FASHION-LOGISTICS – jeder wird zum E-Tailer

(Foto: Charles Yunck)
W. Ahrens: „Die automatisierte Distributionslogistik in der Fashion-Branche holt auf.“ (Foto: Charles Yunck)

Dipl.-Ing. Winnie Ahrens, Senior Sales Manager SDI Group (heute Dematic), im Gespräch mit CR Hans-Joachim Schlobach über den Wandel der Fashion-Branche und welche Auswirkungen dieser auf die Fashion-Logistics und deren Distributionszentren hat.

BLOGISTIC.NET: Die Nachfrage nach Distributionslösungen für den Fashion-Bereich und Fashion-Logistics scheint zu boomen. Oder täuscht der Eindruck?
Ahrens: Der Eindruck ist richtig und aus unserer Sicht hat das einen Grund: Die Veränderungen der Märkte insbesondere in Richtung E-Commerce. Früher hatten die Retailer ihre Filialen und so ihre Waren auf den Markt gebracht. Das hatte den Vorteil, dass sie ihre Angebote und deren Mengen besser planen und die Distribution besser steuern konnten. Das ganze Internet-Retailing hat jedoch zu einer starken Dynamisierung der Märkte gerade in der Fashion-Branche geführt und die Fashion-Industrie massiv gepusht. Gleichzeitig verändert es die Strukturen der Distribution. Nahezu jeder Retailer wandelt sich mittlerweile auch zu einem E-Tailer. Und das ist mit völlig neuen Herausforderungen verbunden.

BLOGISTIC.NET: Was sind denn aus Ihrer Sicht die Herausforderungen für die Fashion-Logistics, die mit E-Tailing verbunden sind?
Ahrens: Es genügt ja nicht, einfach nur im Internet präsent zu sein, sondern der ganze Außenauftritt des Unternehmens muss neu überdacht werden. Die Systeme dahinter müssen darauf hin ausgerichtet werden. Das bedeutet für viele Unternehmen, dass sie sich in vielen Bereichen komplett neu erfinden müssen. Da bleibt kein Stein auf dem anderen. Und hier kommen natürlich auch wieder die Dienstleister ins Spiel, welche die Logistik und das entsprechende Knowhow dafür haben.

BLOGISTIC.NET: Welche Rolle spielt in diesem Kontext die Dematic (Anm.Red.: Vormals SDI Group Europe)?
Ahrens: Wir sind sehr fashionlastig, d.h. wir sind Lieferanten für Materialfluss-Systeme für die Fashion-Branche. 90 Prozent der Anlagen, die wir installieren, sind auf diese Branche ausgerichtet. Im Wesentlichen handelt es sich dabei um Förder- und Sortieranlagen für hängende und liegende Bekleidung mit allem, was dazu gehört wie Software und IT-Lösungen. Wir sind ein Systemintegrator mit eigener Produktpalette. Und deswegen werden wir auch häufig angesprochen, wenn es um die Planung und Realisierung neuer Logistikzentren geht.

BLOGISTIC.NET: Als Job-Student arbeitete ich ein paar Mal in einem Fashion-Distributionszentrum. Die Fashion-Logistics war dort manuell gesteuert und ich weiß, dass viele, auch große Fashion-Unternehmen, vielfach noch manuell arbeiten …
Ahrens: Die automatisierte Distributionslogistik ist in dieser Branche in der Tat noch in vielen Bereichen manuell, Herr Schlobach. Das geht, wenn Unternehmen eine überschaubare Filialbelieferung mit kleinen, planbaren Mengen betreiben und dabei bleiben. Mit dem Einstieg ins E-Commerce-Geschäft, wo die Bestellungen auf Losgröße 1-Niveau liegen, jedoch jede Bestellung mehrere unterschiedliche Artikel mit unterschiedlichen Varianten umfasst, wird das schwieriger. Die Herausforderungen sind ganz andere. Durch diese Form der Bestellungen wird das manuelle Handling in den Distributionszentren wesentlich umfangreicher. Salopp ausgedrückt: Wo vorher für eine Bestellung nur ein Handgriff notwendig war, sind heute zehn Handgriffe für eine einzige Bestellung notwendig. Das kostet nicht nur mehr Zeit, sondern steigert auch die Fehlerhäufigkeit. Gleichzeitig stehen die Retailer beim E-Commerce direkt mit den Kunden in Kontakt – und diese verzeihen keine Fehler. Mit anderen Worten: E-Commerce erhöht den Aufwand in den Distributionszentren der Fashion-Branche und deswegen müssen sich dort auch die Abläufe anpassen.

BLOGISTIC.NET: Die Distributionszentren der Fashion-Branche ändern sich also. Wie müssen diese aus Ihrer Sicht heute aussehen?
Ahrens: Der Mensch verschwindet nicht aus dem Lager, d.h. das klassische Lager für hängende und liegende Ware, aus dem händisch kommissioniert wird, bleibt nach wie vor bestehen. Der Unterschied ist jedoch, dass die händisch kommissionierte Ware jetzt einer automatisierten Lösung übergeben wird. Diese befördert die einzelnen, kommissionierten Artikel in der richtigen Reihenfolge zu einem Pack-Arbeitsplatz, wo diese dann entsprechend verpackt werden, samt Werbematerial, Rechnung usw.

BLOGISTIC.NET: Hört sich eigentlich nicht so sehr nach einem hohen technischen Aufwand an. Die Lösungen, die Sie selbst in der jüngsten Zeit realisiert haben, sprechen jedoch eine andere Sprache …
Ahrens: Ja, denn je nach Anforderungen sind unterschiedliche technische Lösungsansätze gefragt, von einfachen Anlagen bis zu komplexen mit Sortern auf unterschiedlichsten Ebenen. Die technischen Herausforderungen liegen hier vor allem in den umgeschlagenen Mengen und dem Retourenmanagement. Ein teilautomatisierter Ansatz, der häufiger nachgefragt wird, ist der, dass man einen automatischen Liegewarensorter hat, der eine größere Anzahl von Endstellen umfasst. Jede Sorterabgabe bekommt dabei eine fixe Anzahl von Kundenaufträgen zugewiesen. Die Sortierung der Waren auf den einzelnen Kundenauftrag erfolgt dann als zweite manuelle Sortierstufe.

BLOGISTIC.NET: Und wie soll der vollautomatisierte Ansatz aussehen?
Ahrens: Eine ganz neue, vollautomatisierte Lösung, die die Dematic zum Beispiel anbietet und die explizit auf das E-Business zugeschnitten ist, ist unser Taschensorter-System. Hier wird die Ware zwar auch erst einmal händisch aus einem statischen Regal kommissioniert, aber dann in das Taschensorter-System aufgegeben, das System puffert diese Ware in dynamischen Speicherkreiseln zwischen. Aus den Pufferkreiseln wird dann die benötigte Ware automatisch gepickt und über den Sorter zum Packplatz gebracht; in der richtigen Reihenfolge und nach Kundenbestellungen sortiert. Gleichzeitig bietet diese Lösung den Vorteil, die Retouren, die mit dem E-Commerce verbunden sind, leichter in den Verkaufskreislauf zurückzuführen. Die Retourware wird bei dieser Lösung nämlich gar nicht mehr in das statische Lager, sondern direkt in das Taschensortersystem aufgegeben und dort dynamisch gelagert. So steht das Teil sofort wieder für den Kommissionierprozess zur Verfügung und kann automatisch gepickt werden.

BLOGISTIC.NET: Warum investieren Fashion-Unternehmen eigentlich in solche Automationslösungen?
Ahrens: Die Beweggründe sind unterschiedlich. Ein Treiber ist natürlich das Internet. Der andere ist aber auch das Bedürfnis, gleichzeitig den Nachlieferservice der Filialen zu verbessern. Noch immer werden sogenannte Prepacks eines Fashion-Artikels mit verschiedenen Varianten geschnürt, zum Beispiel mit den Größen „Small“, „Medium“, „Large“ und „X-Large“. Die Nachbelieferung erfolgt dann auch mit den geschnürten Prepacks, auch wenn beispielsweise nur zwei Größen von einem Artikel verkauft wurden. Das führt schließlich zu Überbeständen von Varianten in einer Filiale. Mit unseren Sortierlösungen kann der Nachlieferservice nun exakt und tagesgenau nach den Bedürfnissen jeder einzelnen Filiale erfolgen. Werden also die Größen „Small“ und „Medium“ eines Artikels verkauft,
werden auch nur diese nachgeliefert. Das spart Zeit und Logistikkosten und verhindert Fehlbestände. Zudem kann sich der Verkaufsmitarbeiter viel besser seiner eigentlichen Aufgabe, dem Kundenservice und dem Verkauf, widmen, weil er nicht unnötig mit Sortier- und Räumarbeiten belastet wird. Und last but not least können so die begrenzten Flächen in den Filialen besser als Verkaufsflächen genutzt werden, weil kein Lagerraum für Überbestände frei gehalten werden muss.

BLOGISTIC.NET: Kann man die auf diese Weise eingesparten Kosten auch erfassen?
Ahrens: Das ist schwierig, da wir als Lieferant ja die Kostenstruktur unserer Kunden nicht im Detail kennen. Es sind ja auch nicht nur die Kosten der eigentliche Antrieb, sondern strategische Ziele. Unsere Kunden wollen eine bessere Liefergenauigkeit erzielen, die Ware schneller ausliefern können und dem Endkunden sowie der Filiale einen besseren Service bieten. Gleichzeitig sollen Prozesse optimiert werden, wobei Technik helfen kann. Darum sind unsere Kunden-Lieferanten-Beziehungen auch immer sehr intensiv. Es geht nicht um den Verkauf einer Maschine, sondern um Problemlösungskompetenz.

BLOGISTIC.NET: Das Business ist also sehr beratungsintensiv …
Ahrens: In der Tat. Viele unserer Kunden schalten daher einen Berater ein. Aber sehr viele kommen auch direkt zu uns, weil wir durch unsere Spezialisierung auf Fashion über sehr viel Know-how bis in die Prozessebene hinein verfügen. Diese Breite verschafft uns eine hohe Flexibilität in der Denkweise und führt so zu ausgeklügelten, sehr individuellen Lösungsansätzen.

BLOGISTIC.NET: Vielen Dank für das tolle Gespräch! 
www.dematic.com

(Anm.d.Red.: Das Interview wurde Anfang 2015 geführt. Inzwischen wurde die SDI Group Europe von Dematic gekauft und ist nun ein Teil des Automations-Konzerns. Winnie Ahrens ist bei Dematic als Senior Sales Manager für den Bereich Fashion nach wie vor tätig.)