mit ihren Giganten in den nächsten Jahren überlebt. So hat beispielsweise China dieser Tage eine rein auf Digitalisierung und Bitcoins aufgebaute Weltwährung ins digitale Netz geworfen. Andere werden diesem Beispiel folgen und sich ebenfalls von den US- und Europa-Banken dominierten Finanzmärkten entkoppeln. Somit ist hier der Wettlauf um die Vormachtstellung beim Geldverkehr voll entbrannt.   

Kreditversicherungsmarkt angespannt

Es für immer mehr Unternehmen immer schwieriger, eine Kreditversicherungsdeckung zu bekommen. (Foto: Rainer Sturm / www.pixelio.de)
Es für immer mehr Unternehmen immer schwieriger, eine Kreditversicherungsdeckung zu bekommen. (Foto: Rainer Sturm / www.pixelio.de)

Ein Beispiel für die Betroffenheit der Finanz- und Versicherungswirtschaft hinsichtlich der Transformation, zeigt sich bei der Kreditversicherungswirtschaft. Vor dem Hintergrund der oben beschriebenen Szenarien wird es nämlich für immer mehr Unternehmen immer schwieriger, eine Kreditversicherungsdeckung zu bekommen. Solche Kreditversicherungen dienen generell der Absicherung von Lieferforderungen gegen Zahlungsausfälle. Seitens der österreichischen Kreditversicherer gibt es derzeit Deckungszusagen in Höhe von rund 56 Milliarden Euro, davon 39,2 Milliarden Euro für Exportgeschäfte und 16,8 Milliarden Euro für innerösterreichische Geschäfte. Ob diese Deckungszusagen vor dem Hintergrund der international erwarteten Insolvenzwellen und anderer Risiken noch haltbar sind, ist jedoch fraglich.

Und immer wieder Deutschland und Österreich. Diese Entwicklung auf dem Markt der Ausfallshaftungen bestätigt P. Androsch gegenüber blogistic.net: „Es gibt dabei derzeit drei Branchen, die bereits jetzt erhebliche Schwierigkeiten haben, neue Kreditversicherungsdeckungen zu bekommen: Im Tourismus, in der Luftfahrtindustrie und in der Automobilbranche.“ Spürbar betroffen sind in weiterer Folge zudem die in Österreich traditionell stark etablierten Zulieferer der Auto- und Luftfahrtindustrie.

Es gibt dabei derzeit drei Branchen, die bereits jetzt erhebliche Schwierigkeiten haben, neue Kreditversicherungsdeckungen zu bekommen: Im Tourismus, in der Luftfahrtindustrie und in der Automobilbranche.

Peter Androsch, GF A.C.I.C

Jetzt um Versicherungen kümmern. P. Androsch rät daher insbesondere Export-orientierten Unternehmen, sich bereits jetzt um eine Kreditversicherungsdeckung zu bemühen, wenn sie nicht bereits über eine solche verfügen. „Denn wenn die Insolvenzwelle bereits rollt, werden zahlreiche Lieferanten keine Deckungszusagen mehr bekommen. Das ist wie bei einem Haus, das bereits in Brand geraten ist, und für das man noch schnell eine Feuerversicherung abschließen möchte“, so der Experte abschließend.

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