INFRASTRUKTUR – Steiniger Weg in die Gigabit-Gesellschaft

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Gigabit-Gesellschaft: Europa gerät derzeit im Weltkonzert langsam ins Hintertreffen. (Foto: S. Hofschlaeger / www.pixelio.de)

Die EU, und mit ihr Deutschland, verpasst die gesteckten Breitband-Ziele auf dem Weg zur Gigabit-Gesellschaft. Warum das so ist, darüber gibt eine Studie der DB Research Auskunft. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Ein Knackpunkt ist jedoch das Festhalten an Kupfer-Technologien beim Breitband-Ausbau. Doch ohne den flächendeckenden Ausbau im Gigabit-Bereich werden Megatrends wie Industrie 4.0, autonomes Fahren und der demographische Wandel kaum zu bewerkstelligen sein. (Ein Bericht von CR Hans-Joachim Schlobach)

Die Digitalisierung steht auch in den kommenden zwölf Monaten für viele Unternehmen ganz weit oben auf der Agenda – denn viele Potenziale sind bisher noch nicht ausgeschöpft. Das geht aus einer Umfrage des Softwareherstellers Remira unter Führungskräften deutscher Unternehmen und Konzerne hervor. Mit 52 Prozent beurteilt die Mehrheit der Befragten den Digitalisierungsgrad im eigenen Unternehmen insgesamt als durchschnittlich. Mehr als zwei Drittel planen, in den nächsten Monaten weiter in Digitalisierungsprojekte zu investieren.

Die Unternehmenssicht der Dinge

Auffällig ist, dass der Digitalisierungsgrad der Unternehmensbereiche Logistik, Beschaffung, Vertrieb und Marketing, Lieferantenanbindung sowie Kundenkommunikation ganz unterschiedlich bewertet wird. Ihren Digitalisierungsgrad in den Bereichen Logistik und Beschaffung beschreiben immerhin 24 bzw. 31 Prozent als sehr hoch. Bei der Lieferantenanbindung trifft das nur auf zehn Prozent zu. Den Digitalisierungsgrad im Bereich Vertrieb und Marketing beurteilen sogar nur drei Prozent der Unternehmensvertreter als sehr hoch. Vor dem Hintergrund, dass 96 Prozent der Umfrageteilnehmer die Digitalisierung für das eigene Unternehmen als wichtig oder sogar essenziell beurteilen, verwundert es nicht, dass 69 Prozent in den nächsten Monaten weitere Investitionen in den Ausbau der digitalen Infrastruktur tätigen wollen. Dies ist mit hohen und größtenteils positiven Erwartungen verbunden: So rechnen zum Beispiel alle Befragten mit einer Optimierung ihrer Geschäftsprozesse.

Für den unzureichenden Infrastrukturausbau gibt es wirtschaftliche und politisch-regulatorische Gründe. (Eric Heymann, Kevin Körner, DB Research)

So weit, so gut. Die betriebsinternen Prozesse lassen sich damit mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verbessern. Doch wie sieht es mit der Realisierung von Plänen in Richtung Industrie 4.0 aus, welche weit über Unternehmensgrenzen hinweg eine gleiche Performance der Netzwerke benötigen wie in den Unternehmen selbst? Während betriebsintern leicht Bandbreiten im Gigabit-Bereich erzeugt werden können, ist man Europa-weit und auch Deutschland-weit noch lange nicht so weit. Dies zeigt eine jüngste Studie der DB Research in Frankfurt. Sie legt offen, wo die Knackpunkte im Eintritt ins Gigabit-Zeitalter und die Stolpersteine auf dem Weg in die Gigabit-Gesellschaft liegen. Gleichzeitig zeigt sie Risiken für die Wettbewerbsfähigkeit Europas insbesondere in den Bereichen Robotik, Industrie 4.0 und Automatisation. Hier laufen Europa und Deutschland Gefahr, durch eine mangelhafte Breitband-Infrastruktur in Deutschland und Europa von Mitbewerbern aus den USA und Asien überholt zu werden.

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Der Infrastrukturausbau mit entsprechenden Bandbreiten ist ein „Must have“, wenn man den demographischen Wandel bewältigen möchte. (Foto: Stephanie Hofschlaeger / www.pixelio.de)

Digitalisierung in Europa: Gefahr eines Rückfalls

Die Autoren der DB Research-Studie, Eric Heymann und Kevin Körner, sehen dabei Europa und europäische Unternehmen im Wettstreit um die Führerschaft in vielen digitalen Märkten gegenüber der Konkurrenz aus den USA und zunehmend auch Asien in einem großen Rückstand. Gerade hinsichtlich der Angebote der US-amerikanischen digitalen Ökosysteme erscheint deren Vorsprung den Autoren sogar uneinholbar groß. Und der Wettbewerb mit chinesischen Unternehmen soll dadurch erschwert und verzerrt sein, weil China heimische Märkte für digitale Anwendungen vor ausländischen Akteuren weitgehend abschottet und inländische Anbieter protegiert. Hinzu kommt, dass chinesische Unternehmen (nicht nur) im Bereich Robotik und Automation international auf Einkaufstour sind und auch hier staatlich unterstützt werden. Dagegen sind Übernahmen chinesischer Unternehmen durch ausländische Konkurrenten weitgehend ausgeschlossen. Und in der Tat: Im Rahmen der Strategie „Made in China 2025“ ist China bestrebt, auch auf diese Weise seine Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft in verschiedenen Schlüsseltechnologien zu verbessern und langfristig die globale Führungsrolle zu übernehmen.

Die Risiken für die Wirtschaft

In Sachen Digitalisierung sehen die DB Research-Autoren Europa konkret mit drei wesentlichen Risiken konfrontiert: Zum einen droht sich der Rückstand europäischer Unternehmen in jenen Kernbereichen des technologischen Wandels noch weiter zu vergrößern, wo sie den Anschluss gegenüber der US-amerikanischen und chinesischen Konkurrenz ohnehin schon fast verloren haben. Dies gilt vor allem in den Bereichen Plattformökonomie und digitale Ökosysteme. Zum anderen zeichnet sich auch bei der Entwicklung Künstlicher Intelligenz (KI) ein Kopf-an-Kopf Rennen vor allem zwischen den USA und China ab. Und das, obwohl hier der Wettstreit um die Pole-Position gerade erst begonnen hat. Europäische Unternehmen könnten schließlich dort überholt oder verdrängt werden, wo sie heute grundsätzlich gut positioniert und zum Teil führend sind, wie in der Robotik und Automation, bei Industrie 4.0, der vernetzten Mobilität oder modernen Energiesystemen usw.

Mehr als nur Infrastruktur. In welchem Umfang sich diese Risiken materialisieren, hängt nach Ansicht der Autoren u.a. von der Innovationskraft, Investitions- und Risikobereitschaft der Unternehmen, staatlicher (Förder-) Initiativen sowie vom regulatorischen Rahmen auf nationaler und internationaler Ebene ab. Gleichwohl bildet die digitale Infrastruktur eine notwendige, wenn auch nicht hinreichende Bedingung für die Entwicklung der europäischen Digitalwirtschaft und Industrie sowie der internationalen Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Europa. Gemeint sind dabei etwa Festnetz- und Mobilfunknetze, Antennen, Rechenzentren usw.

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Die digitale Infrastruktur ist eine notwendige Bedingung für die Entwicklung der europäischen Digitalwirtschaft und Industrie sowie der internationalen Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Europa. (Foto: Bernd Kasper / www.pixelio.de)

Digitalisierung als Transformationsgrundlage

„Eine unzureichend leistungsfähige und nicht flächendeckende Infrastruktur schränkt die Erfolgsaussichten europäischer und deutscher Unternehmen jedenfalls deutlich ein“, so die Prognose. Und tatsächlich: Breitbandausbau, also Glasfaser und 5G, und die damit verbundene hohe Übertragungsgeschwindigkeit, Volumen, Zuverlässigkeit und geringe Verzögerungszeiten, werden als Voraussetzung für die Vernetzung und Echtzeit-Kommunikation von physischen und virtuellen „Dingen“ gesehen. Die digitale Infrastruktur bildet damit eine Grundlage für die weitere Entwicklung in Kernbereichen der digitalen Transformation wie dem Internet of Things (IoT), Industrie 4.0, vernetzter Mobilität und Cloud-Diensten. Sie erlaubt erst den automatisierten und dezentralen Informationsaustausch von Maschinen, Geräten und Sensoren („Machine to Machine“ oder M2M). Und sie ist die Basis für die virtuelle Vernetzung und Steuerung weitgehend autonomer Fertigungs- und Wartungsprozesse in „intelligenten Fabriken“ (Smart Factories) der nahen Zukunft. Sie macht außerdem die verzögerungsfreie Kommunikation zwischen Fahrzeugen (Car2Car) sowie Fahrzeugen und Infrastruktureinrichtungen (Car2X) möglich. Genau das sind jedoch die Grundlagen des autonomen Fahrens und somit ganz neuer Verkehrssysteme. Darüber hinaus ebnet sie den Weg für ein breites Feld von zeit- und verzögerungssensitiven oder datenintensiven Anwendungsbereichen. Diese sind in der Medizin, der Energieversorgung, der virtuellen Realität in Beruf und Freizeit oder der Gestaltung von „Smart Cities“ angesiedelt.

Infrastrukturmängel hemmen

Dass die Prognosen für Europa und Deutschland keine Schwarzmalerei sind, belegen die Autoren der Studie mit anderen Untersuchungen. Laut einer aktuellen Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft sehen sich derzeit z.B. 28 Prozent der befragten Unternehmen durch Infrastrukturmängel im Kommunikationsnetz in ihren Geschäftsabläufen deutlich beeinträchtigt; weitere 44 Prozent sehen geringe Beeinträchtigungen. Im Jahr 2013 lagen diese Werte noch bei 15 Prozent bzw. 39 Prozent. Zählt man die deutlichen und geringen Beeinträchtigungen zusammen, wird das Kommunikationsnetz vor der Straßenverkehrsinfrastruktur von den Unternehmen unter allen Infrastrukturformen am stärksten bemängelt.

Für den unzureichenden Infrastrukturausbau gibt es wirtschaftliche und politisch-regulatorische Gründe. (Eric Heymann, Kevin Körner, DB Research)

Chancen für Privathaushalte. Eine nicht ausreichend leistungsfähige digitale Infrastruktur reduziert darüber hinaus die Chancen für private Haushalte gerade in ländlichen Gebieten, die aus der Digitalisierung resultieren können (Home Office, digitale Behörden, Gesundheits- und Bildungsdienstleistungen). „Insgesamt sollte eine leistungsfähige und flächendeckende digitale Infrastruktur genauso zu den Selbstverständlichkeiten einer modernen Gesellschaft zählen, wie eine funktionierende und effiziente Verkehrsinfrastruktur oder eine stabile Strom- und Wasserversorgung“, ist daher in der DB Research-Studie zu lesen.

Gigabit-Gesellschaft: Viel aber zu wenig getan

Dabei ist es ja nicht so, dass die Digitalisierung innerhalb der EU im Allgemeinen und in Deutschland im Besonderen nicht als oberstes Ziel erkannt worden wäre. Auch sind die Ziele hoch gesteckt. So formulierte die EU-Kommission ihr Ziel, bis 2020 jedem EU-Bürger einen 100 Mbit/s-Zugang zu ermöglichen. Und die jetzige deutsche Bundesregierung hat die „Gigabit-Gesellschaft“ im Koalitionspapier verankert.

Der Geist ist also willig, in der Umsetzung hapert es jedoch massiv. Warum? – E. Heymann und K. Körner liefern dazu gleich die Antwort: Für den unzureichenden Infrastrukturausbau gibt es wirtschaftliche und politisch-regulatorische Gründe. Dabei widmen sie sich jedoch einem zentralen Element: Der Fokussierung auf kupferbasierte Technologien etlicher etablierter Netzbetreiber wie die Deutsche Telekom und anderer in Europa, anstatt eines verstärkten Ausbaus von leistungsfähigeren Glasfasernetzen oder mangelnder Wettbewerb. Ferner haben (staatliche) Finanzierungsengpässe gerade in ländlichen Regionen, aber auch die geringe Nachfrage nach schnellen Internetanschlüssen den Ausbau bislang verzögert.

(Foto: Karl-Heinz Laube /www.pixelio.de)
Eine nicht ausreichend leistungsfähige digitale Infrastruktur reduziert die Chancen für private Haushalte gerade in ländlichen Gebieten, die aus der Digitalisierung resultieren können. (Foto: Karl-Heinz Laube /www.pixelio.de)

Die Folgen der Hemmnisse

Die Folgen insbesondere der Fokussierung auf Kupfer-Technologien sind vielfältig. So schmälert eine unzureichende digitale Infrastruktur mittel- bis langfristig die Erfolgsaussichten von Unternehmen beim Erschließen und Entwickeln digitaler Märkte und Anwendungen. Dies gilt nicht nur in den einzelnen Ökonomien selbst, sondern vor allem gegenüber der US-Konkurrenz. Und zunehmend mischen chinesischen Wettbewerber im Konzert mit. Die Prognose der Autoren für Europa ist daher beunruhigend: Europäische Unternehmen könnten nämlich dort angegriffen, überholt oder verdrängt werden, wo sie heute gut positioniert sind. Das sind etwa Bereiche wie Robotik und Automation, Industrie 4.0, vernetzte Mobilität usw. Gleichzeitig können Entwicklungen wie Industrie 4.0, Internet of Things (IoT) und das flächendeckende autonome Fahren ohne entsprechende Bandbreiten in der Fläche nicht realisiert werden. Und last but not least ist der Infrastrukturausbau mit entsprechenden Bandbreiten ein „Must have“, wenn man den demographischen Wandel bewältigen möchte. Dabei geht es nicht alleine darum, die Produktivität trotz dramatisch alternder Gesellschaft aufrecht zu erhalten, sondern auch um die würdevolle Bewältigung des Alltags betagter Menschen mit Hilfe von Technologien, welche entsprechende Bandbreiten benötigen.

Gigabit ein Muss

„Investitionen insbesondere in den Breitbandausbau sind daher erforderlich, damit die europäische Wirtschaft nicht den Anschluss an die großen Konkurrenzregionen in Amerika und Asien verliert“, appellieren die Autoren in ihrer Studie. Das wird es jedoch nicht zum Nulltarif geben. Die EU-Kommission schätzt hier vorsichtig das Investitionsvolumen für die angestrebte „Gigabit-Gesellschaft“ auf mehr als 500 Milliarden Euro bis 2025 in ganz Europa. Andere gehen von mehr aus. Dabei werden gerade in ländlichen Gebieten staatliche Zuschüsse besonders notwendig sein, wohingegen in Ballungszentren auch Unternehmen jenseits der „etablierten Netzwerkbetreiber“, in Deutschland also die deutsche Telekom, den Netzwerkausbau vorantreiben können. Dabei sollten jedoch nur gigabitfähige Technologien gefördert werden, empfehlen die Studienautoren Eric Heymann und Kevin Körner, denn in städtischen Gebieten seien auch Marktlösungen möglich.

Nachfrage wird steigen. In ihrer Studie gehen die Autoren davon aus, dass die Nachfrage nach schnellem Internet in den kommenden Jahren stetig steigen wird. Die wirtschaftlichen Risiken halten sich für die Netzbetreiber insofern in Grenzen. Gleichwohl dürften einzelne Kundengruppen vorerst mit weniger leistungsfähigen Verbindungen zufrieden sein, so die Einschätzung. Beim Streben nach einer flächendecken Versorgung sei jedoch zu beachten, dass dies nicht übermäßig auf Kosten anderer Kernbereiche der Digitalisierung geht, bei denen staatliche Förderung erforderlich ist. Gemeint ist etwa die Risikofinanzierung von Tech-Startups. Angesichts des expandierenden Datenvolumens sollte der Ausbau der digitalen Infrastruktur daher verstetigt und dynamisiert werden, so eine weitere Empfehlung.

Insgesamt sollte eine leistungsfähige und flächendeckende digitale Infrastruktur genauso zu den Selbstverständlichkeiten einer modernen Gesellschaft zählen, wie eine funktionierende und effiziente Verkehrsinfrastruktur oder eine stabile Strom- und Wasserversorgung. (Eric Heymann, Kevin Körner, DB Research)

Chancen für Kooperationen. „Durch geeigneten Zuschnitt der Fördergebiete können Größenvorteile erzielt werden“, heißt es in der Studie im Hinblick auf Wirtschaftlichkeitsbedenken. Dies gelte auch für Kooperationen, vom Tiefbau bis zur gemeinsamen Nutzung der Netze. Der Regulierer habe hier jedoch dafür zu sorgen, dass Kooperationen den Wettbewerb nicht behindern. Eine Subventionierung der Nachfrage nach schnellem Internet lehnen die Autoren jedoch aus marktwirtschaftlichen Gründen ab.

Kupfer-Technik als Zukunftshemmer

Wie oben bereits erwähnt, sehen es die Autoren der Studie kritisch, wenn etablierte Netzbetreiber in Europa beim Ausbau der Breitband-Infrastruktur auf Kupferkabeln basierte Technologien fokussieren. Zwar räumen die Autoren ein, dass ertüchtigte, aber nicht gigabitfähige Kupfernetze noch einige Jahre als Konkurrenz zu (neuen) Glasfaserleitungen bestehen werden. Sie sehen jedoch in Glasfaserkabeln die Zukunft und Kupferkabel geradezu als Hemmschuh auf dem Weg in die angestrebte Gigabit-Gesellschaft. Sie verweisen dabei auf den jüngsten Bericht des Europäischen Rechnungshofes, der einige Länder, darunter auch Deutschland, hinsichtlich ihres Fortschritts beim Breitbandausbau untersucht hat. So äußert sich der Rechnungshof zum Fall Deutschland: „Um die Leistungsfähigkeit der Infrastruktur zu verbessern, habe der etablierte Betreiber (Anm.d.Red.: Deutsche Telekom), toleriert von der Politik, vor allem die bereits existierenden Leitungen auf Kupferbasis ertüchtigt, statt in größerem Umfang auf neue Glasfaserkabel umzusteigen. Mit der sogenannten Vectoring-Technologie ist es möglich, die Übertragungsgeschwindigkeiten von Kupferleitungen auf 60 bis 100 Mbit/s zu erhöhen; perspektivisch könnten sogar mehr als 100 Mbit/s erzielt werden.“

Vectoring nur kurzfristig vorteilhaft. Der Vorteil von Vectoring (oder allgemein einer Ertüchtigung des bestehenden Kupfernetzes) liegt in den deutlich niedrigeren Kosten gegenüber dem Aufbau einer neuen Infrastruktur, z.B. auf Basis von Glasfaser- oder Koaxialkabeln. Insofern ist diese Strategie aus Sicht der Deutschen Telekom und anderer etablierter Netzbetreiber in Europa nachvollziehbar. Nicht nur der Europäische Rechnungshof kritisiert an der Vectoring-Technologie jedoch, dass die Übertragungsgeschwindigkeit mit der Zahl der Nutzer sinkt und dass Vectoring eher eine kurzfristige Lösung ist, denn deutlich höhere Geschwindigkeiten sind hiermit nicht möglich.

Vectoring schränkt Wettbewerb ein. Der Weg in die Gigabit-Gesellschaft wird somit durch das Setzen auf die Kupfer-Infrastruktur regelrecht verbaut, oder, wie es die Autoren der DB Research-Studie formulieren: „Im Klartext bedeutet dies, dass Deutschland sein Ziel verfehlen wird, bis 2025 ein flächendeckendes Gigabit-Netz zu installieren, wenn Vectoring eine dominierende Technologie bleibt.“ Neben diesen Argumenten bezüglich Leistungsfähigkeit liegt außerdem noch ein weiterer Nachteil von Vectoring darin, dass der physische Zugang auf der letzten Meile, also beim Zugang zum Endkunden, grundsätzlich nur für einen Anbieter möglich ist. „Ohne regulatorischen Eingriff kann dies den Wettbewerb stark einschränken“, warnen E. Heymann und K. Körner. Nicht zuletzt deshalb stoßen die Vectoring-Maßnahmen der Deutschen Telekom bis heute auf Kritik seitens kommunaler Verbände und Wirtschaftsverbände.

VULA unzureichend. Letztlich wird das skizzierte Wettbewerbsproblem in Deutschland durch ein sogenanntes „virtuell entbündeltes lokales Zugangsprodukt“ (VULA) teilweise gelöst. Bei dieser Lösung waren EU-Kommission und Bundesnetzagentur eingebunden. Beim VULA muss die Deutsche Telekom ihren Wettbewerbern gegen Entgelt virtuell einen ähnlichen Zugang zum Endkunden ermöglichen, wie er bei physischem Netzzugang zur Kupferleitung zustande gekommen wäre. Trotz dieser Regelung berichtet der Europäische Rechnungshof jedoch, dass Wettbewerber der Deutschen Telekom und anderer etablierten Anbieter Europas häufig lieber dazu tendieren, eigene Glasfasernetze zu bauen, weil diese leistungsfähiger sind und sie so Wettbewerbshemmnissen ausweichen können. Wenn jedoch jeder sein eigenes Süppchen kocht, verzögert sich der Gang in die Gigabit-Gesellschaft dennoch erheblich. Dass sich die Deutsche Telekom lange Zeit darauf fokussiert hat, das bestehende Kupfernetz zu optimieren, statt konsequenter in die Glasfasertechnologie zu investieren, ist für viele Marktbeobachter daher ein wesentliche Grund für den langsamen Ausbau der Breitbandkapazitäten insbesondere in Deutschland.

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Politische Parteien kritisieren ebenfalls die wettbewerbspolitischen Rahmenbedingungen bei der Bereitstellung digitaler Infrastruktur. (Foto: escapechen / www.pixelio.de)

Deutsche Telekom in der Kritik

Bei derartigen wettbewerbspolitischen Aspekten setzt nicht zuletzt in Deutschland die Kritik am etablierten Netzbetreiber an, wie sie u.a. wirtschaftliche Konkurrenten, Wirtschaftsverbände, politische Parteien oder Forschungsinstitute geäußert haben oder bis heute äußern. Zu den Kritikpunkten zählt wie bereits erwähnt, dass der Zugang zum Netz der Deutschen Telekom nicht diskriminierungsfrei möglich sei und es sich (in Abhängigkeit von der Kundenstruktur) nicht lohne, parallel zum existierenden ein zusätzliches Netz aufzubauen. Beispielsweise berichtet der EU-Rechnungshof für Irland über Beschwerden von Konkurrenten des dortigen etablierten Netzbetreibers, die sich auf den Netzzugang sowie die hierfür verlangten Preise bezogen. Für Deutschland notiert der Hof Beschwerden über die Regulierung der Vectoring-Technologie (inklusive VULA), die sich negativ auf die Art der Dienste auswirke, die alternative Betreiber selbst anbieten können.

Kritik der Wirtschaft. Auch der DIHK verwies in der Vergangenheit auf wettbewerbspolitische Aspekte, die den Ausbau der digitalen Infrastruktur bremsen. So führte der DIHK 2016 aus, dass ein privatwirtschaftlicher Anbieter kein Netz (neu) aufbauen werde, „wo vorher das bestehende Kupfernetz weiter regulatorisch zementiert wird“. Ein Ausbau der Glasfasernetze würde auch deshalb nicht (schnell genug) erfolgen, weil das politische Ziel einer Übertragungsgeschwindigkeit von 50 Mbit/s auch mit ertüchtigten Kupfernetzen erreicht werden könne. Insgesamt fehle es laut DIHK an Investitionsanreizen für Glasfaseranschlüsse.

Breitband als Politikum. Politische Parteien kritisieren ebenfalls die wettbewerbspolitischen Rahmenbedingungen bei der Bereitstellung digitaler Infrastruktur. Beispielsweise bemängeln die Grünen in einer jüngsten Stellungnahme, dass die Deutsche Telekom zwar viele Ausschreibungen des Bundesförderprogramms für den Breitbandausbau gewinne, sich aber zugleich vertraglich zusichern lasse, mit dem tatsächlichen Ausbau bis zu drei Jahre warten zu können. Die FDP kritisiert ganz grundsätzlich die kapitalmäßige Beteiligung des Bundes und damit die staatliche Einflussnahme auf den etablierten Anbieter. Diese führe zu Zielkonflikten, u.a. weil der Staat Miteigentümer eines Unternehmens ist, dass er zugleich z.B. in Sachen Netzzugang regulieren muss. Daher plädiert die FDP für eine vollständige Privatisierung der Deutschen Telekom. Schließlich sind auch aus Kundensicht wettbewerbspolitische Aspekte relevant. Der EU-Rechnungshof berichtet z.B. für Deutschland von Schwierigkeiten beim Anbieterwechsel. Zudem verweist er auf Überprüfungen, nach denen nur ein kleiner Teil der Kunden die vertraglich vereinbarte Übertragungsgeschwindigkeit auch tatsächlich erhalten hatte.

Eine unzureichend leistungsfähige und nicht flächendeckende Infrastruktur schränkt die Erfolgsaussichten europäischer und deutscher Unternehmen jedenfalls deutlich ein. (Eric Heymann, Kevin Körner, DB Research)

Vectoring als Wettbewerbsminderer

„Um den Weg in eine Gigabit-Gesellschaft zu ermöglichen, sollte die öffentliche Hand konsequenterweise nur noch gigabitfähige Technologien fördern, im Festnetzbereich also im Wesentlichen die Glasfasertechnologie“, empfehlen daher die Autoren der DB Research-Studie. Dennoch dürfte in den kommenden Jahren die Konkurrenz zwischen Kupfer und Glasfaser bestehen bleiben. Dies gilt vor allem für jene Länder Europas, in denen ein Kupfernetz existiert und so ausgestaltet ist, dass ein Upgrade über Vectoring technologisch möglich ist. Dies trifft z.B. auf Deutschland zu. Hier kritisieren private Netzbetreiber regelmäßig auch die Deutsche Telekom, dass diese gerade in jenen Gebieten das eigene Kupfernetz ertüchtigt, wo ein privater Konkurrent den Glasfaserausbau gerade abgeschlossen, begonnen oder neu geplant hat. Durch dieses „Überbauen“ existierender oder gerade entstehender Glasfasernetze durch Vectoring fällt es dem privaten Anbieter deutlich schwerer, die Investitionskosten in die Glasfasernetze zu amortisieren. Denn ein Teil der Kunden in den betreffenden Gebieten wird sich für einen ertüchtigten Kupferanschluss entscheiden, der zwar eine geringere Übertragungsgeschwindigkeit bietet, dafür aber in der Regel kostengünstiger als ein Glasfaseranschluss ist. Die Kritik richtet sich damit auch indirekt an die deutsche Bundesregierung, und zwar als Mit-Eigentümer des etablierten Anbieters, die ein solches Vorgehen toleriert.

Vectoring einschränken?

Trotz aller Kritik: Die Ertüchtigung des eigenen Kupfernetzes sowie der entsprechenden Hausanschlüsse ist aus Sicht des etablierten Anbieters nachvollziehbar. Denn es erhöht die Möglichkeit, Kunden mit vergleichsweise wenig Aufwand zu halten, die ohne den Ausbau eher zum neuen Anbieter von Glasfaseranschlüssen wechseln würden. Aus Regulierungssicht ergibt sich daraus jedoch ein Dilemma. Einerseits wird nämlich mit dem Ertüchtigen der Kupfernetze das politische Ziel der Gigabit-Gesellschaft konterkariert. Flächendeckende Gigabit-Netze werden durch Vectoring also nicht erreicht. Andererseits erhöht sich der Wettbewerb, wenn die Kunden zwischen Anschlüssen auf Kupferbasis (nach Vectoring) und Glasfaseranschlüssen wählen können.

Gesetzliche Eingriffe nicht akzeptabel. Eine Möglichkeit, hier Abhilfe zu schaffen, böte die Möglichkeit des Gesetzgebers, den Einsatz von Vectoring per Gesetz einzuschränken. Die Autoren der DB Research-Studie lehnen das jedoch ab. Ein Verbot von Vectoring bedeute nämlich „einen massiven regulatorischen Markteingriff, der ordnungs- und wettbewerbspolitisch kaum zu rechtfertigen wäre.“ Statt eine Technologie zu verbieten, die mittel- bis langfristig nicht leistungsfähig genug ist, schlagen sie daher eine ausschließliche Förderung gigabitfähiger Infrastrukturen an.

Fördern und weniger Bürokratie

Die neue Förderrichtlinie der Bundesregierung zum Ausbau der Breitbandnetze, die im Juli 2018 vorgestellt wurde, greift dies auch tatsächlich auf. Danach ist eine Förderung grundsätzlich nur dann möglich, wenn allen Teilnehmern (Kunden) im Fördergebiet zuverlässig eine Bandbreite von 1 Gbit/s gewährleistet wird. Damit wird das Ziel aus dem Koalitionsvertrag der aktuellen Bundesregierung bestätigt, dass öffentliche Mittel nur für Fördergebiete gewährt werden, in denen mit Glasfasertechnologie ausgebaut wird. Die Förderrichtlinie sieht ferner ein „Technologie-Upgrade“ vor, nach dem Kommunen, die vor Ort bislang auf Kupfertechnologie gesetzt haben, das betreffende Projekt bis Ende des Jahres noch auf Glasfasertechnologie umstellen können. Die Fördermittel des Bundes werden hierfür aufgestockt.

Glasfaser forcieren. Bezüglich der Konkurrenz zwischen Kupfer und Glasfaser ist ferner interessant, dass die Fördersummen für glasfaserbasierte Projekte im Nachhinein angehoben werden können. Und zwar dann, wenn deren wirtschaftliche Tragfähigkeit durch nachträgliche Überbaumaßnahmen auf Kupferbasis (Vectoring) zu unerwarteten Einnahmeausfällen führt und damit infrage gestellt wird. Dies dürfte die Investitionsbereitschaft für Glasfaserprojekte auch für den etablierten Netzbetreiber erhöhen und könnte das Überbauen mit Vectoring zurückdrängen. Nachteilig fallen jedoch die daraus resultierenden höheren Kosten ins Gewicht. „Insgesamt zielen die genannten Maßnahmen aus der Förderrichtlinie darauf ab, die Glasfasertechnologie zu begünstigen, ohne Vorhaben auf Kupferbasis komplett zu verbieten. Dies ist ein vertretbarer Kompromiss“, sind E. Heyman und K. Körner überzeugt.

Um den Weg in eine Gigabit-Gesellschaft zu ermöglichen, sollte die öffentliche Hand konsequenterweise nur noch gigabitfähige Technologien fördern, im Festnetzbereich also im Wesentlichen die Glasfasertechnologie. (Eric Heymann, Kevin Körner, DB Research)

Bürokratie abbauen. Die Förderrichtlinie verfolgt zudem das Ziel, den Breitbandausbau zu beschleunigen. Dazu sollen einige bürokratische Hürden abgebaut werden. Wenn Kommunen künftig einen Antrag auf Förderung stellen möchten, reicht es beispielsweise aus, die Förderfähigkeit für das beantragte Gebiet mit dem Ergebnis des Markterkundungsverfahrens nachzuweisen. Ein Wirtschaftlichkeitsvergleich zwischen Wirtschaftlichkeitslücken- und Betreibermodell ist nicht mehr nötig, um die Entscheidung für das jeweils gewählte Modell zu begründen. Ferner ist eine detaillierte Finanzierungsplanung bei Antragstellung nicht mehr erforderlich; es reicht stattdessen eine vorläufige Schätzung des Förderbedarfs. Nicht zuletzt wird der Höchstbetrag je Förderprojekt von 15 auf 30 Millionen Euro erhöht.

Kommunen entlasten. Mit diesen Maßnahmen dürfte der Breitbandausbau tatsächlich beschleunigt werden. Denn gerade kleinere Kommunen waren in der Vergangenheit mit den bürokratischen Anforderungen überfordert. Die großzügigere Ausgestaltung des Förderprogramms inklusive der geringeren regulatorischen Erfordernisse dürfte im Einzelfall jedoch zu Überförderungen führen. Dieser Trade-off zwischen Genauigkeit und Schnelligkeit lässt sich aber letztlich niemals gänzlich lösen. Natürlich sollte der Regulierer darauf achten, dass der Ausbau der digitalen Infrastruktur zeitnah nach Zusage der Förderung auch tatsächlich erfolgt.

Ein steiniger Weg

Die EU und Deutschland bemühen sich, die Gigabit-Gesellschaft in den nächsten Jahren zu realisieren. Dennoch ist absehbar, dass sie ihre ambitionierten Ziele zum Ausbau der digitalen Infrastruktur verfehlen, wie die DB Research-studie belegt. Auch der Weg in die angestrebte Gigabit-Gesellschaft bis 2025 ist noch sehr steinig. Dennoch sollte er beschleunigt werden, sollte Europa seine Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den USA und Asien in Kernindustrie behalten wollen. Denn es sind entsprechende Bandbreiten notwendig, um Megatrends wie Industrie 4.0, autonomes Fahren oder den demographischen Wandel bewältigen zu können.

Die vollständige Studie der DB research finden Interessenten im Internet unter www.dbresearch.de