ADVANCED ROBOTICS – Arbeitsplätze in Industrienationen nicht gefährdet

In Industrienationen wie Deutschland oder Österreich dürften Arbeitsplätze durch Automatisierungsinvestitionen wie Advanced Robotics kaum gefährdet sein. Das ergab eine Studie der Boston Consulting Group. Dafür werden Produktivitätsgewinne pro Arbeitsplatz erwartet.

Auf der anstehenden Hannover Messe Industrie ist Advanced Robotics als Schlüsseltechnologie für die sich selbststeuernde Fabrik der Zukunft einer der Toptrends. Im Unterschied zu normalen Industrierobotern können Advanced Robotics auf ihre Umwelt reagieren und selbstständig handeln. Die Studie Advanced Robotics in the Factory of the Future der Strategieberatung Boston Consulting Group (BCG) zeigt, dass die Verantwortlichen in Industrieunternehmen, insbesondere in EU-Staaten wie Deutschland, Frankreich oder Österreich vor allem die Chancen der neuen Technologie sehen. Dort geht man insgesamt von einem geringeren Stellenabbau aus als beispielsweise in weniger entwickelten Ländern wie etwa China. Aber auch in EU-Ländern wie in Polen rechnet man mit Stellenabbau durch Roboter-Technologien. „Vor allem chinesische Unternehmen rechnen mit einem Abbau vor Arbeitsplätzen. In China finden zum einen viele Tätigkeiten statt, die leicht zu automatisieren sind, zum anderen ist eine menschenlose Fabrik generell eher vorstellbar als in Österreich“, sagt Hannes Pichler, BCG-Partner und Leiter der Praxisgruppe Operations in Deutschland und Österreich. Ein ähnliches Bild zeichnet sich in Polen ab.

Regionale Unterschiede

Advanced Robotics (Foto: Vanderlande / RS Media World Archiv)
AR: Kommissionierroboter (Foto: Vanderlande / RS Media World Archiv)

Insgesamt 67 Prozent der chinesischen und 60 Prozent der polnischen Unternehmen gehen davon aus, dass Roboter Arbeitskräfte in der Produktion ersetzen. Etwa ein Fünftel der Befragten sowohl in China als auch in Polen glaubt sogar, dass durch den Einsatz von Robotern mehr als 20 Prozent der Arbeitsplätze in der Produktion eingespart werden können. In Deutschland liegt dieser Wert bei zwei, in Österreich bei fünf Prozent. 31 bzw. 32 Prozent in Deutschland und Österreich erwarten nur einen moderaten Abbau von 5 bis 10 Prozent der Arbeitsplätze bis 2025. Dies dürfte vor allem daran liegen, dass in China und in Polen noch sehr viele standardisierbare Tätigkeiten durch Automation ersetzt werden können, wohingegen der Automatisierungsgrad in Deutschland oder Österreich in vielen Bereichen sehr weit fortgeschritten ist.

Produktivitätsgewinne erwartet.

Über die Hälfte der befragten Unternehmen glauben an deutliche Produktivitäts­gewinne durch den Einsatz von Advanced Robotics. Vor allem Routineaufgaben wie das Be- und Entladen von Maschinen werden in Zukunft automatisiert. Doch Pichler ist sicher: „Das bedeutet weniger Jobabbau, als vielmehr Bedarf an Weiterbildung.“ So wollen weltweit 62 Prozent der Firmen Jobs mit Robotikbezug schaffen. „Es entstehen neue Tätigkeitsprofile, die neue Fähigkeiten erfordern. Fortschrittliche Roboter sind eine Chance, Mitarbeiter weniger mit einfachen, manuellen Tätigkeiten zu betrauen, sondern in Richtung anderer Tätigkeiten zu entwickeln. Es können ganz neue Jobkategorien entstehen.“

Anspruch und Wirklichkeit

Advanced Robotics (Foto: Dematic / RS Media World Archiv)
AR: Kommissionierroboter von Dematic (Foto: Dematic / RS Media World Archiv)

Hinsichtlich des Potenzials sind sich die Befragten aus den verschiedenen Ländern einig. Der Automatisierungsgrad soll bis 2025 um mehr als 15 Prozentpunkte erhöht werden, was zu einem Großteil auf den Einsatz von Robotern zurückzuführen sein wird. Industrieübergreifend haben bisher jedoch nur elf Prozent Advanced Robotics erfolgreich imple­mentiert. Dies liegt zum einen an den hohen Investitionskosten für die neue Tech­nologie und zum anderen daran, dass viele der Befragten diese Technik für noch nicht ausgereift genug halten. Dennoch planen 86 Prozent der befragten Unter­nehmen die Implementierung von Advanced Robotics in den nächsten drei Jahren. Spitzenreiter sind Indien, China und Polen mit Werten von fast 100 Prozent. Österreich liegt – ähnlich wie Deutschland -- mit einem Wert von 89 Prozent im Mittelfeld, während Japan mit 72 Prozent das Schlusslicht bildet. „Aufstrebende Staaten wie Indien haben hohe Erwartungen an Advanced Robotics. Dabei geht es weniger um eine Lohnkostensenkung als um eine Verbesserung der Produktionsqualität“, sagt Pichler. Der Wert für Japan lasse sich dadurch erklären, dass der aktuelle Reifegrad der Technologie noch nicht den Vorstellungen der Manager entspreche.

Es fehlt an Implementierungsvisionen

Trotz der überwiegenden Begeisterung für den Einsatz autonomer Roboter gibt es bei der Umsetzung noch Probleme: Nur ein Fünftel der Befragten hat bereits eine konkrete Strategie oder Anwendungsszenarien entwickelt. „Ambition und Realität gehen heute noch auseinander, oft wird zu viel erwartet, was die Fähigkeiten von Robotern betrifft. Allerdings werden wir in den nächsten drei bis fünf Jahren deutliche Fortschritte bei den Anwendungsmöglichkeiten in Produktion und Logistik sehen. Der Einsatz von Advanced Robotics in der Fabrik der Zukunft ist unumgänglich in einer Welt, in der Produkte komplexer und immer mehr auf den Benutzer zugeschnitten werden“, erklärt BCG-Partner Pichler.

Bedeutung für Produktion wächst weiter

In der Produktion nimmt die Bedeutung moderner Roboter in der Zukunft zu. Die Automobilindustrie setzt moderne Roboter heute bereits ein, um zum Beispiel Werkstücke autonom zu bearbeiten, komplexe Montageprozesse durchzuführen oder Logistikprozesse wie das Greifen von Teilen aus Kisten zu automatisieren. Mit fahrerlosen Transportfahrzeugen (AGVs) verbunden, können moderne Roboter in Zukunft große Arbeitsbereiche abdecken, beispielsweise das Anbringen von Teilen an verschiedenen Orten oder die Bearbeitung großer Werkstücke.
 
46 Prozent Zuwachs für AR. Der Markt für Advanced Robotics wächst bis 2021 um insgesamt 46 Prozent und wird auf ein Volumen von 3,7 Milliarden US-Dollar allein für Produktionsaufgaben ansteigen. „Industrieunternehmen, die wettbewerbsfähig bleiben wollen, denken jetzt über den Einsatz von modernen Robotersystemen nach“, sagt Pichler. Es gelte ein eigenes Zielbild für die Fabrik der Zukunft zu entwickeln, das den jeweiligen Bedürfnissen entspricht. Die Geschäftsleitung müsse darüber hinaus klar kommunizieren, wie die Roboter den Produktionsablauf verändern würden und welche Konsequenzen ihr Einsatz für die Belegschaft haben könnte. Eine wichtige Grundvoraussetzung ist eine entsprechende Systemarchitektur, die den Einsatz modernster Roboter erst möglich macht und auch Schutz vor möglichen Cyberattacken bietet. „Das Ziel ist die sich selbst steuernde Fabrik“, resümiert Pichler.

Roboter ersetzen Menschen nicht

Die Studie bestätigt daher Untersuchungen, dass Roboter und künstliche Intelligenz bei der Lösung zahlreicher Produktionsprobleme helfen können. Gleichzeitig bestätigt sie die Erfahrung der Befragten, dass Roboter tatsächlich meist effizienter als Menschen arbeiten. Sie ist aber auch ein weiteres Indiz dafür, dass Roboter keine Arbeitsplätze bedrohen. Bei den Befragten geht es nämlich in erster Linie darum, das Problem der Produktionseffizienz zu lösen und nicht Arbeitsplätze abzubauen. In Zeiten von Fachkräftemangel geht es daher unterm Strich also darum, knappe Mittel wie das Knowhow von Fachkräften sinnvoller in der Produktion einzusetzen, als für standardisierbare Tätigkeiten und sie dort einzusetzen, wo die Bedürfnisse der Endverbraucher befriedigt werden müssen.

Über die Studie
Für ihre Studie Advanced Robotics in the Factory of the Future hat die Boston Con­sulting Group (BCG) Führungskräfte sowie Produktions- und Technologiemanager von weltweit mehr als 1.300 Großkonzernen und mittelständischen Unternehmen verschiedener Industrien zur Bedeutung und zu den Vorteilen von Advanced Robotics für die industrielle Produktion befragt. Die Studie zeigt den aktuellen Stand in der Produktion sowie die Ambitionen der befragten Unternehmen.
Über Advanced Robotics
Advanced Robotics ist ein Schlüsselelement für die weitere Automatisierung von Produktions- und Logistikprozessen. Verbesserte Wahrnehmung, Integrierbarkeit, Adaptabilität und Mobilität charakterisieren die Technologie. Diese Fähigkeiten ermöglichen die Umsetzung der sich selbst steuernden Fabrik der Zukunft. Dazu werden vor allem technische Entwicklungen in den Bereichen Datenverarbeitung, Sensorik und Cloud-/Edge-Computing sowie neue Materialien genutzt.


Die vollständigen Ergebnisse der Studie finden Sie zum hier Download.

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