HANDEL – Chancen abseits von CETA und TTIP

Während die Provinzpolitiker und Globalisierungsgegner der EU dabei sind, jahrelang ausgehandelte Handelsverträge wie CETA und TTIP zu Fall zu bringen, schaffen Staaten wie die VR China entlang der Seidenstraße Fakten. Unter dem Label OBOR treibt die VR China den Handel an. Dabei können sich Europas Unternehmen aus Industrie und Logistik sowie Investoren bei der Entwicklung rohstoffreicher Zukunftsmärkte mit ihrem Knowhow und Geld einklinken – und werden dabei von Peking aktiv unterstützt. Ein Bericht von Hans-Joachim Schlobach

Europa ist einmal mehr vor allem mit sich selbst beschäftigt. Derzeit sind nämlich europäische Globalisierungsgegner mehr oder weniger erfolgreich dabei, jahrelang ausverhandelte und zur Unterschrift reife Handelsverträge zwischen der EU, Kanada und den USA zu Fall zu bringen. So gelang es dieser Tage ein paar Provinzpolitikern wie denen aus dem französischsprachigen Teil Belgiens, der Wallonie, den mit Kanada ausverhandelten Vertrag CETA temporär zu stoppen. Dabei ist es bei dieser Provinzposse nicht einmal um CETA an sich gegangen. EU-Ratspräsident Donald Tusk sagte am 21. Oktober bei einer Pressekonferenz nach dem vorläufigen Scheitern der CETA-Einigung durch die Regierungschefs: „Wir haben es nicht mit einem formalen Problem rund um CETA zu tun, sondern mit einer rein innenpolitischen Angelegenheit Belgiens.“ Andere Beobachter bestätigten das und gehen davon aus, dass der sozialistische Premier der Wallonie, Paul Magnette, mit seiner CETA-Blockade das von Premier Charles Michel im Rahmen seiner Mitte-rechts-Koalition ausgehandelte Sparbudget für 2017 blockieren möchte, um so finanzielle Zugeständnisse für die Wallonie zu erzwingen. Und andere meinen, dass das wallonische Provinzparlament in Namur sich außerdem dagegen quer legte, dass Ch. Michel eine Koalition mit belgischen Nationalisten eingegangen ist.

Wir haben es nicht mit einem formalen Problem rund um CETA zu tun, sondern mit einer rein innenpolitischen Angelegenheit Belgiens. Donald Tusk, EU-Ratspräsident

Ob so oder so: P. Magnette und die Parlamentarier der Wallonie setzen damit bewusst und offenbar bedenkenlos die Glaubwürdigkeit ganz Belgiens und der EU auf’s Spiel. Kanadas Ministerpräsident Justin Trudeau brachte dies gegenüber den Medien verärgert auf dem Punkt: „Wenn sich zeigt, dass Europa unfähig ist, einen fortschrittlichen Handelspakt mit einem Land wie Kanada abzuschließen, mit wem glaubt Europa dann, noch in kommenden Jahren Geschäfte machen zu können?“ – Nach zähem Ringen hat die Wallonie unter P. Magnette den Weg für CETA frei gemacht und der belgischen Zentralregierung grünes Licht gegeben, dass CETA zumindest vorläufig in Kraft treten kann. Damit das Handelsabkommen jedoch vollständig wirksam ist, bedarf es der Ratifizierung von 27 nationalen Parlamenten, GB ist hier nach dem Brexit-Votum schon nicht mehr mit dabei. CETA ist also noch lange nicht durch, die Risiken eines Scheiterns sind als noch vorhanden. Die Folgen dafür wären jedoch fatal: Für Europas Exportwirtschaft bedeutet ein Scheitern von CETA und in weiterer Folge von TTIP, dass bestehende Handelshemmnisse auf Dauer nämlich nicht mehr abgebaut werden können. Gleichzeitig nimmt die Wettbewerbsfähigkeit der EU gegenüber anderen Regionen wie Asien mit der VR China und Südamerika ab. Denn diese Regionen verfügen teilweise bereits über ähnliche Handelsabkommen mit den USA und Canada. Sie wollen damit die eigene Entwicklung fördern und so gegenüber den Industrienationen ökonomisch aufschließen und zudem politischen Einfluss in der Welt zu gewinnen.

Handel: Globalisierung ist unaufhaltsam

Wie ernst das beispielsweise der VR China ist, seine ökonomische aber auch politische Stellung zu verbessern, zeigt sich etwa an der Initiative des Chinesischen Staats-Chefs Xi jinping, OBOR (OBOR = One Belt, One Road). Dabei geht es Xi Jinping vor allem darum, die sechs großen Wirtschaftskorridore in Eurasien auszubauen. Hierbei sollen teilweise gigantische Infrastrukturprojekte die Lücken in den Transportnetzen schließen, aber auch die Versorgung der Regionen entlang der Wege verbessern. Künftig soll beispielsweise die Seidenstraße im Rahmen dieser Initiative ein Netz aus Bahnstrecken, Straßen, Pipelines und Logistikzonen bekommen. Damit soll der Zugang zu rund der Hälfte der Erdbevölkerung und drei Vierteln der bekannten Energievorkommen gesichert werden.

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OBOR ist die Idee Chinas, wie der Welthandel wieder angetrieben werden soll und versteht sich als Stabilitätsprojekt: Stabilität durch Handel. | Foto: Fotomanufaktur JL, Fotolia

Ausbau des Gütertransports. In diesem Zusammenhang fand im Frühjahr 2016 in der turkmenischen Hauptstadt Aschgabat auch ein trilaterales Treffen der Eisenbahnminister Turkmenistans, Kasachstans und Irans statt. Im Mittelpunkt der Gespräche stand der Ausbau des Gütertransports über die Schienenstrecke Kasachstan – Turkmenistan – Iran, und zwar aus Russland und einer Reihe europäischer Staaten. Ein weiterer Tagesordnungspunkt war die Organisation von Containertransporten aus China über Kasachstan und Turkmenistan nach Iran.

Brückenfunktion Turkmenistan. Zuvor war zu vernehmen, dass Turkmenistan seine Position als wichtiger Knotenpunkt für den regionalen und kontinentalen Transitgüterverkehr stärken will. Darauf deutete z.B. die Inbetriebnahme der neuen Eisenbahnlinie Uzenj – Gygzyglgaja – Bereket – Etrek – Gorgan (Kazachstan – Turkmenistan – Iran) im Dezember 2014 hin. Der Nord-Süd-Korridor soll die Transitverbindung zwischen Westeuropa bzw. Russland und den Anrainerstaaten des Persischen Golfs, des Indischen Ozeans bzw. südostasiatischen Staaten über Iran sicherstellen und zielt als Alternative zum Seeweg über den Suezkanal zielt v.a. auf internationale Containergütertransporte ab.

Immerhin umfasst OBOR über 60 Staaten, von denen die Meisten Entwicklungsländer oder Schwellenländer sind. Zudem lebt in dieser Region rund 75 Prozent der gesamten Weltbevölkerung. Gao Xingle, Botschaftsrat für Wirtschaft und Handel, Botschaft VR China in Österreich

Finanzierung aus China. Grundlage des von der VR China unterstützten Projekts ist ein 2007 von Turkmenistan, Iran und Kasachstan ratifiziertes Abkommen. Nach vorläufigen Prognosen werden anfangs jährlich drei bis fünf Millionen Tonnen Fracht über die Strecke transportiert werden, auf lange Sicht soll das Transportvolumen bis zu zwölf Millionen Tonnen pro Jahr betragen. Unterstützt wird das Projekt von der Asiatischen Entwicklungsbank und der Islamischen Entwicklungsbank, die den finanziellen Part in der OBOR-Strategie abdecken.

Chance für Investoren

Obgleich ein Scheitern von CETA und TTIP die Position des europäischen Wirtschaftsraumes und damit die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Unternehmen in der Welt schwächt, könnte die OBOR-Initiative von Staatschef Xi Jinping wenigstens für Europas Export- und Logistikwirtschaft ein Chance sein, an der wirtschaftlichen Entwicklung Zentralasiens und Asiens zu partizipieren. „Immerhin umfasst OB/OR über 60 Staaten, von denen die Meisten Entwicklungsländer oder Schwellenländer sind. Zudem lebt in dieser Region rund 75 Prozent der gesamten Weltbevölkerung“, sagt Gao Xingle, Botschaftsrat für Wirtschaft und Handel chinesischen Botschaft in Österreich gegenüber BLOGISTIC.NET. Befragt danach, welchen Hintergrund die Initiative von Staatschef Xi Jinpings hat, antwortete X. Gao: „OBOR ist die Idee Chinas von der Entwicklung der Weltwirtschaft in Partnerschaft.“ Somit sei OB/OR eine Chance letztlich für alle, nicht nur die Weltwirtschaft weiter zu entwickeln und Wohlstand aufzubauen, sondern auch um wirtschaftliche und politische Stabilität aufzubauen und zu entwickeln. Bei einem derzeit aufgebrachten Gesamtfinanzierungsvolumen von über einer Billion US-Dollar ist OBOR somit auch das größte Entwicklungshilfeprojekt der Welt. Insgesamt hat China allerdings angekündigt, bis zum Jahr 2049 vier Billionen US-Dollar in OBOR-Staaten investieren zu wollen. Dann soll die Volksrepublik eine Industrienation sein, so der eigentliche Plan.

LKW Gebrüder Weiss
Kasachstan: Österreichs ältestes Transportunternehmen, Gebrüder Weiss, ist schon seit zwei Jahrzehnten mit dem asiatischen Raum verbunden. | Foto: Gebrüder Weiss

Die Kassen sind gefüllt. Finanziert wird das Ganze über den sogenannten Seidenstraßen-Fonds, die Bank of China, die China Development Bank, die CITIC Group, die Asiatische Infrastrukturinvestmentbank (AIIB) sowie die New Development Bank BRICS (NDB BRICS). Dort können sich auch Investoren andocken, welche sich an Investitionen beteiligen wollen. Auch österreichische Unternehmen sind dabei willkommen. „Wer sich informieren möchte, kann sich dabei entweder an die Botschaft der VR China in Österreich direkt wenden, oder auch an die OBOR-Vertretung in Österreich“, weist X. Gao darauf hin. Dort bekommen Interessenten aber auch Auskunft darüber, welche aktuellen Projekte es gibt. Aber auch das Beratungs- und Consultingunternehmen Xvise in Lauterach präsentiert sich als Anlaufstation für nationale und internationale Interessenten.

Die Pionierarbeit hat Paul Senger-Weiss geleistet, der den chinesischen Markt für Gebrüder Weiss vor Jahrzehnten erschlossen hat. Wolfgang Niessner, CEO Gebrüder Weiss

Logistiker sind Vorreiter

Mittlerweile sind bereits einige österreichische Unternehmen entlang der Seidenstraße aktiv, ohne allerdings direkt von OBOR motiviert worden zu sein. Eines davon ist Österreichs ältestes Transportunternehmen, Gebrüder Weiss. Die renommierte Spedition mit Sitz in Lauterach (Vorarlberg) ist schon seit zwei Jahrzehnten stark mit dem asiatischen Raum verbunden. „Die Pionierarbeit hat dabei Paul Senger-Weiss geleistet, der den chinesischen Markt für das Unternehmen schon vor Jahrzehnten erschlossen hat“, sagt Wolfgang Niessner, CEO des österreichischen Logistikkonzerns.

Systematischer Ausbau. Seither hat Gebrüder Weiss sein Logistiknetzwerk entlang der Seidenstraße systematisch ausgebaut. Zu diesem Zweck hat das Logistikunternehmen auch die Spedition Far Freight, die seit Anfang 2014 zum Konzern gehört, in ein Kompetenzzentrum „Gebrüder Weiss East plus“ umgewandelt. In der Wiener Niederlassung sind dafür rund 20 Mitarbeiter zuständig. Zuletzt haben die Vorarlberger im vergangenen Frühjahr die Zweigniederlassungen der Spedition Brockmüller in Almaty, Kasachstan, gekauft. Mit dem neuen Standort im Süden Kasachstans schließt das Transportunternehmen eine geographische Lücke zwischen Europa und China auf dem Landweg.

Gut beraten. Aber auch mit Xvise, dem Beratungsunternehmen des Konzerns, unterstützt das Unternehmen gemeinsam mit OBOR Austria Interessenten, robuste Strategien für China zu entwickeln, und sie operativ umzusetzen. Das ist notwendig, denn Unternehmen, die auf der Landroute zwischen Wien und Peking erfolgreich sein wollen, benötigen nicht nur einen langen Atem. Genauso wichtig sind entsprechenden Netzwerke sowie Marktwissen, ist man in Lauterach überzeugt.

(Foto: Jerzy / pixelio.de)
Rawalpindi (Pakistan): OBOR umfasst über 60 Staaten, von denen die Meisten Entwicklungsländer wie Pakistan oder Schwellenländer sind. (Foto: Jerzy / pixelio.de)

Chancen selbst bewahren

Ob solche Initiativen jedoch ausreichen werden, ein mögliches Scheitern von CETA und TTIP zu kompensieren und die globale Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen dauerhaft zu sichern, ist fraglich. Das Gegenteil dürfte wahrscheinlicher sein: Sollten Europas Provinzpolitiker und Globalisierungsgegner eine Einigung über CETA und TTIP endgültig verhindern, dürften China und die USA künftig die Vorgaben für Handelsabkommen machen – und die europäischen Staaten kein Wörtchen bei der Entwicklung von Handels- und Produktstandards mehr mitzureden haben. Die Auswirkungen auf Unternehmen aus Europa sind daher nicht absehbar. Es dürfte für Europas Unternehmen darum sinnvoll sein, sich intensiv im Umfeld von OB/OR zu engagieren, um sich wenigstens auf der B2B-Ebene die angebotenen Chancen im globalen Wettbewerb zu wahren.

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obor.at

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